Stählerne Legion

Fantasy Roman
(In Arbeit – Veröffentlichung 2022) 

Christian Paul Autor Fantasy Enorien Cover Platzhalter Staehlerne Legion 396x612

Band eins der Enorien-Trilogie

Ein rachsüchtiger Krieger mit panischer Angst vor Monstern, eine übersinnlich begabte Diebin, die Geister sieht und ein lüsterner Philosoph auf der Suche nach Ruhm und Anerkennung haben eine Sache gemein: Die Welt ist untergegangen.

Was noch von ihr übrig ist, hat es auch nicht viel leichter. Blutrünstige Fäulnisbestien belagern die Grenzen Enoriens, machtgierige Fürsten intrigieren gegen die Demokratie und gefährliche Anomalien erscheinen in der Nähe uralter Artefakte.
In diesem Zeitalter der Furcht und des Hasses ist es nicht leicht, ein Held zu sein. Schon gar nicht als Soldat der Stählernen Legion.

Das muss auch Daros erkennen, als er das Schwert gegen seine Kameraden erhebt, um einen geheimnisvollen Fremden vor einer Horde Bestien zu retten. Doch ist er der Schlüssel zur Rettung der Menschheit oder gar ihr Untergang?

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Kapitel 1 (Ganzer Text)

1. Monster der Vergangenheit

Schwarzufer stand in Flammen. Horden von Bestien jagten mordend durch die brennende Stadt. Verstümmelte Leichen säumten die Straßen und der Gestank von Fäulnis wehte durch die Gassen. Aus dem rabenschwarzen Nachthimmel stießen geflügelte Schrecken herab und rissen den fliehenden Einwohnern das Fleisch vom Leib. Vom Westufer des Striakon erklangen die Schreie der Verteidiger und das Klirren ihrer Waffen.
Daros klammerte sich an den Rock seiner Mutter und schaute zu ihr auf. Während sie versuchte, die Schmiede aufzuschließen, tanzten die Schatten zweier Fackeln über ihr verschrecktes Gesicht. Sie hatte versprochen, hier wären sie sicher vor den Monstern.
Warum hat sie gelogen?
»Schneller Felra, sie kommen!«, drängte Daros’ Vater.
Ihre Hände, sonst kräftig und ruhig, zitterten so sehr, dass der Schlüsselbund klimperte. In ihren großen Augen wütete das blanke Entsetzen.
Daros sah nach seinem großen Bruder, der als breitschultriger Riese über ihm aufragte und die Finsternis mit dem gehetzten Blick eines gejagten Tiers durchsuchte, die Fackel fest umklammert, als hielte er den Griff einer Streitaxt.
Neben ihm lauschte Daros’ Vater mit stoischer Miene dem fernen Lärm des verzweifelten Abwehrkampfes. Sein Gesicht lag in Falten und Schweiß glänzte auf seiner Stirn.
»Felra!«, knurrte er.
Sie erschrak und ließ die Schlüssel fallen.
Behren kam ihr zur Hilfe. »Lass mich das machen, Mutter.«
Sie trat einen Schritt zurück und klammerte sich an Daros’ Schultern, die schon die stolze Last von sechs Wintern getragen hatten. Das Zittern ihrer Hände ließ ihn erschaudern, aber er blieb standhaft, so wie es sich für einen Naar gehörte.
Behren hob den Schlüsselbund auf, öffnete das Schloss und riss das Tor der Schmiede mit einem Ruck zur Seite. »Los, rein!«
Daros wurde von seiner Mutter in die Finsternis der Familienwerkstätte geschoben. Behren steckte die Fackeln in Wandhalterungen, während sein Vater das Tor zuzog, von innen verriegelte und sich dann mit grimmigem Blick umsah. Schließlich zeigte er auf das Tor. »Wir müssen es verbarrikadieren.«
Die beiden vernagelten den Eingang mit Brettern und stützten ihn mit allerhand Waffen. Sie schoben Werkbänke davor, türmten Tische auf und beschwerten das Konstrukt mit Ambossen, bis eine mannshohe Mauer vor ihnen aufragte. Nach getaner Arbeit traten sie von ihrem Werk zurück, wischten sich den Schweiß von der Stirn und lauschten angespannt.
Daros hörte gehetzte Schritte über die Straße klatschen, dicht gefolgt von einem bestialischen Knurren. Jemand stolperte vor der Schmiede und der verzweifelte Schrei einer Frau ließ die Luft erzittern.
Daros und Behren sahen seinen Vater erwartungsvoll an, doch der schüttelte den Kopf und hielt einen Finger an die Lippen. Hinter dem dichten, metallbehangenen Bart war sein Gesicht aufs äußerste angespannt.
Die Hilferufe steigerten sich zu einem schrillen Kreischen und endeten schließlich in einem erstickten Gurgeln.
Daros hielt den Atem an, aus Angst er könnte die Monster anlocken. Er drückte sich näher an seine Mutter, doch selbst ihre Wärme konnte ihm keinen Trost spenden, ihm nicht die Furcht vor den Alpträumen nehmen, die diese Nacht zum Leben erweckt hatte. Er presste die Augen zusammen.
Bitte Geister, weckt mich auf!
Mit dem Verstummen der Frau wurde es draußen still. Nur der ferne Kampflärm wehte durch die Ritzen des Tors.
Ist es fort?
Daros öffnete die Augen. Sein Vater und Behren sahen einander an und für einen Moment lang wagte Daros zu hoffen.
Ein Knall ließ sie alle zusammenfahren. Behren trat instinktiv einen Schritt zurück. Daros starrte entsetzt auf das verbarrikadierte Tor, das unter einem mächtigen Schlag erbebt war. Dahinter erklang das Gurgeln eines sterbenden Tieres, doch Daros wusste, dass das Monster nicht wirklich tot war.
Erneut knallte es und die Barrikade erzitterte. Daros’ schmale Schultern taten weh, als seine Mutter ihre Finger in sie vergrub, aber er ertrug es und suchte in den Augen seines Vaters nach Mut. Doch alles, was er fand, war Verzweiflung.
Es knallte wieder und diesmal entkam Daros vor Schreck ein Schrei. Seine Mutter presste ihm sofort eine Hand auf den Mund. Behren starrte ihn mit großen, vorwurfsvollen Augen an und der Blick seines Vaters verfinsterte sich noch weiter.
Es tut mir leid!
Das sterbende Gurgeln verwandelte sich in ein wütendes, tierisches Kreischen. Scharfe Krallen scharrten am Tor, schlugen dagegen, ein zorniges Fordern, das Daros an die vielen Nächte erinnerte, in denen die Wächter seine Familie grundlos aus dem Haus gezerrt hatten.
Wie versteinert stand er da und lauschte dem Kratzen, das von einer Seite des Tors zur anderen wanderte. Faulige Luft kroch durch die Ritzen zwischen den Brettern und verdrehte Daros den Magen. Es stank noch entsetzlicher als hinter der Gerberei des alten Rembert. Er wollte den Mund zum Atmen öffnen, doch seine Mutter presste ihm weiter eine Hand auf die Lippen und die andere auf die Brust.
Der gellende Schrei der Bestie ließ die Schmiede erbeben und das Werkzeug an den Wänden klirren. Dann entfernten sich ihre Schritte und abermals umfing sie Stille.
Sein Vater drehte sich zu ihnen um. In seinem Blick sah Daros einen Funken Hoffnung aufglimmen – und sogleich wieder erlöschen.
Die Bestie knallte mit wütendem Gebrüll gegen das Tor, dass Behren zurücksprang und Felra erschrocken aufschrie. Nur Daros’ Vater blieb standhaft. Die Barrikade erbebte und Sägemehl rieselte von den angenagelten Brettern. Wieder folgte eine kurze Pause, ehe es abermals donnerte und ein Tisch umstürzte.
»Gradahn!«, hauchte Felra unter Tränen.
Er sah ihr lange in die Augen, so wie er es immer tat, bevor er zu einer seiner langen Reisen antrat, um Materialien für die Schmiede zu besorgen. Der Blick weckte in Daros ein Gefühl von Abschied und die Angst, ihn nie wieder zu sehen.
Sein Vater nahm eine schwere Streitaxt mit doppelter Schneide von der Wand und reichte sie seinem Bruder. Für einen Moment hielten sie beide den Griff fest, wobei sich ihre Finger berührten. Gradahn ließ die Waffe los, packte Behren am Nacken und zog ihn zu sich, sodass sich ihre Köpfe berührten. Eine Weile sahen sie einander in die Augen, was das beklemmende Gefühl in Daros’ Brust nur noch verstärkte. Sein Vater nickte und unter Tränen erwiderte Behren das Nicken. Er wollte an ihrer Seite stehen.
Wäre ich doch nur größer und stärker.
Beim nächsten Knall stürzte ein Amboss von der Barrikade und Daros sah Staub, Sägemehl und Holzsplitter im Schein der Fackeln tanzen.
Gradahn löste zwei Handäxte von den Wandhalterungen.
Daros sah zu seiner Mutter hoch und als sie ihm endlich die Hand vom Mund nahm, flüsterte er: »Es tut mir leid.«
»Schon gut.« Sie strich ihm durchs Haar. »Die Ahnen und Geister stehen uns bei.«
»Ja, der große Bheldur beschützt uns ganz sicher.«
Draußen kreischte die Bestie und krachte abermals gegen das Tor. Sie würde nicht verschwinden. Daros spürte es.
Ein weiterer Balken gab nach und polterte zu Boden. Als die Bestie sich wieder und wieder gegen das Tor warf, wuchsen Risse im Tor und Splitter schossen durch die Schmiede.
Daros’ Atem raste beim Anblick der langsam zerbröckelnden Barrikade. Die Furcht lähmte seine Glieder und dennoch konnte er den Blick nicht abwenden.
Ahnen, bitte steht uns bei!
Seine Mutter schob ihn ans Ende der Werkstatt, wo tagsüber die Schmiedefeuer brannten. Daros spürte, dass die Esse noch einen Rest Wärme ausstrahlte.
»Bleib dicht hinter mir.«, befahl sie ihm und er gehorchte.
Obwohl sich Daros fürchtete, spähte er an seiner Mutter vorbei zum Tor. Die Bestie schlug röchelnd einen Spalt hinein. Daros sah ihre Krallen, wie sie im Holz scharrten, scharf wie die Messer, die sein Vater fertigte. Immer wieder hackten sie zu und öffneten den Riss weiter.
Gradahn trat vor, hob die Äxte über den Kopf, wartete kurz und schlug dann zu. Er schlug der Bestie einige Krallen ab, die zu Boden fielen und dort noch eine Weile zuckten. Das Biest kreischte und schwarzes, fauliges Blut spritzte auf Gradahns schmutziges Leinenhemd. Das Ungetüm warf sich noch wütender gegen das Tor und brachte es zum Erbeben.
Behren wollte sich zu seinem Vater stellen, doch der streckte ihm die Hand entgegen. »Bleib zurück!«
Daros sah ein Schwert neben der Esse liegen, frisch geschmiedet aber noch ohne Griffumwickelung. Beim Spielen hatte er oft Waffen gegen die Bestien geschwungen, vor denen seine Mutter immer gewarnt hatte. Hunderte Monster waren unter seinen mächtigen Hieben gefallen, doch nun, wo er eines leibhaftig vor sich hatte, verließ ihn sein Mut. Er wusste, dass er an der Seite seines Vaters und seines Bruders stehen sollte, doch neben ihnen fühlte er sich klein, hilflos und schwach. Er hatte ja noch nicht einmal sein Geisttier gefunden.
Seine Mutter holte plötzlich einen kunstvoll verzierten Dolch hervor, von dem Daros wusste, dass sie ihn stets unter ihrem Rock trug. Sie kniete sich vor ihn und hielt ihm die Waffe hin. »Nimm ihn! Er gehört dir.«
Daros nahm den Dolch und betrachtete ihn voller Ehrfurcht. Die Klinge war fast so lang wie sein Unterarm und entsprang einem hölzernen, runenverzierten Griff. Der flackernde Schein des Feuers tanzte über den polierten Stahl. Am meisten faszinierte ihn jedoch der metallene Knauf in Form eines Falkenkopfes; dem Geisttier seiner Mutter.
»Gib gut acht auf ihn, er war ein Geschenk deines Vaters.«
Daros nickte und fühlte, wie ihn neuer Mut erfüllte. Der Dolch war zwar kein Schwert, aber immerhin eine Waffe. Seine Mutter lächelte aufmunternd und strich ihm durchs Haar. »Hab Vertrauen, die Geister geben uns Kraft.«
Ein Krachen ließ sie beide herumfahren. Daros sah, wie die Bestie am Tor riss und sein Vater auf die Krallen einschlug, die immer kurz im Spalt aufblitzten. Ihr schrilles Geschrei tat ihm in den Ohren weh und so umklammerte er den Dolchgriff noch fester. Sein Vater und Behren würden das Monster vertreiben.
Als sich das Monstrum das nächste Mal gegen das Tor warf, brachen die Holzbalken mit ohrenbetäubendem Getöse entzwei. Durch die Wucht wurde die Werkbank umgerissen. Daros starrte fassungslos das mannshohe Loch an, das jetzt im Tor klaffte und durch das eine vierbeinige Bestie mit Krallen wie Sicheln und Zähnen wie Messerklingen kletterte.
»Komm nur her!« Gradahn sprang zur Seite, hackte mit den Äxten auf den aufgequollenen Hals des Monstrums ein und zog so seine Aufmerksamkeit auf sich. »Jetzt Behren!«
Daros’ Bruder zögerte nur einen Augenblick, dann fasste er Mut, wirbelte die schwere Kriegsaxt über dem Kopf und ließ sie auf den Rücken der Bestie niederfahren. Daros hörte ein widerwärtiges Knacken und Krachen, wie beim Metzger, wenn er die Schweine zerteilte.
Das Monster schrie auf und schlug mit seiner Pranke nach seinem Vater. Er wich zurück, reagierte aber nicht schnell genug, um dem Angriff zu entgehen. Die Krallen zerrissen sein Leinenhemd und zogen ihm blutige Striemen über die Brust. Behren kam ihm zur Hilfe und versenkte die Axt ein weiteres Mal tief im Rücken der Bestie, wodurch sie aufschrie und lange genug abgelenkt war.
Gradahn vollführte eine Drehung, in der er die Äxte schwang und mit ihnen die verunstaltete Fratze in zwei Hälften hackte. Der mit Zähnen wie Nägel besetzte Unterkiefer brach herab, was das Monstrum aber nicht daran hinderte, mit der zerfetzten Pranke nach Gradahn zu schlagen. Er wurde gegen die Wand geschleudert, ruderte mit den Armen und warf damit Werkzeuge von den Halterungen.
Daros’ Mutter schrie auf und drückte ihn so fest an sich, dass er kaum Luft bekam. Behren nutzte den Moment und holte zu einem zerstörerischen Hieb aus. Die Axt fuhr hernieder und zerteilte das Rückgrat der Bestie, worauf sie röchelnd zusammenbrach.
Behren sprang über ihre deformierten Überreste hinweg und half seinem Vater auf die Beine. »Vater, geht es dir gut?«
Der schwankte kurz und stand sogleich wieder aufrecht, als wäre nichts geschehen. Er spuckte Blut auf den zuckenden Leichnam der Bestie und wischte sich die Lippen am Ärmel seines zerfetzten Hemds ab. Anschließend legte er Behren eine Hand auf die Schulter und nickte. »Gut gemacht, mein Sohn.«
Daros lächelte. Sie hatten es dem Monster gezeigt.
Als er das tote Wesen jedoch genauer betrachtete, verging ihm das Lachen. Der Anblick erinnerte ihn an diesen toten, halb verfaulten Hund, den er einmal beim Spielen am Flussufer entdeckt hatte. Der Körper der Fäulnisbestie war grässlich verformt, als hätte Osfrith der fette Metzger sie aus alten Knochen- und Fleischresten zusammengestückelt. Daros konnte nicht glauben, dass dieses stinkende Monster einmal ein Eisenwolf gewesen sein sollte, wie es seine Mutter stets behauptete.
Sie hatte ihm Geschichten von der Fäulnis und ihren Bestien erzählt, die die Menschen aus ihren Reichen vertrieben und nach Enorien gejagt hatten. Doch selbst seine finstersten Alpträume brachten keine solchen Schrecken hervor. Er umklammerte den Dolchgriff so fest, dass seine Finger schmerzten, und zog Mut aus der Waffe.
Ein Naar ist stets mutig und stark!
Seine Eltern tauschten einen längeren Blick aus. Daros sah Zuversicht in ihren Augen aufblitzen und Sekunden später schwinden, als draußen in der rabenschwarzen Nacht ein leises Raunen zu hören war. Zuerst hielt es Daros für ein Flüstern, doch es wurde immer lauter und bald von einem leichten Beben begleitet, das durch den Boden der Schmiede lief.
Daros bemerkte die Veränderung im Gesicht seines Vaters und erschrak, als dessen ängstlicher Blick ihn traf. »Felra, versteck den Jungen unter der Esse.«
Seine Mutter nickte. Sie zog Daros an die Esse, wo er schon viele Male dabei geholfen hatte, Waffen oder Werkzeuge zu schmieden. Unter dem aus schweren Steinblöcken erbauten Schmiedeofen lag eine niedrige, halbkreisförmige Öffnung, in der sich die Asche sammelte und die er immer austragen durfte.
»Daros, du musst da jetzt hineinkriechen.«, sagte Felra.
Als Daros in dieses schwarze Loch schaute, überfiel ihn ein kalter Schauer und er schüttelte den Kopf. »Ich will aber nicht.«
Felra kniete sich vor ihn, umfasste seine Hände mit dem Dolch darin und sah ihn an. »Bitte Daros, dort drinnen bist du in Sicherheit.«
»Aber ich will lieber bei dir bleiben.«
Seine Mutter lächelte. Ein strahlendes Lächeln, das sein Herz erwärmte und ihn die Angst kurz vergessen ließ.
»Mein Junge.« Sie strich ihm durch das kurze Haar. »Mein mutiger Junge. Hab bitte keine Angst, ich bin gleich hier draußen.«
»Mama.« Daros warf sich ihr um den Hals. »Schick mich bitte nicht weg. Es tut mir leid, dass ich geschrien habe. Ich werde auch mutig sein.«
Ein Grollen und Donnern rollte durch die Straßen und wehte durch das zerstörte Tor herein, dass es Daros kalt den Rücken hinunter lief. Jetzt erst bemerkte er, dass das Geschrei der Verteidiger und das Klirren ihrer Waffen verstummt waren.
Daros’ Mutter drückte ihn fest an sich und flüsterte: »Zeigst du mir, wie tapfer du bist, und kletterst für mich hinein?«
Er löste sich aus der Umarmung, sah in das schwarze Loch unter der Esse und dann in die Augen seiner Mutter, die im Schein der Fackeln feucht glänzten. Sie schenkte ihm ein weiteres warmes Lächeln.
Er fürchtete dieses schwarze Loch, doch er wollte mutig sein, so wie sein Vater, sein großer Bruder und seine Ahnen. Immerhin war er ein Naar. Also packte er den Dolchgriff fester, atmete tief durch und kroch dann mit den Beinen voran in den schwarzen Abgrund unter dem Schmiedeofen, der gerade groß genug für ihn war. Es war stockfinster unter der Esse und es stank furchtbar nach Ruß, doch er schob sich mutig durch die Asche tiefer in die Dunkelheit.
Das Gesicht seiner Mutter erschien vor der Öffnung. »Gut so. Und egal was geschieht, bleib dort. Hast du verstanden?«
Daros hielt den Dolch fest umklammert und nickte.
»Sie kommen.«, hörte er seinen Vater inmitten des anschwellenden Raunens sagen. »Macht euch bereit!«
Der Lärm außerhalb der Schmiede wuchs zu lautem Getöse heran. Das Getrampel erschütterte den Boden wie ein Erdbeben. Es mussten wirklich viele Monster sein. Daros spürte es am ganzen Körper und zog die Schultern ein. Er sah seinen Vater und seinen Bruder am aufgebrochenen Eingangstor Wache halten, die Äxte zum Kampf erhoben. Neben der Esse stand seine Mutter, von der er nur die Beine und den Saum ihres Rocks erkennen konnte.
Das Donnern und Beben wurde lauter und lauter. Asche und Staub rieselten auf Daros herab. Draußen klirrten die Werkzeuge und rasselten die Ketten.
Daros riss die Augen auf, als er draußen vor dem gespenstischen Schein der brennenden Stadt schwarze Silhouetten vorbeihuschen sah. Es waren viel zu viele, um sie zu zählen.
»Ahnen, steht uns bei!«, hörte er seine Mutter flüstern.
Bald lösten sich zwei Schatten aus der Horde und wandten die deformierten Köpfe dem Eingang zu. Obwohl sie kleiner als das erste Monster waren, blickten ihre finsteren Augen nicht weniger blutrünstig in die Werkstatt. Hässliche Schnauzen mit schiefen Mäulern öffneten sich und entblößten Reihen schwärzlicher Zähne. Ihr Gurgeln und ihr fauliger Gestank erfüllten die Schmiede. Daros kannte diesen hungrigen Blick von den Straßenhunden, die umherstreiften und sich im Kampf um jede tote Ratte gegenseitig zerfleischten.
Daros sah, wie sein Vater seine Muskeln anspannte. Er war noch größer und kräftiger als Behren und doch wirkte er mickrig im Vergleich zu den Monstren, die jetzt ihre krallenbewährten Pranken auf den Boden der Schmiede setzten.
Die größere Bestie griff zuerst an. Gradahn wich rechtzeitig zur Seite aus und schlug mit beiden Äxten zu. Behren hieb mit dem Beil hinterher, wurde jedoch vom Knochenschwanz des Monsters getroffen und zurückgeschleudert.
»Behren.«, schrie Daros’ Mutter auf und er hörte das Zischen von Metall, wenn eine Klinge gezogen wurde.
Sein Vater riss eine Axt hoch. »Felra, bleib bei Daros!«
Die kleinere Bestie glotzte Behren mit hässlichen, gierigen Augen an und spannte sich zum Sprung. Gradahn zertrümmerte unterdessen der größeren eine Gesichtshälfte und hechtete dann über ihren deformierten Leib, direkt vor das geöffnete Maul der kleineren. Sie schnappte nach ihm und versenkte ihre Zähne tief in seinem linken Unterarm.
Daros hatte seinen Vater noch nie schreien gehört, doch jetzt brüllte er der Bestie trotzig ins Gesicht und hieb ihr dabei die Axt in wilder Wut zwischen die Augen.
Behren kam wieder auf die Beine, ergriff ein am Boden liegendes Schwert und zog es sirrend aus der Scheide. Er schlug der größeren Bestie eine Klaue ab, bevor diese seinem Vater weiter zusetzen konnte.
Der hackte wütend auf das entstellte Maul ein, in dem sein Arm eingeklemmt war. Rotes und schwarzes Blut vermischte sich und floss über seinen Arm. Die Bestie riss an ihm, wollte ihn herumschleudern, doch er wehrte sich verbissen.
Behren trieb die Schwertklinge bis zum Heft in die Augenhöhle des Monstrums. Es röchelte, doch selbst im Sterben gab es Daros’ Vater nicht frei und riss ihn mit zu Boden, wo sich unter ihm eine stinkende, schwarze Lache ausbreitete.
Daros sah, wie sich das größere Monster hinter Behren aufbäumte und stieß einen Warnruf aus: »Behren, hinter dir!«
Sein Bruder reagierte – aber zu spät und so vergrub die Bestie ihre Zähne in seinen Schultern. Er schrie auf, schlug nach der bluttriefenden Schnauze, wurde aber schon im nächsten Atemzug zu Boden gerissen.
Daros sah seine Mutter ihren Rock zerreißen, einen Kriegsschrei ausstoßen und schwertschwingend zu dem Monster hinstürzen. Sie stieß das Schwert in seine Flanke, tauchte unter dem wütenden Gegenschlag hindurch und hieb ihm die Pranke ab. Ihr langer, metallbehangener Zopf peitschte bei jeder Bewegung durch die Luft. Daros sah den Schwanzhieb kommen – seine Mutter jedoch nicht.
Sie wurde in den Bauch getroffen und ging stöhnend zu Boden. Das Schwert fiel ihr klirrend aus der Hand.
Daros streckte die Hand nach ihr aus. »Mama!«
Sein Vater riss die Augen vor Entsetzen und Verzweiflung auf, den Arm immer noch im Maul der toten Bestie gefangen. Er stieß ein wildes Geheul aus, lauter und schrecklicher als alles, was Daros je gehört hatte. Sein Gesicht war zu einer zornigen Fratze verzerrte und ganz schwarz vom Fäulnisblut. Er schlug mit der Axt auf die hässliche Schnauze der Bestie ein, zertrümmerte ihre Zähne und riss sich davon los. Voller Schrecken sah Daros, wie seine Haut aufplatzte, das Fleisch barst und Knochen brachen. Doch dann war Gradahn frei. Als wäre nichts geschehen wirbelte er die Streitaxt über dem Kopf und stürzte brüllend zur Bestie hin, die sich an Behren labte.
Mächtige Axthiebe schlugen tiefe Wunden in das faulige Fleisch. Daros verfolgte benommen, wie sein Vater in blinder Raserei gegen das Wesen anging und es dadurch von Behren weglockte, der regungslos neben dem Blasebalg des Schmiedeofens lag.
Während sein Vater mit der Bestie rang, stürzte seine Mutter zu Behren, zog ihn zur Seite und schloss ihn in ihre Arme. Daros sah, dass er versuchte, etwas zu sagen, doch statt Worte kam ihm nur Blut über die Lippen. Seine Mutter strich Behren durch das nasse Haar und redete auf ihn ein, doch durch das Gebrüll seines Vaters und der Bestie konnte Daros nichts davon verstehen. Er verstand so vieles nicht. Wieso waren die Bestien hier? Wo waren die Geister, wo die Ahnen? Und wieso half ihnen niemand? Menschen müssen einander doch helfen. War das die Strafe Bheldurs dafür, dass sie die Frau vor der Schmiede im Stich gelassen hatten?
Seine Augen füllten sich mit Tränen und seine Stimme wurde brüchig. »Bitte große Geister, rettet meinen Bruder.«
Unfähig etwas zu unternehmen, sah er zu, wie sein Vater ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben mit der Bestie rang. Ein Hieb traf ihn, riss neue Wunden in seine Brust und warf ihn zu Boden. Noch im Liegen schlug er dem schrecklichen Wesen eine Klaue ab und richtete sich blitzschnell wieder auf. Er kämpfte selbst wie eine Bestie und schaffte es trotz seiner Verletzungen, dem Wesen den Schädel zu spalten.
Daros erschrak, als sich sein Vater umdrehte und ihn mit rasendem Blick ansah. Er wirkte unmenschlich – wie ein wildes Tier. Das Fäulnisblut floss in schwarzen Bahnen sein faltiges, vernarbtes Gesicht herab. Nur das dreckige Weiß seiner Augen kam hinter der blutigen Maske zum Vorschein. Die muskulöse Brust war ein zick zack tiefer Wunden, der linke Arm hing in Fetzen. In diesem Moment fürchtete Daros seinen Vater mehr als die Bestien draußen und er war froh, als er sich seiner Mutter zuwandte.
»Ist er … gegangen?«
Seine Mutter senkte ihre Stirn auf Behrens herab. »Das ist er.«
Daros wollte nicht, dass Behren ging. Es wollte doch noch so viel von ihm lernen und mit ihm unternehmen.
»Steh auf, Behren.«, rief Daros. »Steh doch bitte auf.«
Seine Eltern sahen schweigend zu ihm herüber, die Gesichter in Trauer und Schmerz gehüllt. Warum sagten sie nichts? Warum taten sie nichts?
»Verzeih mir …« Sein Vater stürzte neben Behren und seiner Mutter auf die Knie. Die Axt rutschte aus seiner blutigen Hand und fiel klirrend zu Boden. »… dass ich euch nicht beschützen kann.«
Seine Mutter ergriff den unversehrten Arm seines Vaters. »Es ist nicht deine Schuld.«
Er senkte den Blick. »Wir hätten nicht hierbleiben dürfen.«
»Wir hatten keine andere Wahl.«
»Man hat immer eine Wahl.« Sein Vater schüttelte den Kopf. »Ich hätte euch fortbringen sollen, tiefer ins Landesinnere oder in die Berge.«
»Gradahn.« Sie nahm sein blutüberströmtes Gesicht zwischen ihre Hände und sah ihm in die tränenden Augen. »Es ist nicht deine Schuld.«
Er öffnete und schloss den Mund mehrere Male, sagte aber nichts. Stattdessen bedachte er Behren mit einem langen Blick, in dem Daros neben Trauer auch Stolz zu erkennen glaubte. Mit zittrigen Fingern schloss Gradahn Behrens Augenlider und berührte dann dessen Stirn mit seiner. »Es tut mir leid, mein Sohn. Ich habe dich enttäuscht.«
»Er war stark im Leben.«, hörte Daros seine Mutter sagen. »Er wird die eisige Weite durchqueren und sicher die Tore Kuranars erreichen.«
Sein Vater legte Behren eine Hand auf die Stirn und schloss die Augen. »Ahnen, führt und beschützt Behren auf seiner Reise zu euch.«
Ein Gurgeln ließ sie alle aufhorchen und eine weitere Bestie – größer noch als die letzte – erschien im Eingang. Daros’ Eltern tauschten einen Blick aus und er hatte das unbestimmte Gefühl, es wäre der Letzte. Dann erhob sich sein Vater, nahm die Axt und drehte sich zu dem Monster um.
»Na, was ist, du grässliches Biest? Ich habe schon Hunderte deiner Art getötet und du wirst nicht das Letzte sein.«
Er brüllte und griff an. Daros erlebte das Geschehen wie durch dichten Nebel. Alles in ihm fühlte sich taub an.
Wieso wache ich nicht endlich auf?
Seine Mutter tauchte plötzlich vor dem Schmiedeofen auf, beugte sich zu ihm herab und nahm ihm damit die Sicht auf den Kampf. »Daros, sieh mich an!«
Er gehorchte.
»Es wird jemand kommen, egal wie lange es dauert, aber es wird jemand kommen.«, sagte sie. »Verstehst du?«
»Wer wird kommen, Mama?«
Sie lächelte, streckte ihre Hand aus und las sein Gesicht mit ihren Fingerspitzen. »Ein Held, der dich retten wird. Du musst nur fest daran glauben.«
Daros verstand nicht. »Und was ist mit euch?«
Seine Mutter zuckte zusammen, als Gradahn einen Schmerzensschrei ausstieß. Daros sah ihre Lippen lächeln, aber ihre Augen nicht.
»Wir reisen nach Kuranar, ins Land der Ahnen.«
Daros’ Augen füllten sich mit Tränen. »Das dürft ihr nicht!«
»Weißt du, Daros, jeder muss diese Welt eines Tages verlassen.« Daros gefiel nicht, wie sie ihn ansah, als wollte sie sich jedes Detail seines Gesichtes für eine lange Reise einprägen. »Aber niemand geht für immer.«
»Dann nehmt mich mit.«
»Es ist eine beschwerliche Reise, die jeder alleine antreten muss.« Sie schüttelte den Kopf. »Für dich ist es noch zu früh. Du musst erst stärker werden, Daros. Aber eines Tages werden wir uns wiedersehen.«
»Lasst mich nicht alleine.« Seine Lippen bebten. »Ich schaffe das nicht.«
»Doch das tust du.« Sie streichelte sein Gesicht. »Solange du nur auf dein Herz hörst. Du musst keine Angst haben. Wir werden immer über dich wachen.«
Daros hörte zwei grässliche Schreie und wusste nicht wo, jener seines Vaters begann und jener der Bestie aufhörte. Seine Mutter warf einen Blick über die Schulter und der Schrecken entstellte ihr Gesicht einen Augenblick lang – lange genug für Daros, um zu verstehen. Als sie ihn jedoch das nächste Mal ansah, wirkte sie gefasst und ruhig. Trotz Tränen lächelte sie.
»Mein Junge, dass du nie aufgibst und stets deinem Herzen folgst, hörst du?«
Daros zögerte. Er wollte ja stark sein, aber wieso konnte er nicht mit ihnen gehen? Er hatte doch getan, was sie wollte. Wieso ließ sie ihn jetzt zurück? War er wirklich zu schwach für die Reise oder war es, weil er vorhin geschrien hatte?
»Versprich es mir, Daros!«
Tränen rannen seine Wangen herab und vermischten sich mit Ruß und Asche. »Ich verspreche es.«
»Gut.« Sie lächelte wieder, diesmal aufrichtig und voller Wärme. »Und jetzt klettere ganz nach hinten und schließe die Augen. Halte sie geschlossen, egal was du hörst.«
Daros gehorchte ihr dumpf. Er kroch soweit zurück, bis er die Wand mit seinen Füßen berührte, und presste die Augen zusammen, dass es wehtat. Er hörte das Gurgeln der Bestie, das Schweigen seines Vaters und den Kriegsschrei seiner Mutter.
Kampfgeräusche drangen an sein Ohr. Er wollte aus diesem Alptraum erwachen und hoffte, dass, wenn er die Augen das nächste Mal öffnete, all die Schrecken verschwunden seien.
Als ein Schmerzensschrei seiner Mutter in der Luft zitterte, hielt er es nicht länger aus und riss die Augen auf. Er sah sie nahe der Öffnung liegen, das Kleid aufgerissen und blutdurchtränkt, die riesige Bestie tot an ihrer Seite, eine zweite kleinere über ihren Körper gebeugt. Das wolfsähnliche Monstrum stieß seine Zähne in ihren Rücken und riss ein Stück Fleisch heraus.
»Mama!«
Sie blickte zu ihm herüber, halb lebendig, halb tot. »Schließ die Augen, Daros, schließ sie!«
Diesmal gehorchte er nicht. Er konnte nicht. Verzweifelt klammerte er sich an ihren Blick. »Bitte geh nicht.« Doch er konnte sehen, wie das Licht in ihren Augen flackerte und schließlich ganz erlosch.
Das Monster labte sich weiter an seiner Mutter, hielt dann plötzlich inne, das blutige Maul weit aufgerissen und gab ein langgezogenes Keuchen von sich. Dabei zuckte sein monströser Leib. Eine unnatürliche Kälte zog herauf und Daros zitterte, als es ihm trotz der Esse jegliche Wärme aus den Gliedern zog.
Die Bestie schüttelte sich, wandte sich um und starrte ihn an. Er erschrak und rutschte weiter zurück, doch es gab nicht mehr viel, wohin er konnte. Seine Knie scharrten bereits an der Rückwand. Das Monster stieg langsam über die Leiche seiner Mutter hinweg und näherte sich der Öffnung von der Seite. Für einen Augenblick verschwand es aus Daros’ Sichtfeld.
Seine Zähne klapperten, sein Herz raste und mit seinen hastigen Atemzügen wirbelte er Asche auf.
Daros kreischte, als eine monströse Schnauze vor der Öffnung auftauchte und gierig nach ihm schnappte. Fauliger Atem wehte ihm entgegen und ließ ihn nach Luft ringen. Er starrte in das Antlitz dieses unglaublichen Schreckens, der gurgelte, knurrte und schnaubte wie ein Tier, das sterben wollte, es aber nicht konnte. Die Bestie erinnerte Daros an einen schwarzen Wolf, den er in einem seiner Alpträume gesehen hatte. Reihen bluttriefender Zähne steckten in dem spitzzulaufenden Wolfsgesicht, das grausam zu lächeln schien. Zwei gelbe Augen starrten ihn gierig an.
Das Maul klappte wütend vor seinem Gesicht zu, öffnete sich zu dem grausamen Lächeln und schnappte wieder zu – immer und immer wieder. Er konnte nicht atmen, nicht blinzeln, nicht denken. Die Angst wütete in ihm und er spürte, wie etwas Warmes sein Bein entlanglief. Der Geruch von Pisse und Asche vermischte sich mit dem Gestank der Fäulnis.
Nachdem das Monster eine Weile vergeblich nach ihm geschnappt hatte, richtete es sich auf und stapfte mit rasselndem Atem vor dem Schmiedeofen auf und ab. Zwischen seinen deformierten Beinen konnte Daros immer wieder einen kurzen Blick auf die Körper seiner Familie werfen. Er hatte geglaubt, sie wären unsterblich, doch nun lagen sie leblos auf dem blutüberströmten Boden der Schmiede. Sie waren gegangen, hatten ihn zurückgelassen und er hatte nichts tun können.
Er fühlte etwas tief in sich drinnen zerbrechen.
Plötzlich warf sich die Bestie hin und schlug mit einer Pranke in die Öffnung. Die Krallen erreichten Daros und zogen drei blutige Spuren über sein Gesicht. Er schrie auf und erwachte.

 

Kapitel 2 (Ganzer Text)

2. Tödliche Stille

Daros fuhr hoch. Der Dolch seiner Mutter sprang wie von selbst in seine Hand. Schwer atmend berührte er die dreiteilige Narbe, die quer über sein Gesicht verlief. Ein glühend heißer Splitter aus Schmerz brannte in seiner Brust und erschwerte ihm das Atmen.
Nicht schon wieder!
Zähnefletschend krallte er die Finger in seine Brust. Jeder Muskel in seinem Körper war zum Reißen gespannt. Sein von blutigen Erinnerungsfetzen überlagerter Blick irrte im Zelt umher. Im trüben Schein eines roten Heizkristalls sah er zwei Dutzend verstümmelter Leichen liegen. Abgetrennte, blutige Gliedmaßen, herausquellende Innereien, zerfetzte Gesichter und dazwischen ein Fäulniswolf. Er schlich im Zelt umher und starrte Daros aus gelben Augen an, die blutige Schnauze zu einem abstoßenden Lächeln verzerrt. Ein leises, bedrohliches Knurren drang aus seiner Kehle.
Daros kniff die Augenlider so fest zusammen, dass es schmerzte.
Du bist nicht echt! Es ist nur ein Alptraum!
Er zwang sich, ruhig und tief zu atmen. Kühle Luft füllte seine Lungen und mit jedem Atemzug glaubte er Feuer zu speien. Doch es half und allmählich beruhigte sich sein rasendes Herz. Als er das nächste Mal die Augen öffnete, war der Wolf verschwunden und anstelle der Leichen lagen Soldaten der Stählernen Legion, die friedlich auf ihren Lagern vor sich hin schnarchten.
Daros wischte sich den Schweiß von der Stirn, steckte den Dolch seiner Mutter unter sein Kissen und ließ sich zurückfallen. Derselbe Alptraum wie jede Nacht. Früher hatte er gehofft, die Erinnerungen würden sich eines Tages abnützen, so wie sich auch Klingen abnutzten. Heute wusste er es besser.
Neben ihm rührte sich eine Kameradin. Wildes, feuerrotes Haar blitzte unter einer grauen Decke auf.
»Daros?«, murmelte Reva verschlafen. »Haben wir schon Mauerwache?«
»Noch nicht.« Er zog ihre Decke ein wenig höher. »Schlaf weiter.«
Sie drehte sich mit einem Murren zur Seite.
Daros lauschte dem Schnarchen und Gemurmel seiner Kameraden, die dicht beieinanderlagen. Es beruhigte ihn und er fühlte sich dadurch nicht mehr so alleine. Gegen die Einsamkeit half es allerdings wenig. Durch die mit unzähligen Stoffresten geflickten Zeltwände strömte die Kälte des Nordens, die der rote Heizkristall im Zentrum des Zelts nie ganz vertreiben konnte. Daros war das nur Recht, denn er hatte das Gefühl, sein Körper würde verglühen. Am liebsten wäre er nackt in den Schnee gesprungen – doch Schnee gab es leider nur jenseits der Mauer. Und dort wollte man nicht hin, wenn einem das Leben lieb war.
Eine Weile versuchte er wieder einzuschlafen, kapitulierte aber bald. Er stand auf, legte seine leichte Ausrüstung an und schnallte sich sein Schwert um, sorgfältig darauf bedacht, keine seiner neunundzwanzig Kameraden zu wecken. Dann schlich er aus dem Zelt.
Draußen erwartete ihn eine frostige, mondhelle Nacht. Er schloss die Augen, legte den Kopf in den Nacken und ließ den kalten Nordwind über sein Gesicht streichen. Dabei stellte er sich vor, wie er auf einem schneebedeckten Berggipfel in Urdnaar stand. Mit einem tiefen Seufzen öffnete er die Augen und sah am Nachthimmel den zerbrochenen Mond.
Eine Weile betrachtete er seine zerklüftete, weißgraue Oberfläche und die vielen verschieden großen Bruchstücke, die er wie einen Schweif hinter sich herzog. Ein orangefarbenes Leuchten ging von seinem Zentrum aus. Die Efrier sahen in ihm die tausend Augen Gaharoks, des bösen Zerstörergottes. Das war natürlich Quatsch. Jeder Naar wusste, dass der Mond die Verkörperung Bheldurs war, Sohn des großen Geistes, der seinen rechtmäßigen Platz am Firmament, an der Seite seiner Brüder und Schwestern aufgegeben hatte, um die Welt gegen die ewige Kälte zu verteidigen. Daros fühlte mit ihm, denn er wusste nur zu gut, was es bedeutete, von seiner Familie getrennt zu sein.
Im gesamten Lager war es still. Nur das Flattern der Planen war zu hören, wenn der Wind durch die heruntergekommene Zeltstadt fuhr. Die löchrigen, und nur behelfsmäßig geflickten Zelte drängten sich dicht aneinander, so wie die Schlafenden in ihnen. Ein trauriger Anblick, so wie der Rest des Lagers.
Daros warf einen kurzen Blick auf die Schmiede, die den Namen nicht verdient hatte. Sie war bloß ein schief zusammengenagelter Bretterverschlag mit einem Schleifstein und einem winzigen Ofen darin. Sein Vater hätte darüber nur gelacht – aber mehr stand ihnen hier nicht zur Verfügung. Kurz spielte Daros mit dem Gedanken, einige der stumpfen Schwerter zu schleifen, überlegte es sich dann aber anders. Der Lärm hätte das ganze Lager geweckt und auch den Hauptmann. Und das war keine besonders gute Idee.
Daros ließ die Schlafzelte, die Schmiede und das Lazarett hinter sich, passierte die Feldküche sowie die alten Katapulte und machte einen weiten Bogen um das Kommandozelt, das im Zentrum des Feldlagers stand.
Daros ging zum Ausrüstungszelt und trat ein. Der Geruch von Stahl, Leder und Öl stieg ihm in die Nase. Ein guter Geruch. Eine Soldatin mit sommersprossigem Gesicht und langem goldenen Haarzopf sah von dem fleckigen Helm auf, der vor ihr auf einem kleinen Holztisch lag.
»Kannst mal wieder nicht schlafen, was?«
»Nein.« Daros zeigte auf den Helm. »Und du, Hannah? Wie läuft die Schlacht gegen den Rost?«
»Diese Schlacht kann man nur verlieren.«, sagte sie finster. »Man sollte uns besser in die Rostige Legion umbenennen.«
Daros lächelte gequält. »Nur nicht aufgeben.«
»Willst du mir nicht zur Hand gehen?« Hannah klopfte auf den Helm, lehnte sich dann auf ihn und hob die Augenbrauen. »Wo du schon mal wach bist.«
»Nichts lieber als das.«, entgegnete Daros und zeigte über die Schulter. »Aber ich bin als Nächstes mit Mauerwache dran.«
Sie schüttelte sich. »Na dann viel Vergnügen beim Arsch abfrieren.«
»Hilfst du mir in die Rüstung?«
»Klar doch.« Sie legte den Helm beiseite und half Daros, seine schwere Plattenrüstung anzulegen. Es dauerte eine Weile, bis er voll ausgerüstet war. Seine behandschuhten Finger glitten wie von selbst über die vertrauten Kerben an seinem Armschützer. Anschließend nahm er sein Schwert und betrachtete es im Licht der Kristalllampe. Es war eine einfache Waffe, der Stahl glanzlos, die Klinge, trotz aller Bemühungen sie zu schärfen, von feinen Kerben durchzogen. Kein Vergleich zu den glänzenden Waffen, die sein Vater geschmiedet hatte.
Er schob das Schwert in die Scheide zurück und schnallte es sich dann um.
»Hier dein schweres Eisen.« Hannah reichte ihm einen riesigen Turmschild. »Und sieh zu, dass du dir keine Frostbeulen holst.«
»Ich werde es versuchen.«, sagte Daros und verließ das Zelt.
Er bewegte sich kurz in der Rüstung. So war es besser – fast fühlte er sich vollständig. Während andere unter ihrem Gewicht stöhnten, trug er sie mit der Leichtigkeit eines Leinenhemdes. Mit seinen stolzen sieben Fuß galt er nämlich selbst unter den Naar als Riese – wie sein Vater damals.
Daros ließ die Zeltstadt hinter sich und stapfte über eine der Holzplanken, die über den Graben des Feldlagers führten. Unter seinen Stiefeln spürte er die unter Schutt und Steinen vergrabenen Stahlplatten. Seine Schritte hallten metallisch aus dem Bauch der darunterliegenden Bestiengrube wider.
Vor ihm ragte die vierzig Fuß hohe, langsam verfallende Mauer der Nordwacht auf. Eingeklemmt zwischen den steilen Hängen zweier Felsmassive erschien sie ihm jedoch winzig, geradezu zerbrechlich, ein Ameisenhaufen zwischen zwei Bäumen. Und er war eine der Ameisen.
Daros erklomm eine der steilen Steintreppen und stieg über die kaputten Stufen hinweg. Oben angekommen sah er die Banner der Legion im feurigen Schein der Fackeln flattern. Der Stoff war zerrissen, die Farbe ausgeblichen. Schwert, Schild, Speer und Bogen – die Symbole der Legion – waren kaum noch als solche zu erkennen.
Der Anblick hatte ihn früher mit Stolz erfüllt, doch seit er hier im Norden war, tat er das immer seltener. Als er sich umsah, wusste er, dass heute keiner dieser Tage war. Der Wehrgang war kaum bemannt, obwohl er Platz für mehr als zweihundert Soldaten bot. Nur drei Gruppen zu je drei Stählernen wärmten sich an den Feuerstellen. Daros schüttelte den Kopf. Wie üblich vernachlässigten diese Idioten ihre Pflichten, machten es sich lieber bequem, statt die Grenze zu bewachen. Er stapfte zur Brustwehr, stellte den mannshohen Turmschild in Griffweite ab und legte den Helm zwischen zwei Zinnen. Mit seiner linken Hand befühlte er den Schwertgriff an seiner Seite. Ein gutes Gefühl.
Er blickte hinaus auf die Titanenbresche, die ihren Namen der Tatsache verdankte, dass sie aussah, als hätten Riesen mit Äxten einen Keil in die Gebirgskette gehauen. Zumindest tagsüber. Nachts erinnerte Daros der enge Gebirgspfad eher an das aufklaffende Maul einer riesigen, schlafenden Bestie. Kaltes Mondlicht durchbrach die rissige Wolkendecke und lief schillernd an den gefrorenen Felswänden herab, die wie Zähne zu beiden Seiten des vereisten Pfades aufragten. Schneewehen krochen über die scharfkantigen Ränder, als würde die Bestie einatmen, ein letztes Schnauben vor ihrem Erwachen. Fauliger Atem strömte aus ihrem Rachen, geboren aus dem schwarzen Herz der Dunkelheit jenseits der schneegekrönten Gebirgszüge.
Von der Mauer aus konnte Daros einen Blick auf Urdnaar erhaschen, dem Land seiner Vorfahren, auch wenn es nur ein winziger Ausschnitt zwischen den Felswänden war.
Hier, am nördlichsten Vorposten Enoriens hatte er gehofft seine Familie zu spüren, die Kraft seiner Ahnen zu finden oder auch nur die Stimmen der Geister zu hören, doch erneut fand er nur Stille. Diese verdammte Grabesstille, wie man sie nur nachts an den Grenzen hören konnte und in der sich der gesamte Zorn der Totenwelt zu vereinen schien. Diese Stille besaß ihren eigenen bösen Willen, kroch in die Gedanken der Menschen, infizierte sie mit Angst und Verzweiflung und nährte sich von ihrer Hoffnung. Daros hatte viele Männer auf die Brustwehr klettern sehen, die Blicke leblos, als wären sie längst tot, nur hatte jemand vergessen, es ihnen mitzuteilen. Sie sprangen oft wortlos, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Wenn es an diesem Ort Geister gab – und das bezweifelte er – dann meinten sie es nicht gut mit den Menschen.
Daros horchte auf, als der eisige Nordwind mit einem Heulen durch die Bresche fuhr und von jenseits des Gebirges eine Vorahnung von Gefahr herantrug. Seinem kalten Hauch folgte der süßliche Gestank der Fäulnis, der ihn an die Schrecken der Vergangenheit erinnerte; und an den Racheschwur, den er geleistet hatte. Er sog die stinkende Luft tief ein, biss die Zähne zusammen und umfasste den Schwertgriff fester.
Ich bin hier und warte auf euch, ihr verdammten Biester!

 

Kapitel 3 (Ganzer Text)

3. Die Felsspalte

Es stank nach Schweiß und feuchten Mösen, nach verschüttetem Schnaps und Pfeifenrauch, nach frischer Kotze und scharfer Lauge. Eine ungemein widerwärtige Mixtur, aber eigentlich typisch für ein schäbiges Bordell am Arsch der Welt. Netara hätte sich am liebsten übergeben, wäre ihr der Eintopf nicht zu schade gewesen, obwohl sie schon halbtote Ratten gegessen hatte, die leichter runtergegangen waren. Aber beim Essen war man besser nicht wählerisch, letzten Endes wusste man nie, wann man das nächste Mal etwas zwischen die Zähne bekam. Und nichts war schlimmer als Hunger.
Netara lehnte an der abgegriffenen, schmierigen Theke, das Gesicht hinter ihrer Kapuze verborgen und saugte schmatzend die letzten Fasern des dünnen Eintopfs aus ihren Zahnlücken. Dabei spähte sie unablässig hinüber zu der Felsspalte, die diese zu einem Bordell umgebauten Grotte den klingenden Namen verdankte.
Als ein weiterer Gast durch den Spalt trat, spannte sie sich instinktiv an, nur um abermals enttäuscht zu werden. Wieder nicht der, auf den sie schon seit Stunden wartete. Stattdessen noch so ein dreckiger Lump, der seinen noch dreckigeren Schwanz irgendwo ins Feuchte tunken wollte.
Wo bleibt der elende Bastard nur?
Netara zwang die Anspannung in ihren Schultern zurück, und versuchte sich abzulenken, indem sie eine Silbermünze über ihre Fingerknöchel hüpfen ließ – vom Zeigefinger bis zum kleinen Finger und wieder zurück. Aber dieser Ort machte es ihr nicht leicht. Zu viele Erinnerungen von der hässlichen Sorte. Widerwillig beobachtete sie das wilde Treiben ringsum. Die Felsspalte brodelte nur so vor Gelächter, Gesprächen und Gestöhne. An den Tischen lachten, spielten und sangen Bergarbeiter, die sich nach einem anstrengenden Arbeitstag mit einem Krug schalen Biers oder einer Schüssel wässrigen Eintopfs für den Hauptgang stärkten.
Netara beobachtete ein halbnacktes Mädel aus Vilbalis mit dunkler Haut wie feuchtem Sand dabei, wie sie von einem Tisch zum nächsten tänzelte, immer dem Duft von Geld und Honigwein folgend.
Die Männer steckten ihr Kupferstücke zu und durften sie als Gegenleistung für einen Augenblick besitzen, sich an ihrer samtigen Haut und den weichen Brüsten erfreuen. Doch das Vergnügen war von kurzer Dauer, nur ein Vorgeschmack auf die Freuden, die sie für ein oder mehr Stücke Silber in den Kammern nebenan erwarten durften.
Das war die erste und zugleich wichtigste Regel des großen Spiels und wie die meisten hatte Netara sie schon als Kind gelernt: Im Leben wurde einem nichts geschenkt.
Das musste auch der milchgesichtige Bursche aus Enorien erkennen, als ihm die sandhäutige Schönheit über das Gesicht strich, ihm einen Abschiedskuss auf die Wange drückte und dann anmutig von seinem steifen Schoß glitt. Er lächelte scheu und klammerte sich verzweifelt an den reich verzierten Folianten auf seinem Schoß, als könne der den Ständer unter seiner Robe verdecken. Armes Bürschchen. Was hatte der hier überhaupt verloren, so weit weg vom Zentrum? Seine Sorte verließ doch sonst nie den Schoß ihrer geliebten Hauptstadt.
Die Vilbali winkte ihm zum Abschied und schwenkte ihre Hüften zum Nachbartisch, wo eine Dorhalerin acht Bergleute bei einer Runde Skron um ihr hart verdientes Geld erleichterte. Diese Einfaltspinsel bemerkten gar nicht, wie sie mit gewitzten Worten, flinken Fingern und gezinkten Karten übers Ohr gehauen wurden, da sie allzu sehr von ihren prallen, aus dem Ausschnitt quellenden Brüsten abgelenkt wurden.
Es war doch überall dieselbe Scheiße.
Netara nippte an dem Selbstgebrannten und sah zur gewölbten Felsdecke hoch, unter der mehrere rötliche Kristalllampen schwebten, die für ein sinnliches Lichtspiel in der Grotte sorgten. Blasshäutige Zwillingsmädchen schwammen durch ein unsichtbares Feld, das verhinderte, dass sie herunterfielen und eine blutige Sauerei auf dem Steinboden hinterließen. Stattdessen rieben sie die eingeölten Leiber aneinander und küssten sich unter den Klängen eines Barden. Das war dann doch etwas Neues. Bei dem Anblick konnte man beinahe den grässlichen Geschmack des Eintopfes vergessen und so mancher offenbar auch die Familie zu Hause.
Eine Bande stockbesoffener Efrier feuerte die Mädchen an, indem sie grölend mit den Bechern auf die Tische klopften, und Münzen zu ihnen hochwarfen, die dann langsam zur Decke emporstiegen.
Netara hatte schon so einiges von den überall im Land auftretenden Anomalien gehört, jedoch nie selbst eine zu Gesicht bekommen. Ehrlich gesagt war sie etwas enttäuscht, denn sie hatte mehr als nur fliegende Mädchen erwartet, auch wenn sie ganz hübsch anzusehen waren.
Neben Netara drängte ein junger Naar mit der Statur einer Felswand, mächtigem Bart und Kinderaugen eine Dirne an die Wand. Er schob ihr die Zunge so tief und ungeschickt in den Rachen, als wollte er von ihrem letzten Abendessen kosten. Kein Wunder bei dem Eintopf. Netara entging nicht, wie das Mädchen nach seinem Geldbeutel fingerte, geschickt zwei Silbermünzen herausfischte und sie in ihrem Höschen verschwinden ließ.
Sie lächelte. Männer waren auch überall gleich.
Wie die meisten Bordelle im Land wurde auch die Felsspalte von den Krähen geführt, Enoriens verkommenster und gefährlichster Gruppe Krimineller. Huren und Lustknaben, Tänzerinnen und Schausteller, Musiker und Wirte, sie alle dienten den Krähen als Augen und Ohren. Im Austausch für Geld, Schutz und Privilegien entlockten sie ihren Freiern, Bewunderern und Gästen die dunkelsten Geheimnisse.
Das Artefakt im Zentrum der Felsspalte erleichterte ihnen die Arbeit, indem es die Hemmungen senkte und Gürtel, Geldbeutel sowie Lippen lockerte. Das bemerkten all die Idioten aber nicht. Sie sahen in dem Gebilde aus ineinander verschlungenen Metallranken, die sich nach oben hin verjüngten und auf denen orangefarbene Kerben und Symbole glühten, bloß einen auffälligen Kleiderständer. Netara spürte seine Wirkung deutlich als Pochen in ihren Schläfen, blieb aber ansonsten davon verschont.
Es überraschte sie nicht, hier auf gestohlene Ethera zu treffen. Sie kannte die Regeln des Spiels und die Tricks der Krähen, denn bis vor einigen Monaten war sie noch stolz gewesen, eine von ihnen zu sein.
Wenig hatte sich seit ihrer Abwesenheit geändert, am wenigsten ihr Hass auf solche Orte. Zu viele Menschen, zu viel Lärm, zu viele gierige, lüsterne Blicke und Hände. Überall anders wäre sie jetzt lieber gewesen, aber was man wollte, spielte im Leben selten eine Rolle.
»Was hockst du hier faul rum?«
Netara erschrak und wandte sich zu der kehligen Stimme um, bemerkte aber sofort, dass nicht sie gemeint war.
Ein breitschultriger Alter mit losen, krausen Fäden statt Haaren und einem blutroten Wutausbruch anstelle seines Gesichtes trat eine am Boden knienden Gestalt. »Hab ich dir nicht gesagt, du sollst die scheiß Kotze da wegmachen? Hörst wohl schlecht.«
Er trat die stumme Gestalt zu seinen Füßen noch einmal und verschwand dann kopfschüttelnd und wild vor sich hin fluchend in einem Hinterzimmer.
Netara betrachtete sein Opfer: eine dunkelhäutige Arvirsklavin, die in einen Lumpensack gehüllt und an eine Kette gefesselt den Boden scheuerte. Ihre Bewegungen wirkten schwerfällig und abgehackt, als würde sie wie eine Marionette an Fäden gezogen. Die Frau war so abgemagert und entkräftet, dass Netara ihr Alter unmöglich schätzen konnte. Was von ihr übrig war, hätte kaum für die Hunde gereicht. Als sie bemerkte, dass sie angestarrt wurde, hob sie müde den Blick. Inmitten ihres dunklen, fast schwarzen Gesichts strahlten hellblaue Augen wie zwei runde Fenster, durch die fahles Mondlicht fiel. Augen wie Netaras – nur vollkommen ausdruckslos.
Sie suchte in ihnen nach einem Funken Leben, der Kraft zum Widerstand oder auch nur einem stillen, unbeugsamen Trotz, fand aber nichts dergleichen.
Wehr dich!
Netara versuchte es ihr alleine mit ihrem Blick verständlich zu machen, doch die Sklavin starrte sie nur aus trüben Puppenaugen an, hinter denen sich eine endlose Leere auszubreiten schien. Sie hatte aufgegeben, so wie alle ihrer Art. Für solche Schwächlinge empfand Netara kein Mitleid und wandte sich ab.
Sie schämte sich, selbst zur Hälfte eine Arvir zu sein, aber man konnte sich seine Eltern nun mal nicht aussuchen, so wenig wie die ersten Karten, mit denen man ins große Spiel startete. Das Leben war eben nicht fair, man durfte nicht auf Hilfe hoffen und musste einfach das Beste daraus machen. Netara hatte bei ihrer Geburt dasselbe miese Blatt wie alle Arvir erhalten, aber nicht aufgegeben, sondern gekämpft und es im richtigen Moment ausgespielt. Ein kleiner Sieg, aber groß genug für ein kleines Stückchen Freiheit.
»Die Schlacht der fünf Heere, ich sag’s euch, das war die glorreichste Schlacht aller Zeiten.«, verkündete der verwahrloste Säufer neben Netara. Seine blumige Aussprache und die zerfranste, kupferbraune Rotzbremse unter seiner geröteten Nase ließen keinen Zweifel daran, dass er ein ehemaliger Ritter aus Viclais war. »Ich erinnere mich, als ob es gestern gewesen wäre. Ein Heer aus Schwarzen verdunkelte den Horizont, dass einem angst und bange werden konnte. Dennoch ritten ich und meine Dragoner der Blutrose tollkühn in die Schlacht.«
Nicht schon wieder!
Er erinnerte sich nun schon zum fünften Mal an diesem Abend. Wenn Netara diese Geschichte noch einmal zu hören bekam, würde sie sein Blut über der Theke vergießen und so viel Aufmerksamkeit konnte sie gerade gar nicht gebrauchen. Bevor der Ritter Luft für seinen sechsten Anlauf holen konnte, ließ Netara die Silbermünze auf die Theke springen. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie er den Mund zuklappte, kurz zögernd an seinem struppigen Schnurrbart zupfte, dann aber doch zugriff.
»Mut und Ehre, wertes Fräulein.« Er zeigte ein abgekämpftes, zerlöchertes Lächeln. »Mein Dank sei Euch auf ewig gewiss.«
Netara winkte ab. »Jaja, Mut und Ehre.«
Nochmal Glück gehabt.
Sie wechselte einen kurzen Blick mit Julima, einer blondlockigen Schönheit, die mit mehreren überquellenden Metkrügen an der Theke vorüberkam. Ihre linke Gesichtshälfte hatte sie unter einem halbseitigen Schleier verborgen. Netara wusste nur zu gut, was sich hinter ihm und dem Lodern in ihren Augen verbarg. Von ihr hatte sie den Hinweis erhalten, dass sich ein ganz besonderer Bastard seit zwei Tagen in Kirksted aufhielt und die Felsspalte jeden Abend heimsuchte. Netara traute der Hure zwar nicht weiter, als sie spucken konnte, dafür aber dem Hass in ihren Augen.
Und es schien, als wäre ihr Vertrauen gerechtfertigt, denn schon im nächsten Augenblick stolzierte eine in einen schwarzen Ledermantel gehüllte Gestalt die Felsspalte herein.
Castor!
Hochgewachsen und schlank wie die meisten Männer aus Ankarat stand der schwarze Graf da, die Daumen locker im Ledergürtel eingehakt, als gehörte das Bordell ihm – was ja auch irgendwie stimmte. Immer noch umgab ihn diese Aura der Überheblichkeit und immer noch verbarg er seine Hände und Absichten hinter ledernen Handschuhen. Netara nahm sich Zeit, sein Gesicht zu studieren. Ihr Blick glitt über seine hohe, gebieterische Stirn, die fliehenden Wangenknochen, seine schmalen, ernsten Lippen und blieb schließlich bei seinen Augen hängen, diesen schwarzen stechenden Augen, die gleichermaßen Gerissenheit wie Autorität ausstrahlten.
Bei dem Anblick kam wieder alles in ihr hoch. Erinnerungen, Gefühle, aber vor allem Übelkeit. Sie verachtete ihn, hasste ihn und zugleich kribbelten ihr mehr als nur die Glieder, wenn sie an ihn und ihre gemeinsame Zeit dachte. Ihr Herz schlug schneller, sie leckte sich über die Lippen und ballte zugleich unter ihrem Umhang die Fäuste.
Dummes Mädchen!
Trotz allem, was er getan und wofür er sie benutzt hatte, reagierte ihr Körper immer noch wie damals, als er sie – ein Mädchen von gerade erst vierzehn Jahren – bei den Krähen aufgenommen hatte. Hätte sie nur damals schon gewusst, welches Monster sich hinter seiner vornehmen Fassade versteckte. Aber es half nichts, darüber nachzugrübeln. Heute war sie fast doppelt so alt und sicher doppelt so klug. Nur das zählte.
Castor sah sich um und strich sich dabei über sein sorgfältig zurückgekämmtes Haar, das wie mit Asche vermischter Ruß glänzte. Als sein Blick Netara streifte, senkte sie den Kopf und beäugte ihn aus den Augenwinkeln weiter. Zu ihrer Zufriedenheit wurde er sofort von zwei halbnackten Dirnen abgelenkt, die sich wie rollige Kätzchen an ihn schmiegten.
Netara dachte an die verunstalteten Gesichter und Leiber jener Mädchen, die Castor als seine Opfer auserkoren hatte. Blutige Muster, zerschnittene Haut, rote Male. Früher hatte sie weggesehen und so getan, als wüsste sie es nicht und wenn das einmal nicht funktionierte, hatte sie sich eingeredet, er hätte gute Gründe für sein Handeln. Immerhin hatte er ihr das nie angetan. Jetzt wurde ihr bei dem Gedanken an seine bestialischen Taten einfach nur noch übel.
Du kriegst schon noch deine gerechte Strafe, verlass dich drauf!
Netara stellte den Becher auf die Theke und stieß sich dann von ihr ab. Mit der Leichtfüßigkeit einer Diebin schlich sie an Bergleuten vorbei, die sich mit den Huren vergnügten, passierte überfüllte Tische voller Geschrei und Gelächter und kämpfte sich durch den vom salzigen Gestank der Lust geschwängerten Dunst.
Niemand bemerkte sie auf ihrem Weg durch das Bordell, obwohl sie für alle sichtbar war. Sie war wie ein blinder Fleck in den Augen der Menschen, ein Phantom am äußersten Rand ihrer Wahrnehmung, wusste aber bis heute nicht, woran das lag. Vielleicht an ihrer Herkunft, ihrer Begabung oder sonst was. Ihr war es egal – es war praktisch, nur das zählte. Und so huschte sie unbemerkt durch die engen Gänge zwischen den Tischen, Castor stets im Blick.
Netara wich einem breitschultrigen Bergmann mit vier überschäumenden Krügen aus, der kurz davor war, sie umzurennen. Erst nachdem ihn der Windhauch ihrer Ausweichbewegung getroffen hatte, blinzelte er sie überrascht an. Als er ihre dunkle Haut und die strahlend blauen Augen unter der Kapuze sah, rümpfte er die Nase. »Aus dem Weg, Sklavin!«
Netara zog die Kapuze tief ins Gesicht und ging weiter.
Immer verrieten sie diese elenden Augen. Ohne sie hielte man sie vielleicht für eine dieser giftigen Vilbali-Kämpferinnen, mit denen man sich besser nicht anlegte. Aber ihre Mutter hatte ausgerechnet eine Arvir sein müssen, eine Sklavin und noch dazu eine Hure. Das nannte man dann wohl Pech.
Netara zog eine Nadel aus ihrem Umhang. Ein Tropfen Blut, mehr brauchte sie nicht. Sie durfte Castor nicht verlieren, selbst wenn sie gezwungen war, ihre Begabung einzusetzen.
Nur noch ein paar Schritte. Ihr Herz pochte in ihrer Brust und ihren Schläfen – wie auch immer es da hingekommen war. Wie gerne hätte sie ihn jetzt einfach erledigt, ihm ihre Dolche in den Rücken gerammt und die Welt von einem weiteren Arschloch befreit. Und von der Sorte rannten beileibe genug herum. Leider brauchte sie ausgerechnet dieses eine Arschloch. Zumindest vorerst. Ihr Auftrag war wichtiger als ihr Hass.
Netara erreichte Castor, dessen Finger und Augen weiter an den Mädchen klebten. Im Vorbeihuschen stach sie seine rechte Schulter und benetzte die Nadelspitze mit Blut. Sie hörte hinter sich ein Klatschen und Zischen und spürte seine suchenden Blicke im Rücken, doch da war sie längst wieder in der Menge untergetaucht.
Sie schmunzelte.
Hättest deine Tricks mal besser für dich behalten.
Im Vorbeigehen stahl sie einer halbnackten Bedienung einen Bierkrug vom Servierbrett und zog sich in die hinterste, dunkelste Ecke der Felsspalte zurück. Dort, am äußersten Rand der allgemeinen Wahrnehmung ließ sie sich neben einem alten Säufer aus Ankarat nieder, der wohl vom letzten Bier niedergestreckt worden war.
Kein Wunder bei dem Geschmack.
Sie stieß ihren Krug gegen seinen. »Auf uns Geächteten.«
Von ihrer finsteren Nische aus beobachtete sie Castor. Er verlor auffallend schnell das Interesse an den beiden Kätzchen und scheuchte sie davon. Ganz zu deren Enttäuschung.
»Seid mal lieber froh.«, murmelte Netara und sah zu, wie er sich an einen runden Tisch direkt am Eingang setzte, um an einem Kartenspiel mit drei zwielichtigen Gestalten teilzunehmen, die sie längst als Krähen entlarvt hatte.
Sie betrachtete die Nadelspitze, auf der eine Ahnung von Blut glänzte, genug, um ihn in der Leere wiederfinden zu können, falls sie ihn verlieren sollte. Dann leckte sie daran und spülte den Mund mit schalem Bier aus. Da sie schon so manche Pisse in ihrem Leben geschluckt hatte, war sie der festen Überzeugung gewesen, von nichts mehr überrascht werden zu können. Doch da hatte sie sich gewaltig getäuscht.
Sie schob den Becher mit einem Finger weg, ließ die Nadel wieder im Umhang verschwinden und überkreuzte die Stiefel am Tisch, ohne den Grafen auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Jetzt hieß es wieder einmal warten. Diesen Teil ihrer Arbeit hatte sie schon früher gehasst. Zu viel Zeit für Grübeleien. Besser man gab den Händen etwas zu tun. Unter dem Umhang spielten ihre Finger unentwegt mit einem der vielen Messer, die sie überall an ihrem Körper verborgen trug. Netara liebte alle scharfen Sachen: einen scharfen Verstand, scharfe Sinne, scharfe Zungen, aber vor allem scharfe Klingen.
Castor unterhielt sich aufgeregt mit seinen Kameraden und sah sich ständig um, als erwarte er, beobachtet zu werden. Netara bezweifelte, dass Julima sie verraten hatte, sonst hätten die Krähen sie längst geschnappt. Doch sein Verhalten war mehr als ungewöhnlich. Da ignorierte er doch glatt die halbnackten Mädchen, als hätte er vergessen, welchen Spaß man mit ihnen haben konnte, und Netara wusste aus erster Hand, dass Enthaltsamkeit nicht zu seinen Tugenden gehörte. Vergessen schien er auch zu haben, wie man im Kartenspiel gewinnt, und das, obwohl Skron zu seinen Lieblingsbeschäftigungen zählte. Er verlor nun schon das dritte Mal in Folge, ganz zur Freude einer kurzhaarigen Stecherin in dunkler Lederkluft, die den Gewinn mit giftigem Grinsen abräumte. Ein kleinwüchsiger Mann mit einer Kraterlandschaft aus Pockennarben statt Gesicht redete wild gestikulierend auf Castor ein. Doch er strich nur gedankenverloren über das Brandzeichen auf seiner linken Wange, das ihn als Ank brandmarkte.
Netara wippte vor und zurück. »Was hat er nur?«
Der Alte neben ihr antwortete mit einem lauten Schnarchen.
Netara zuckte mit den Achseln. »Wenn du das sagst.«
Castor wirkte ruhelos, besorgt, ja fast ängstlich. Niemals! Sie kannte den schwarzen Grafen. Er ließ sich nicht verunsichern – durch gar nichts. Und doch waren seine Hände unruhig und zuckten seine Beine unter dem Tisch. Netara schmeckte die Sache nicht und das lag nicht alleine an dem widerwärtigen Bier.
Noch vor wenigen Tagen war sie der Spur gestohlenen Xeranits gefolgt, hatte an nichts Böses gedacht und plötzlich stand sie dem zweitgrößten Oberscheißkerl der Krähen gegenüber. Die launischen Kristalle waren alleine schon gefährlich genug, doch in Verbindung mit Castor ergaben sie eine wahrhaft explosive Mischung. Da konnten schon einmal ganze Stadtteile in Flammen aufgehen.
Nie hätte Netara damit gerechnet, gleich bei ihrem ersten Auftrag als Agentin des Verdikts auf ihren alten Mentor zu treffen. Sie gewann allmählich den Eindruck, dass ihr diese Mission nicht zufällig anvertraut worden war. Hatte die Spionagemeisterin gewusst, mit wem sie es zu tun bekommen würde? Aber sicher hatte sie das. Dieses Miststück wusste alles, behielt aber stets die Hälfte für sich. In dieser Hinsicht war sie kein bisschen besser als Castor oder Artarion. Aber im Gegensatz zu den Anführern der Krähen dachte Theora nicht mit ihrem Schwanz und in Netaras Augen sprach das eindeutig für sie. Außerdem hatte sie ohnehin keine Wahl, wollte sie auch nur von Freiheit träumen. Doch dafür musste sie herausfinden, welche Pläne Castor und die Krähen mit dem Xeranit verfolgten. Denn sollte sie ohne Ergebnisse zurückkehren, würde sie das Tageslicht nie wieder erblicken. Und wenngleich sie alles andere als eine Sonnenanbeterin war, missfiel ihr die Vorstellung doch, in einem feuchten, finsteren Kerker zu verrotten.
Nach zwei Stunden war es dann soweit. Castor sprang so plötzlich auf, als hätte er sich auf einen seiner Dolche gesetzt, nickte dem pockennarbigen Zwerg und der Vilbalistecherin zu und verließ die Felsspalte ohne sich noch einmal umzusehen.
»Na endlich!«
Netara war sofort auf den Beinen und folgte ihm durch den Riss im Fels nach draußen.

Kapitel 4 (Ganzer Text)

4. Auf der Jagd

Im Freien erwartete Netara eine kühle, sternenklare Nacht. Sie zog ihre Kapuze tiefer ins Gesicht und machte sich an die Verfolgung von Castor. Als er um die nächste Ecke bog, musste sie sich zwingen, ihm nicht wie eine alte Gespielin hinterherzulaufen. Sie war eine Diebin, ein Wesen der Nacht und eine Meisterin der Verstohlenheit, die alle Tricks kannte. Doch das galt für Castor gleichermaßen. Ihren alten Mentor zu verfolgen war ein bisschen so, wie sich selbst zu jagen. Und sie konnte nicht behaupten, dass das ein gutes Gefühl war.
Reiß dich zusammen, Mädchen!
Sie atmete tief durch und lugte dann um die Ecke. Castor hatte es nicht sonderlich eilig. Er grüßte im Vorbeigehen zwei Wächter, die in der Nähe patrouillierten, als wären sie alte Bekannte. Netara hätte ihren Arsch verwettet, dass sie gekauft waren, und entschied, ihnen besser aus dem Weg zu gehen. Sie wartete, bis Castor den Platz überquert hatte und in eine Nebenstraße eingebogen war.
Dann erst setzte sie sich wieder in Bewegung. Sie huschte von Schatten zu Schatten und vermied es, in die Pfützen zwischen den Pflastersteinen zu treten, die der Regen tags zuvor hinterlassen hatte. Das lautstarke Treiben aus der Felsspalte verkam hinter ihr zu einem eintönigen Gemurmel. Der Wind blies lallende Stimmen, Gelächter und Musik aus anderen Tavernen und Freudenhäusern durch die Straßen. Nur selten musste sie jemandem ausweichen, zumeist betrunkenen Bergarbeitern, die ohnehin nicht mehr viel mitbekamen. Hier im Schutz der Nacht kehrten ihre alten Instinkte rasch zurück. Es fühlte sich gut an, wieder auf der Jagd zu sein.
Links neben Netara erhob sich der bleiche Fels aus der Kraterstadt, eine umgestürzte, zerklüftete Bergspitze aus grauem Mondgestein, die den schwarzen Himmel aufzustechen schien. Er war eines von vielen Bruchstücken des Mondes, die lange vor den ersten Menschen vom Himmel gefallen waren und durch ihre Einschläge Enorien geformt hatten. Jedenfalls hatte Netara das gehört.
Viele Efrier glaubten, es handle sich bei ihnen um Fragmente einer bösen Gottheit, vor denen man sich besser fernhielt. Netara konnte beim besten Willen nichts Göttliches am blassen Fels erkennen. Für sie sah er wie ein hässlicher, grauer Steinpimmel aus, der aus der Erde ragte. Aber so war das mit diesen Gläubigen, sahen in allem nur das Böse.
Spinner!
Der Aberglaube hatte die Leute allerdings nicht davon abgehalten im länglichen Krater am südlichen, abgeflachten Hang des Berges eine Stadt zu errichten. Glaube hin oder her, wo Mondgestein und Xeranit auftauchten, blieben die Menschen nicht lange fern. Hunger war eben doch mächtiger als jede Religion.
Castor verschwand hinter einer Reihe niedriger Steinhäuser. Alles in der Stadt war aus Stein, vermutlich sogar einige ihrer Einwohner, so karg und staubtrocken wirkten sie auf Netara. Sie folgte dem Grafen in einigem Abstand, drückte sich an eine Hauswand, wartete kurz und sah dann die Straße entlang, in die er gegangen war. Kein Graf zu sehen.
War ja klar!
Instinktiv ergriff sie ihre beiden Dolche, die sie überkreuzt an der Rückseite ihres Gürtels trug. Sie schloss die Augen, um sich besser auf ihre restlichen Sinne konzentrieren zu können, lauschte dem leisen Atem der Stadt, und sog die kühle Nachtluft mit all ihren Gerüchen ein. Ein paar Herzschläge lang stand sie da, bis sie ganz deutlich das rhythmische Klappern von Stiefeln auf dem Kopfsteinpflaster vernahm. Netara lächelte. Seine Gangart hätte sie überall erkannt. So wie den feinen Honiggeruch, den das schmierige Zeug verströmte, das er sich immer in die Haare schmierte.
Netara folgte der Duft- und Geräuschspur bis zu einer Seitenstraße aus steinernen Flachbauten. Obwohl sie auf jeden ihrer Schritte geachtet hatte und darauf, ihren Geruch nicht vom Wind in seine Richtung tragen zu lassen, drehte er sich so plötzlich um, als hätte sie lautstark seinen Namen gerufen. Sofort sprang Netara in Deckung, hinter ein Gemenge aus feuchten Kleidungsstücken, die in einer kugelförmigen Blase wieder und wieder umherwirbelten.
Scheiße!
Sie sah, wie die kunstvoll verzierten Dolchgriffe aus den Ärmeln von Castors Mantel direkt in seine Hände sprangen und er sich mit zusammengekniffenen Augen in der finsteren Gasse umsah. Netara hielt die Luft an und ihre eigenen Dolche fest umklammert. Regungslos kniete sie hinter dem Gravitationswirbel, in dem löchrige Leinenhemden, fleckige Tücher und zerschlissene Kleider rasend schnell ihre Kreise drehten, sodass sie Castor immer nur kurz dazwischen aufblitzen sah.
Wenn er sie jetzt entdeckte, war die Sache gelaufen. Sie erführe nie, welche Pläne die Krähen mit dem Xeranit verfolgten. Und damit endete auch ihr Traum eines freien Lebens.
Sein Blick streifte durch die Gasse wie das Licht einer Suchlaterne und richtete sich plötzlich auf den Wirbel. Netara erstarrte. Fliehen oder kämpfen? Er hatte sie vor vielen Jahren im Zweikampf ausgebildet und kein einziges Mal gegen sie verloren. Sein Starren bohrte sich langsam in ihre Brust, während sie regungslos im Schmutz kniete. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, dass sie seinen wilden Takt zu schmecken glaubte.
Plötzlich entspannte er sich, steckte die Dolche weg und spazierte weiter, als wäre nichts geschehen.
Netara blinzelte ihm überrascht hinterher. Die feuchten Kleider jagten einander wie Geister im Zwielicht.
Sie wischte sich kalten Schweiß von der Stirn. »Du bist noch im Spiel!«
Da hatte sie mal ausnahmsweise Glück gehabt, doch im großen Spiel verließ man sich besser nicht allzu sehr darauf, denn es hatte die Angewohnheit, einen in den unpassendsten Momenten zu verlassen.
Diesmal ließ sie Castor etwas mehr Vorsprung. Nur zur Sicherheit. Sie folgte dem vertrauten Klang seiner Schritte und dem Geruch seiner Pomade quer durch einen verlassenen Stadtteil und bis an dessen Ende. Vom Schutz der letzten Häuserschatten aus beobachtete sie ihn stirnrunzelnd dabei, wie er geradewegs in die Ruinen der Vergessenen spazierte.
Was wollte er an diesem verfluchten Ort, den selbst die Stadtbewohner mieden wie Ratten das Feuer? Hier gab es nur die verfallenden Überreste eines toten Volkes, das lange vor der Ankunft der ersten Menschen verschwunden war. Für gewöhnlich wagten sich nur Reliktsammler, sogenannte Criker, und die Quatschköpfe der Akademie an solche Stätten, um Geheimnisse auszubuddeln, die besser begraben blieben.
Netara hielt sich nicht für sehr abergläubisch, aber sie kannte die Gerüchte von armen Schweinen, die nach dem Besuch solcher Ruinen krank oder gar verrückt geworden waren. Und wer war schon gerne krank?
Mit jeder Sekunde, die sie zögerte, entfernte Castor sich weiter von ihr. Seine Schritte zählten die Zeit bis zu ihrem Versagen. Klack, klack, klack. So ähnlich klangen auch schwere Wächterstiefel hinter einer eisernen Zellentür. Kein angenehmer Klang, wie sie mittlerweile wusste.
»Komm schon!« Sie trat nervös von einem Fuß auf den anderen. »Viel verrückter kannst du nicht werden!«
Sie gab sich einen Ruck und folgte ihm in den verlassenen Stadtteil. Das holprige, von Moos überwucherte Kopfsteinpflaster mündete in eine Straße, die im Mondlicht wie Vulkangestein glänzte und von Gravuren und weißen Symbolketten durchzogen war. Netara bekam eine Gänsehaut, als ihre Sohlen diesen unnatürlich glatten Untergrund berührten, der sich wie ein schwarzer Fluss durch die Ruinen schlängelte.
Sie schlich an den Trümmern umgestürzter Obelisken entlang und spähte in Richtung Berghang. Sein Gestein war hier stufenweise und in riesigen Blöcken abgetragen worden, sodass es aussah, als hätten die Vergessenen eine riesige Treppe in den Himmel errichten wollen. Viele ihrer einstigen Bauten waren von herabstürzenden Felstrümmern begraben worden, doch überall standen noch ihre Überreste.
Netara kam an einem schief stehenden, schwarzen Turm mit rissigen Wänden vorbei. Es schien, als wollte er jede Sekunde umkippen und seine Bruchstücke über die Straße ergießen, doch eine Anomalie hielt die zitternden Bruchstücke zusammen.
Daneben ragte eine Pyramide aus dem Fels, halb von einer Gesteinslawine verschüttet, die Spitze durch Steinschlag eingestürzt. Ornamente und Reliefs verliefen über die bleigrauen Wände. Dazwischen glühten Symbole im unheilvollen Orangeton des Xeranits.
Ein hässlicher Ort, der Netara eine üble Gänsehaut verpasste – und das bedeutete für gewöhnlich nichts Gutes. Wenn sie sich auf eine Sache verlassen konnte, dann auf ihre Instinkte. Noch wachsamer als sonst folgte sie der Straße, die eine sanfte Kurve durch die Ruinen beschrieb. Dabei nutzte sie die Gebäudereste als Deckung, die zu Dutzenden den Weg säumten. Diese Monumente von beängstigender Schlichtheit waren umgeben von einer Aura uralter Feindseligkeit. Ihre hohen Eingänge, breiten Portale und gewaltigen Torbögen erinnerten Netara an offenstehende Mäuler, aus denen eine unnatürliche Kälte sickerte. Wenn die Vergessenen verschwunden waren, wieso hatte sie dann das Gefühl beobachtet zu werden?
Netara fröstelte und zog instinktiv den Umhang enger um sich. Sie fühlte, dass hier der Schleier zwischen den Welten dünn war. Viel zu dünn für ihren Geschmack.
Castor hielt inmitten der Straße, sah sich um und entriss der Stille einen Ruf. »Zeig dich, Rundryn!«
Netara hockte sich hinter die Überreste einer Mauer und suchte die Ruinen ab, konnte aber niemanden sehen.
Castor breitete die Arme wie zu einer Beschwörung aus und sagte laut und überdeutlich, als spräche er eine magische Formel: »Das Eis ist fest und die Winde sind mild.«
Netara hätte nicht gedacht, dass das mit dem Verrücktwerden so schnell ging, und wollte sich bereits aus dem Staub machen, als sie eine Bewegung bei der großen Pyramide bemerkte. Durch einen mannshohen Riss in der Wand zwängte sich eine breitschultrige Naar, in den schwieligen Händen eine schartige Kriegsaxt und im Gesicht einen Ausdruck, als wollte sie beide nur allzu gerne benutzen. Damit hatte Netara nun wirklich nicht gerechnet. Aber alles besser als Gespenster.
Der Graf deutete eine Verbeugung an. »Rundryn, Tochter der Balgram, mögen die Ahnen stets über dich wachen.«
Rundryn verzog das narbige Gesicht und antwortete widerwillig. »Und mögen die Geister dir stets beistehen.« Sie stützte die kräftigen Arme auf ihre runenverzierte Axt und hob das breite, von einer wulstigen Narbe zerschnittene Kinn. »Wir haben Wort gehalten. Sag, was ist deines Wert, Schwarzer?«
Castor lächelte gnädig über die Bezeichnung hinweg. »Die Freiheit, meine Freundin.« Er zog einen Münzbeutel aus dem Mantel und warf ihn der Naar zu. »Sobald die Ware abgeholt wurde, dürft ihr in die Stadt. Ganz offiziell, versteht sich. Weder Wächter noch Sucher werden euch dann noch behelligen.«
Rundryn zählte das Geld im Beutel und nickte dann. »Bheldurs Splitter sind in Sicherheit und zum Abtransport bereit, so wie du es wolltest.«
Bheldurs Splitter? So nannten die Naar doch das Xeranit. Dann war es also hier? Netaras Herz sprang ihr beinahe aus der Brust. Das war ja leichter gewesen als erwartet.
»Ausgezeichnet.«, sagte Castor. »Meine Leute werden schon bald alles abholen. Doch zuvor muss ich euch um einen weiteren Gefallen bitten.«
Die Naar verengte die Augen und ihre Stimme wurde schartig wie ihre Axt. »Die Kälte soll dich holen, Schwarzer, ich wusste, du würdest mehr verlangen. Was willst du noch von uns?«
»Du täuschst dich.« Castor hob die Arme und präsentierte dieses Lächeln, mit dem er alle um den kleinen Finger wickelte. »Es ist nur eine Bitte, ich werde euch zu nichts zwingen.«
Rundryn war wenig beeindruckt. »Was sollen wir tun?«
»Seid meine Augen und Ohren, während ich mich hier mit jemandem treffe.«
Netara biss die Zähne zusammen und unterdrückte einen Fluch. Hatte er sie vorhin doch bemerkt? Gut möglich. Vielleicht war er aber auch einfach nur der argwöhnischste, gerissenste Bastard, den sie kannte.
»Und was haben wir davon?«, fragte Rundryn.
»Meinen ewigen Dank.« Castor holte einen weiteren Geldbeutel hervor und warf ihn der Naar hin. »Und darüber hinaus einen kleinen Bonus.«
»Sobald Bheldurs Splitter abgeholt wurden, können wir uns in der Stadt frei bewegen?«, fragte sie misstrauisch.
»Es ist alles geregelt. Beamte wurden bestochen, Unterlagen gefälscht, aber ich will dich nicht mit Details langweilen.« Castor legte eine Hand auf die Brust. »Darüber hinaus steht ihr ab sofort unter dem Schutz der Krähen. Es steht euch frei, hier Bergbau zu betreiben, und euch ein neues Leben aufbauen.«
Rundryn wog den Münzbeutel in der offenen Hand und stieß dann einen Pfiff aus, dessen Echo dutzendfach in den Ruinen widerhallte.
Schatten rührten sich im fahlen Mondlicht. Sie krochen aus Löchern, zwängten sich durch Risse und erhoben sich aus den Trümmern. Zwei Dutzend dürrer Gestalten verließen ihre Verstecke. Netara sah Alte, die ihre klapprigen Gestelle dahinschleppten, Frauen denen die zerschlissenen Kleider wie Säcke an den knochigen Schultern hingen, und Kinder mit traurigen Augen in den schmutzigen Gesichtchen. Es waren Efrier unter ihnen, Naar, Viclair und Vilbali und Netara entdeckte sogar eine Arvir. Ein trauriger Haufen Aussätziger, die sich den Gesetzen nicht beugen wollten, keinen Platz in dieser neuen, schönen Welt fanden oder die dem Gesetz nach nicht am Leben sein dürften. Arme Schlucker wie es sie in Enorien zuhauf gab – und ein gefundenes Fressen für die Krähen.
»Der schwarze Graf hat sein Wort gehalten.«, rief Rundryn. »Das Versteckspiel hat ein Ende. Bald können wir diese Ruinen verlassen.«
Verhaltener Jubel brach unter den Anwesenden aus. Zu lange hatten sie in Finsternis gelebt, zulange mit Schweigen zugebracht.
Rundryn reichte einer krummen, alten Vettel mit Haaren wie Spinnweben die Geldbeutel. »Verteil es gerecht.«
Geldstücke verschwanden in geflickten Taschen und abgewetzten Beuteln. Kinderaugen erstrahlten. Eine warme Woge kollektiver Hoffnung traf Netara und ließ sie erschaudern.
Traut ihm nicht! Es ist eine Falle!
Sie wollte aufspringen und es herausschreien, doch damit hätte sie sich nur verraten. Außerdem hätte es ohnehin nichts geändert. Diese Leute wollten hoffen. Aber Hoffnung war eine mächtige Lüge. Sie schenkte das trügerische Gefühl von Sicherheit, machte unvorsichtig und ließ einen glauben, man könne das große Spiel auf Dauer gewinnen. Doch in Wahrheit konnte man die endgültige Niederlage nur herauszögern.
Und in diesem Moment war Castors Freiheit ihre große Lüge. Diese armen Schlucker würden es schon noch lernen, so wie Netara es einst auch auf die harte Tour gelernt hatte. Nur würde es für viele dann längst zu spät sein.
Für Artarion und Castor stellten Ausgestoßene wie sie eine nie versiegende Quelle von Rekruten dar, aus der sie schöpfen konnten. Sie lockten mit der Illusion von Freiheit. Ungewollt, ohne Perspektiven und im Stich gelassen, würden diese Leute sich ihnen früher oder später anschließen – ganz ohne Zwang.
Netara konnte sehen, dass Castor gerade dasselbe dachte. Er stand mit selbstgefälligem Lächeln da, als wäre er ein großer Wohltäter und nicht ein Arschloch der ganz üblen Sorte. Am liebsten hätte sie ihm das Grinsen aus dem Gesicht geschnitten.
Wie hatte sie nur all die Jahre übersehen können, was er und Artarion wirklich waren, wofür sie standen und welchen Schaden sie anrichteten?
Castor breitete die Arme aus. »Genießt eure neugewonnene Freiheit, lacht, singt und feiert. Schon bald könnt ihr mit erhobenen Häuptern und ohne Angst durch die Straßen marschieren. Und sollten euch in dieser wundervollen Nacht zufällig Fremde über den Weg laufen, dann heißt sie doch bitte für mich aufs allerherzlichste Willkommen.«
Rundryn hob eine Hand und ließ sie ein paar Mal kreisen. »Ihr habt ihn gehört. Wir können uns hier frei bewegen. Aber haltet die Augen offen. Jasenko, Guillaume, Bylnis zu mir!«
Als Netara über die zerstörte Mauer blinzelte, musste sie mitansehen, wie Castor im Schutze seiner frisch rekrutierten Lumpenarmee davon stolzierte. Sie hatte nicht erwartet, dass er es ihr leicht machen würde, doch musste er es gleich übertreiben? Aber was hatte sie erwartet? Er hatte ihr auch früher schon nichts geschenkt, weder beim Training noch danach mit weitaus weniger Kleidern. Wieder spürte sie dieses Kribbeln.
Blöder Bastard!
Netara erwog, sich zurückzuziehen und ihre Entdeckung zu melden. Doch würde das Theora als Beweis ihrer Loyalität genügen? Wohl eher nicht. Ihre Anweisungen waren unmissverständlich: Der Spur des Xeranits folgen, es sichern, zurückbringen und die Schuldigen an die Wächter übergeben. Drei von vier Zielen fehlten noch.
Aber wie zur Leere sollte sie diese blöden Kristalle alleine sichern, geschweige denn wegschaffen? Und den Wächtern hier konnte sie auch nicht trauen. Zu weit war Kirksted von der Hauptstadt entfernt, zu groß der Einfluss der Krähen. Ihre einzige Verbündete war ein Auge des Verdikts, eine alte Vettel, die für den Kampf etwa so gut zu gebrauchen war wie ein stumpfes Messer mit rostiger Klinge – noch dazu ohne Griff. Und auf Verstärkung brauchte sie gar nicht erst zu hoffen.
Allmählich beschlich sie das Gefühl, dass Theora ihr absichtlich einen aussichtslosen Auftrag anvertraut hatte. Sollte sie sich geehrt fühlen oder verarscht? Vermutlich sollte das ihre Feuertaufe sein. Entweder sie kam unbeschadet aus der Sache raus oder sie würde verbrennen. So einfach war das und Netara mochte es einfach.
Castor entfernte sich in der Zwischenzeit immer weiter und mit ihm ihre Hoffnung auf ein Leben in Freiheit. Vielleicht sollte sie abhauen und untertauchen, sich wieder alleine durchschlagen, wie früher, lange vor den Krähen und noch bevor sie mit ihrer alten Bande die Unterstadt unsicher gemacht hatte. Eine miese Idee. Es war damals nicht gut ausgegangen und das würde es auch heute nicht. Am Ende würde sie ja doch nur von allen gejagt werden.
Scheiße!
Sie hatte ihr halbes Leben für Arschlöcher wie Castor und Artarion gearbeitet und echt üble Dinger gedreht, da konnte sie es jetzt genauso gut mit der Gegenseite probieren und sehen, was geschah. Wie viel schlimmer konnte es schon werden?

Kapitel 5 (Ganzer Text)

5. Sehnsucht

»Na mein Großer, du siehst aus, als wolltest du gleich da rausstürmen.«
Daros drehte sich langsam zu der Stimme um, bemüht seine Überraschung zu verbergen. Die Umrisse einer Speerkämpferin in Brustharnisch und Kettenrobe schälten sich aus der Dunkelheit. Ihr Gesicht lag im Schatten verborgen, eingerahmt von einem Durcheinander roter Haarsträhnen, die im Wind wie Flammen tanzten.
Reva!
»Fernweh?«, fragte sie augenzwinkernd.
»Nein.«, brummte Daros und wandte sich wieder halb der Bresche zu. Musste sie ausgerechnet jetzt hier auftauchen?
»Was tust du dann hier oben?« Reva wischte eine lange Strähne zur Seite, die ihre linke Gesichtshälfte halb verdeckt hatte. »Unsere Wache beginnt erst in einer Stunde.«
»Die Fäulnis schläft nie.« Zumindest nahm er das an.
Sie lächelte schief. »Und du willst es ihr gleichtun?«
»Du musst nicht hier sein, Reva.« Es sollte freundlich klingen, doch er konnte seine Gereiztheit nicht verbergen. Ehrlich gesagt, wollte er es auch gar nicht. »Leg dich wieder schlafen.«
»Weißt du, es ist schwer, bei dieser Stille zu schlafen, wenn man an dein Schnarchen gewöhnt ist.«
Daros schenkte ihr einen grimmigen Blick und wandte sich wieder der Bresche zu. Er wurde das Gefühl nicht los, dass sie ihn nicht in Ruhe lassen würde.
Reva schlug ihm auf die Schulter, dass seine Rüstung klapperte, legte den Kopf schief und blinzelte ihn vergnügt an. »Mach nicht so ein finsteres Gesicht. Ich will dich doch nur aufmuntern.«
»Ich brauche keine Aufmunterung.«
Sie drängte sich vor ihn, musterte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen und zeichnete einen Kreis um sein Gesicht. »Weiß das dein Gesicht auch, denn es sieht so aus, als hätte es zu lange in der Kälte gelegen.«
Er schwieg. Was sollte er auch darauf antworten?
Sie stieß ihn locker an. »Was ist los, mein Großer?«
»Nichts.«
»Komm schon.« Sie rüttelte an ihm. »Rede mit mir!«
»Es ist nichts.«, knurrte er. »Mir geht es gut.«
»Na dann will ich aber nicht erleben, wenn es dir einmal schlecht ergeht.« Sie sah ihn zweifelnd an. »Soll ich wieder gehen?«
Ja, verdammt.
»Tu was du willst, Reva!«
Sie zuckte mit den Achseln und kam der Aufforderung nach, allerdings nicht so, wie er es erhofft hatte. Stattdessen schmiegte sie sich an ihn und lehnte den Kopf gegen seinen gepanzerten Oberarm. Die Hitze ihres Körpers und der Geruch nach Stahl, Öl und Schweiß erinnerten Daros an die Zeit in der Schmiede seiner Eltern und gaben ihm zugleich ein Gefühl der Geborgenheit.
»Es sind wieder die Alpträume, nicht wahr?«, fragte sie.
Verdammt, sie kannte ihn einfach zu gut. Also heftete er seinen Blick stur an den Horizont und schwieg. Er dachte an die vielen Gefechtsmanöver und Strategien, die er über die Jahre gelernt hatte und nichts davon erschien ihm in diesem Moment besonders hilfreich. Sie würde sich ja doch nicht vertreiben lassen. Dafür war sie viel zu stur.
»Verstehe.« Sie holte etwas unter ihrer Kettenrobe hervor und hielt es ihm dann unter die Nase. Dabei glühten ihre bernsteinfarbenen Augen auf. »Wie wäre es damit?«
Daros hatte ja gehofft, sie doch noch irgendwie vertreiben zu können, doch als er das Stück Trockenfleisch zwischen ihren behandschuhten Fingern sah, erschien ihm das plötzlich nicht mehr ganz so wichtig. Er hob überrascht die Augenbrauen. »Woher hast du das?«
Sie grinste verschwörerisch. »Schon vergessen, welches Mädchen zwei Monate lang das Ausbildungslager beklaut hat?« Sie wedelte mit dem Fleisch vor seinen Augen, als könnte sie ihn damit aus der Reserve locken. Und er musste zugeben, dass es funktionierte. Verdammter Hunger.
Daros sah sich um, riss ihr das Trockenfleisch aus der Hand und biss ein Stück ab. Es war halb gefroren, zäh wie altes Leder und furchtbar versalzen. Er liebte es. »Nein, ich habe aber auch nicht vergessen, welcher Junge dem Mädchen geholfen hat.«
Sie lächelte. »Und trotzdem sind die beiden aufgeflogen.«
»Gefiel dem Hauptmann gar nicht.« Daros stopfte sich ein Stück Fleisch in den Mund. »Dachte, er macht den Jungen einen Kopf kürzer.«
Sie sah zu ihm auf. »Ein bisschen kürzer hätte ihm nicht geschadet.«
Daros stieß sie an und brachte sie damit ins Taumeln. »Ach halt doch den Mund, Rotschopf.«
Revas Lachen brannte so hell und heiß, dass Daros überzeugt war, sie könne damit Eisen schmelzen. Wieder einmal hatte sie seine Verbitterung verjagt.
Wie schafft sie das nur immer?
Als er schmunzelte, sog sie die Luft ein. »War das etwa ein Lächeln?«
»Nein.« Er kaute an dem Bissen herum und gab sich Mühe, ein Grinsen zu unterdrücken. »Muss am zähen Fleisch liegen.«
»Klar.« Sie dehnte das Wort und kicherte.
Doch schon eine Sekunde später trug der kalte Wind ihre Heiterkeit fort und fror die traurigen Überreste eines Lächelns in ihrem Gesicht fest. Als Daros sie so sah, schämte er sich und überließ ihr die andere Hälfte des Trockenfleisches. »Tut mir leid wegen vorhin. Es ist nur …« Er hielt kurz inne und seufzte. »Vierzehn Jahre und immer noch derselbe Alptraum.«
Sie lehnte sich wieder an ihn. »Schon gut, ich verstehe das.«
Daros drückte sie fester an sich. Mit ihr an seiner Seite war diese verdammte Totenstille nur noch halb so schwer zu ertragen. Insgeheim war er sogar froh, sie hier zu haben, auch wenn er das natürlich nie zugegeben hätte. Sie hätte es womöglich noch als Schwäche missverstanden.
Reva folgte seinem Blick zu den scharfen Linien und Kanten des Horizonts, wo sich die verschneiten Gipfel des Aregantgebirges nach den Wolken ausstreckten. »Wie sie wohl ausgesehen haben?«
»Wen meinst du?«
»Die sechs Reiche. Vor der Fäulnis.«
Daros schwieg. Er kannte viele Geschichten von Urdnaar. Seine Mutter hatte ihm vom ewigen Eis erzählt, von den schneebedeckten Grabhügeln ihrer Vorfahren, den gefrorenen Seen und den dichten Nadelwäldern. Geschichten aus besseren Zeiten. Doch die waren lange vergangen, zusammen mit dem Rest der Welt.
»Ich versuche nicht daran zu denken.«
»Ich musste in letzter Zeit oft an sie denken.« Ihr Blick schien davonzuschweben, weg von Daros und der Bresche, weg von dem Gestank der Fäulnis und der ständigen Kälte. »Nur einmal die Rote Wand erklimmen, um von ihrem Gipfel aus auf die Täler Dorhals herabzublicken. Die Weinberge Viclais an einem warmen Sommertag erkunden, während Musik aus den nahegelegenen Schenken erklingt. Oder ein Spaziergang im Mondschein über die Feuerwüste, den noch heißen Sand zwischen den Zehen.«
Daros bemühte seine Fantasie, doch in ihm entstanden nur farblose, nebulöse Bilder, blasse Empfindungen und leise, undeutliche Geräusche. Er wäre ihr gerne gefolgt, doch seine Vorstellungskraft reichte nicht, um mit ihr an diese Orte zu reisen, also wartete er geduldig auf ihre Rückkehr.
»Nichts davon ist mehr möglich.«, hauchte Reva mit kristallener Stimme, erschauderte und drückte sich fester an Daros. Eine Träne brach unter ihrem Auge hervor und sie wandte das Gesicht verlegen ab. »Entschuldige die dummen Träume eines naiven Mädchens.«
Daros hasste es, wenn sie weinte. Es gab ihm das Gefühl, machtlos zu sein, ihr nicht helfen zu können.
»Nein!« Er zwang sie, ihn anzusehen und wischte ihre Wange trocken. »Eines Tages werden wir die Reiche zurückerobern und deine Träume in die Tat umsetzen.«
Er legte so viel Entschlossenheit in seinen Blick, wie er aufbringen konnte und hoffte, dass es genügte. Zu seiner Freude tat es das, denn ihr Lächeln taute wieder auf. »So, wie du das sagst, glaube ich es fast.«
»Glaub es ruhig.« Daros drückte sie an sich und fühlte, wie er instinktiv die Muskeln anspannte. »Wir werden die Fäulnis bis auf die letzte Bestie vernichten. Das verspreche ich dir.«
Ein verächtliches Lachen ließ sie beide aufhorchen. Daros wusste sofort, zu wem es gehörte. Es konnte nur Alberich sein, dieser verdammte Fürstensohn.
Daros und Reva drehten sich gemeinsam zu dem jungen Offizier um. Alberich hatte sein längliches, spitz zulaufendes Kinn stolz erhoben und gab sich alle Mühe, ehrfurchtgebietend aufzutreten, doch alles was Daros sah, war ein milchgesichtiges Bürschchen, dessen Ehrgeiz und Hochmut für eine ganze Kompanie reichten.
Seine blauen Augen strahlten wie geschliffene Kristalle. »Na da bin ich ja gespannt, wie genau du das anstellen willst.«
Daros’ Blick verfinsterte sich. »Hast du ein Problem, Alberich?«
»Ein Problem?« Alberich präsentierte das überhebliche Lächeln aller Adeligen und zuckte mit den Achseln. »Wo denkst du hin.« Er lehnte sich gelassen gegen seinen Schild und musterte Daros abschätzig. »Die Legion kann sich glücklich schätzen, einen mächtigen Naarkrieger mit deinem Erfahrungsschatz in ihren Reihen zu wissen. Endlich können wir vollbringen, was all die Schwächlinge in den letzten hundert Jahren nicht geschafft haben.«
Der verdammte Fürstensohn suchte schon wieder Streit, doch diesmal würde Daros sich nicht darauf einlassen. Also verschränkte er die Arme und wandte sich einfach wieder der Bresche zu. »Such dir jemand anderen, über den du dich lustig machen kannst.«
Aus dem Augenwinkel sah er, wie Alberich sich durch das kurze Haar strich, als hätte es nicht nur die Farbe von schmutzigem Gold, sondern auch dessen Wert. »Ich würde es nie wagen, mich über den größten Krieger aller Zeiten lustig zu machen.«
Daros Lederhandschuhe knarrten, als er die Fäuste ballte. Dieser Mistkerl legte es heute offenbar darauf an. »Reiß dein Maul besser nicht so auf, nicht, dass es dir am Ende noch jemand stopft.«
»Ich soll mein Maul nicht aufreißen?« Alberich schnaubte verächtlich. »Du bist es doch, der glaubt, er könne die Fäulnis besiegen.«
»Deswegen bin ich Stählerner geworden.« Daros zeigte auf ihn. »Warum bist du hier?«
»Wieso wohl?« Alberich lächelte die beiden Schmarotzer gnädig an, die wie üblich in seinem Schatten umherschlichen und der Spur seines Geldes folgten. »Ich werde natürlich Oberkommandant der Legion, damit ich eingebildeten Ochsen wie dir das dämliche Gelaber verbieten kann.«
»Du und Oberkommandant? Da lernen noch vorher Bestien das Fliegen.« Daros streckte die Faust nach der Gruppe aus. »Du bist ein Feigling, Alberich, genau wie deine beiden Stiefellecker.«
»Lass Idalia und Otkar da raus. Sie haben sich aus gutem Grund für die Legion verpflichtet.« Alberich wischte sich imaginären Staub von der rostfleckigen Rüstung. »Wenn sie ihre fünf Jahre abgedient haben, werden sie etwas aus sich machen, während du immer noch auf einen Angriff der Fäulnis hoffst.« Er reckte stolz das Kinn hoch. »Die Menschheit hat dank weiser Anführer wie meinem Vater überlebt und nicht wegen dummen Schlägern wie dir. Aber was soll man auch anderes von einem Naar erwarten.«
Daros verengte die Augen. »Verdammter Mistkerl.«
Sollte er ihn seinetwegen verhöhnen, das konnte er ertragen, aber sein Volk zu beleidigen, schrie nach Vergeltung. Schnaubend setzte er sich in Bewegung.
»Nicht!« Er spürte, wie Reva seinen Arm festhielt. »Oder willst du wieder zwei Wochen lang Latrinendienst schieben?«
Zwei Wochen. Daros dachte darüber nach. Das konnte er verkraften.
»Er ist nur ein kleiner Idiot, der seinen Vater beeindrucken will. Er ist es nicht wert.«
Vermutlich hatt sie Recht, auch wenn ihm das nicht gefiel.
»Ich will meinen Vater beeindrucken? Womit denn bitte?« Er klopfte sich auf die gepanzerte Brust. »Mit dieser klapprigen Rüstung etwa, oder dieser alten Mauer. Es ist ein Wunder, dass sie überhaupt noch steht.« Alberich zeigte mit ausgestreckter Hand über die Brustwehr hinweg. »Und da draußen gibt es nur Felsen, Kälte und noch mehr Felsen. An diesem gottverlassenen Ort warten weder Ruhm noch Ehre. Wir stehen uns hier die Beine in den Arsch, um einen vergessenen Außenposten zu bewachen, der in der gesamten Geschichte Enoriens noch kein einziges Mal angegriffen wurde.«
»Nur weil du bisher noch keine Frau hattest, gehst du doch auch nicht gleich davon aus, dass es nie geschehen wird, oder?«, fragte Reva.
Daros sah, wie Alberich die Lippen zusammenkniff und eine wütende Entgegnung herunterschluckte. »Der letzte Großangriff der Fäulnis liegt vierzehn Jahre zurück und auch an den anderen Grenzen hat man seither keine Horde mehr gesichtet. Nur ein paar verirrte Bestien, kaum der Mühe wert, sie zu töten. Vermutlich verschlingt sich die Fäulnis längst selbst und wir müssen nur abwarten.«
»Abwarten?«, fragte Daros ungläubig. »Die Fäulnis verschwindet nicht, nur weil wir uns das wünschen. Dafür braucht es Soldaten, die sich ihr mutig entgegenstellen.«
»Du glaubst anscheinend, unser aller Überleben hängt alleine von dir ab.«
»Vielleicht tut es das.«, erwiderte Daros. »Solange verwöhnte Prinzchen hier nur ihre Zeit absitzen, um ihren Vätern in die faltigen Ärsche zu kriechen, braucht es Soldaten wie mich.«
»Weißt du, was mich am meisten an dir stört, Daros, mal abgesehen von deiner hässlichen Visage? Du hast noch nie gegen die Fäulnis gekämpft, spielst dich aber auf, als wärst du der größte Monsterschlächter aller Zeiten. Wie lange dienst du schon in der Legion? Vierzehn Jahre und immer noch einfacher Soldat.«
»Besser einfacher Soldat als nutzloser Offizier.«, presste Daros zwischen den Zähnen hervor. »Zumindest kenne ich die Fäulnis.«
»Einen Dreck kennst du.« Alberich schlug wütend gegen die Brustwehr, dass Staub und Mörtel herabrieselten. »Niemand weiß, was die Fäulnis ist, woher sie gekommen oder warum sie aufgetaucht ist, nicht einmal die größten Gelehrten und Philosophen ganz Enoriens. Aber du glaubst, es besser zu wissen. Dass ich nicht lache.«
»Im Gegensatz zu denen hat Daros die Fäulnis erlebt.«, entgegnete Reva. »Er kennt die Gefahr und ist bereit, Enorien mit seinem Leben zu verteidigen. Kannst du das auch von dir behaupten?«
Einen Moment lang sah Alberich Reva an und Bitterkeit überzog seine ebenmäßigen Gesichtszüge. »Wir kennen alle die Gerüchte. Dein großer Held soll sich tagelang in einem Schmiedeofen verkrochen, geheult und sich eingepisst haben. Nicht besonders heroisch, wenn du mich fragst.«
Daros erstarrte. Blutige Erinnerungsfragmente rissen an den dünnen Mauern seiner Selbstbeherrschung und ließen sein Herz im schnellen Takt schlagen.
Das Blau in Alberichs Augen gefror zu Eis, dann seine Stimme. »Na Daros, wie war es … einfach nur zuzusehen?«
Der Splitter in Daros’ Brust bohrte sich tiefer und er hatte das Gefühl, am Schmerz zu ersticken.
»Alberich, es reicht!«, zischte Revas wie Feuer, in das man frisches Holz geworfen hatte.
»Es soll reichen, sagst du?« Alberich reckte das Kinn hoch und Daros sah in seinem Blick, dass er zum entscheidenden Schlag ausholte. »Daros ist der einzige Idiot im gesamten Reich, der hofft, dass die Fäulnis angreift, nur damit er Rache üben kann. Viele Millionen haben Familienmitglieder, Freunde und Bekannte verloren und doch ist keiner von ihnen so dämlich, einen Kampf herbeizusehnen.«
Das war zu viel. Dafür würde der verdammte Fürstensohn bluten. Daros riss sich von Reva los.
Als Alberich ihn auf sich zu wälzen sah, hob er den Schild.
Ein mieses Versteck.
Daros packte den Schild und schleuderte ihn über die Brustwehr. Ein leises metallisches Klirren drang aus der Dunkelheit der Bresche zu ihnen herauf.
Alberich schluckte schwer, wich zurück und legte eine Hand auf den Schwertgriff. »Fass mich an und du wirst es bereuen.«
Mit sechs Jahren hatte Daros zum ersten Mal ein Schwert geschwungen und seither nicht mehr damit aufgehört.
Glaubt dieser arrogante kleine Scheißer wirklich, mich mit diesem rostigen Ding aufhalten zu können? Einfach lächerlich.
Daros preschte blitzschnell vor und verpasste Alberich einen Kniestoß, noch bevor der die Waffe ziehen konnte. Er packte ihn an den Schulterpanzern und warf ihn wie einen Sack Hafer gegen die Brustwehr. Als er seinen Oberkörper gefährlich weit über den steinernen Wall drückte, knirschte Alberichs Rüstung und die Zinne knackte gefährlich.
Verzweifelt zappelte der Fürstensohn in seinem stählernen Griff, klammerte sich an seine Arme und starrte in den Abgrund hinter der Mauer. »Du bist ja wahnsinnig!«
Daros spürte die Wut wie eine Bestie in sich toben und es war ein gutes Gefühl. Befreiend, kraftvoll, mächtig. Sie verlieh ihm Stärke und ließ ihn den stechenden Schmerz in seiner Brust vergessen. In diesem Moment wünschte er sich nichts sehnlicher, als den Fürstensohn schreiend von der Mauer stürzen zu sehen. Nur ein weiterer Soldat, der dem Druck nicht standgehalten hatte und gesprungen war. So etwas kam vor.
Idalia und Otkar packten ihn an Armen und Schultern und versuchten ihn zurückzuhalten. Vergebens.
Daros lächelte, als er den blauen Kristall in Alberichs Augen zerspringen und die Angst dahinter hervorquellen sah. Ein hübscher Anblick. Er wollte mehr davon sehen und verstärkte seinen Griff.
Der Fürstensohn schrie auf. »Bei Menaris, so tut doch etwas!«
Daros spürte, wie Idalia und Otkar verzweifelt an ihm rissen.
»Daros, lass ihn runter!«, rief Reva.
Er hörte ihren Ruf, doch die Bestie in ihm rief lauter. Ihr Brüllen und Toben entfesselte verborgene Urkräfte und gab ihm das Gefühl, unaufhaltsam zu sein, unverwundbar, unzerstörbar. Sie versprach Freiheit von seinen Ketten, von seinen Ängsten und dem nie endenden Schmerz in seiner Brust. Wie hätte er ein solches Angebot ablehnen können?
Er ließ sich Zeit und musterte Alberichs fürstliches Antlitz mit seinen glatten, ebenmäßigen Zügen und den hübschen, blauen Äuglein, neben dem er sich mit seinem klobigen, vernarbten Gesicht besonders hässlich fühlte. Wie er wohl aussah, nachdem er auf der anderen Seite der Mauer aufgeschlagen war?
Daros wollte es herausfinden und drückte Alberich weiter über Brustwehr. Nur noch ein bisschen.
»Daros, bitte.« Revas warme, sanfte Stimme durchdrang seine Finsternis und erreichte die Bestie in ihm. »Wer wird an meiner Seite kämpfen, wenn sie dich für den Mord an einem Kameraden ins Exil schicken?«
Daros spürte ihre Präsenz, mehr als er ihre Worte hörte, erinnerte sich an die vielen gemeinsamen Stunden und das Gefühl jahrelanger Freundschaft. Er kam ein Stück weit zu sich, sah sich selbst in Alberichs aufgerissenen Augen und erschrak, als er das hässliche Antlitz seiner Wut erblickte. Diese verzerrte Fratze mit dem bösartigen Grinsen sollte er sein?
Bei dem Anblick wich er unwillkürlich zurück und als er dabei den Griff um Alberich lockerte, rissen ihn Idalia und Otkar von dem Fürstensohn weg, der in Folge keuchend an der Brustwehr herabsank.
Reva stellte sich vor Daros auf die Zehenspitzen, nahm sein Gesicht zwischen ihre Hände und suchte seinen Blick. »Daros, komm zu dir!«
Er befreite sich ein Stück weiter von der Wut, doch aus Erfahrung wusste er, dass sie sich nicht so einfach besänftigen ließ. Ein Teil von ihm wollte das auch gar nicht.
Alberich richtete sich mit zittrigen Knien auf. Sein stolzer Blick lag in Scherben. »Du bist ja von Sinnen, Daros!« Er ballte die Rechte zur Faust. »Dich sollte man wegsperren.«
Daros gefiel nicht, dass ihn Idalia und Otkar immer noch festhielten, also sah er sie warnend an und knurrte mehr, als er sagte: »Loslassen!«
Reva beantwortete ihre besorgten Blicke mit einem Nicken. »Schon gut, ihr könnt ihn loslassen.« Sie blinzelte Daros an. »Du wirst dich doch benehmen, mein Großer?«
»Kann ich nicht versprechen.«
Reva sah ihm direkt in die Augen. »Auch mir nicht?«
Er spürte, wie es in seinem Gesicht zuckte. »Von mir aus.«
Die Legionäre ließen ihn los und traten langsam zurück, als fürchteten sie, die Bestie in ihm erneut zu erzürnen. Und damit hatten sie verdammt nochmal Recht. Nur Reva wagte es, sich ihm direkt zu stellen. Aber sie war immer schon ein wenig todesmutig gewesen. »Ich bin ja normalerweise für jeden Spaß zu haben, aber einem Fürstensohn das Fliegen zu lehren, ist vielleicht nicht die allerbeste Idee.«
Daros wusste nicht, was sie meinte. Ihm gefiel die Idee. Verdammt gut sogar. Er warf Alberich einen kurzen Seitenblick zu. »Wenigstens ein kleiner Schubs? Er will doch bestimmt seinen Schild wieder haben.«
»Lass es gut sein.«, sagte Reva. »Du hast ihm einen Schrecken eingejagt, den er so schnell nicht vergisst. Der macht heute kein Auge mehr zu.«
Alberich trat hinter sie. »Der Hauptmann wird davon erfahren!« Seine Stimme zitterte und seine Hände auch, als er auf ihn zeigte. »Auspeitschen wird er diesen Irren!«
Reva wirbelte herum und rammte ihm die Faust mitten ins Gesicht. »Halt endlich den Rand, Alberich!«
Volltreffer!
Der Fürstensohn schrie auf, griff sich an die blutende Nase und blinzelte sie zwischen Tränen hindurch an. »Du hast mir die Nase gebrochen!«
»Um die ist es nicht schade.« Reva schüttelte den Kopf. »Kein Wunder, dass uns die Fäulnis fast erledigt hat, wenn wir uns ständig aufführen wie Kinder.« Eine heiße Woge ihres flammenden Blickes streifte Idalia und Otkar, die instinktiv zurückwichen. »Na, rennt ihr jetzt zum Hauptmann und heult euch bei ihm die Augen aus, oder reißt ihr euch am Riemen und tut eure Pflicht? Soweit ich weiß, ist eure Wache noch nicht vorüber.«
Die Zwei wandten sich beschämt ab und stellten sich an die Brustwehr.
Reva sah wieder Daros an und schlug ihm gegen den Harnisch. »Und was dich angeht …«
»Die Fäulnis!« Idalias Schrei ließ sie alle herumfahren.
»Das ist nicht komisch.«, nuschelte Alberich hinter dem blutigen Handschuh. »Lass den Blödsinn!«
»Es ist die Wahrheit.« Idalia streckte die Hand über die Zinnen aus. Ihr Gesicht war bleich wie die verschneiten Gipfel in der Ferne. »Seht selbst!«
Sie stürzten alle gleichzeitig zur Brustwehr und durchsuchten die Finsternis. Einen Moment lang glaubte Daros, die Schützin hielte sie zum Narren, doch dann sah er es auch. Ein Rudel wolfsähnlicher Kreaturen stürmte im Mondlicht den schneebedeckten Gebirgspfad entlang und schickte lange messerscharfe Schatten voraus.
Reva lehnte sich über die Brustwehr, die Augen verengt, und zeigte in die Dunkelheit. »Dort, ein Reiter!«
Daros folgte ihrem Fingerzeig und entdeckte eine Gestalt auf einem Streitross, konnte es aber nicht glauben. Er musste noch träumen.
»Wie ist das möglich?«, entfuhr es Alberich, dem ein blutiger Oberlippenbart wuchs. »Da draußen kann niemand überleben.«
»Der da sieht das vermutlich anders.«, entgegnete Reva.
»Aber nicht mehr lange, fürchte ich.«, sagte Idalia. »Die Bestien werden ihn bald erreicht haben.«
»Er schafft es nicht zur Mauer.« Daros setzte seinen Helm auf, schnappte sich seinen Schild und gab Reva ein Zeichen. »Komm, wir müssen den Hauptmann wecken.«
Sie zögerte keine Sekunde, ergriff ihren Speer und folgte ihm zur steinernen Treppe. Daros hörte Alberich hinter sich einen Fluch ausstoßen. »Idalia, blase das Horn!«

Kapitel 6 (Ganzer Text)

6. Expedition in die Tiefen

Im Inneren des bleichen Felses stand die Zeit still. Jedenfalls machte es für Antian den Anschein. Gesteinsbrocken und rot schimmernde Kristallfragmente trieben lautlos durch den brunnenförmigen Schacht, der senkrecht durch den Berg verlief. Das Glühen im Gestein eingeschlossener Kristalle tauchte die Höhle in schummriges Licht und offenbarte ein Netzwerk aus Steinbrücken und künstlich geschaffenen Stegen, die sich in mehreren Ebenen wie Spinnweben quer durch den riesigen Hohlraum spannten. Wo ihre Ausläufer die eisgrauen Felswände berührten, gähnten schwarze Pforten und dreieckige Portale, hinter denen sich Schächte, Gänge und Kammern zu einem weit verzweigten Labyrinth verbanden.
Nur das Klirren und Trommeln von Spitzhacken und Hämmern störte die Ruhe dieses unheimlichen Ortes. Antian hätte ja gerne behauptet, sich daran gewöhnt zu haben, doch das wäre eine Lüge gewesen. Seit acht Tagen, vierzehn Stunden und dreiundzwanzig Minuten ging das nun schon so und ein Ende dieses leidigen Kraches war nicht abzusehen.
Missmutig sah er zu dem Plateau hinüber, das wie ein steinernes Bollwerk aus der nördlichen Felswand ragte und von dem der Lärm ausging. Zwölf sagenhaft schmutzige Bergarbeiter zerschlugen Felsen, räumten Gesteinsbrocken beiseite oder kippten Schutt mit Karren über den Rand des Plateaus. Wenn man Antian fragte, machten sie absichtlich solchen Lärm, nur um seine Studien zu stören – dummerweise fragte ihn niemand.
Etwas Positives konnte er dem Lärm dann aber doch abgewinnen: Er brauchte sich das langweilige Geschwafel seiner Kollegen nicht anzuhören, die überall auf dem Plateau umherirrten und sich äußerst beschäftigt gaben oder großspurige Debatten führten, die wie üblich keinerlei Ergebnisse brachten. So wie sie herumtanzten – in ihren farbenprächtigen, reich verzierten Kleidern und den dicken Folianten an ihren Gürteln – erinnerten sie Antian eher an Ballbesucher denn an ernstzunehmende Philosophen. Nicht, dass er etwas gegen Bälle gehabt hätte – er liebte sie sogar sehr – aber dies war eine Forschungsexpedition und keine Vergnügungsreise. Obwohl dieser Unternehmung ein klein wenig Vergnügen sicher nicht geschadet hätte.
Antian hatte sich eine abenteuerliche Reise vorgestellt, voller großartiger Erkenntnisse, faszinierender Entdeckungen und wertvoller Funde. Doch bisher waren sie nur auf kaputte Artefakte, verstaubte Inschriften und lästige Anomalien gestoßen. Die verschüttete Kammer war seine letzte Hoffnung. Doch noch war sie verschüttet und dahinter mochte sich wer weiß was verbergen. Es war zum Verzweifeln.
Antian wandte sich mit einem Seufzen seinem Forschungsobjekt zu, wobei seine Begeisterung keine Grenzen kannte. Gelangweilt beobachtete er, wie die Fragmente des zerstörten Artefakts vor ihm in der Luft tanzten. Manche vollführten langsame, endlose Pirouetten, andere zuckten wild hin und her und wieder andere schienen wie an Schnüren von der Decke zu baumeln.
Das zerbrochene Artefakt gehörte zu einer Reihe aus Luminatoren, die den Steg vor langer Zeit erhellt hatten. Die meisten waren entweder zerstört oder erloschen, nur zwei leuchteten noch matt – eine erstaunliche Leistung, wenn man bedachte, dass sie dieses Kunststück bereits seit einigen tausend Jahren vollbrachten. Doch das Flackern war ein untrügliches Zeichen ihres nahenden Endes.
Antian hatte längst jedes Fragment in seiner Gedächtnisbibliothek abgelegt und damit ein Gedankenmodell des vollständigen Luminators erschaffen. Zum hundertsten Male drehte er die einzelnen Teile in seinem Verstand hin und her, passte sie ein und zerlegte das Modell dann wieder, nur um den gesamten Prozess wieder von vorne zu beginnen.
Dabei verglich er es mit bekannten Artefakten und versuchte dadurch etwas über seine Arbeitsweise herauszufinden, irgendetwas das ihm verriet, wie es funktionierte. Doch genauso gut hätte er versuchen können, die Sterne zu zählen – am helllichten Tag, mit geschlossenen Augen.
Da hatten die Vergessenen all diese außergewöhnlichen Bauwerke, Artefakte und Werkzeuge erschaffen und sich nicht einmal die Mühe gemacht, Instruktionen für ihre Verwendung zu hinterlassen. Dabei war das nur ein Luminator, eine bessere Lampe. Etwas weniger Spektakuläres konnte Antian sich kaum vorstellen. Mit seiner Erforschung würde er sicher nie in die Ränge der großen Philosophen aufsteigen, nicht als genialer Forscher in die Geschichte eingehen und schon gar nicht die Welt verändern. Wenn man ihn fragte, war diese ganze Unternehmung eine einzige große Zeitverschwendung.
Antian atmete tief durch und fuhr sich durch sein Haar, wodurch wie üblich diese eine widerspenstige Haarlocke in seine Stirn zurückfiel. Nein, so durfte er nicht denken. Nichts von Wert war je einfach zu erreichen. Die großen Philosophen hatten sich auch nicht in ihrem Selbstmitleid gesuhlt und darauf gewartet, dass ihnen die Antworten in den Schoß fielen. Sie hatten ihren Verstand gebraucht, ihre Fantasie spielen lassen und den einfachsten Dingen neue Perspektive abgewonnen.
Antian klopfte sich gegen die Schläfen. »Mach schon da oben.«
Er schloss die Augen und stellte sich vor, was geschähe, würde er das Geheimnis der Luminatoren lüften. Es dauerte nicht lange und Bilder entstanden in seinem Geist von hell erleuchteten Plätzen, lichtdurchfluteten Straßen und Bibliotheken, in denen Tag und Nacht ohne Anstrengung gelesen und gelernt wurde. Vorbei wären die Zeiten des rußigen Scheins stinkender Öllampen, des düsteren Loderns rauchender Fackeln und des matten Glimmens plumper Kristalllampen. Er sah ein Zeitalter des Lichts hereinbrechen, in der sich niemand mehr vor der Finsternis fürchten musste.
Antian, Bezwinger der Dunkelheit, Lichtbringer, der Erleuchter.
Er lächelte versonnen. Das klang doch vielversprechend.
Plötzlich hörte er den Gleichklang von Schritten herannahen, das Geknirsche von jahrtausendealtem Staub unter Ledersohlen und die kurze Stille, als der Störenfried Luft holte.
»Weißt du, manchmal beneide ich dich wirklich.«
Antian erkannte die Stimme und öffnete die Augen. Vor ihm ragte Ferdons hagere Gestalt auf, die durch seine enganliegende Kombination aus schwarzer Lederkluft und Umhang noch schmächtiger wirkte. Seine aschfahle Haut sah aus, als wäre all sein Blut ausgelaufen und in das rote Halstuch gesickert, das er sich locker um den Hals geschwungen hatte. Das ernste Gesicht mit den vorstehenden Kinn- und Wangenpartien war von grauen Bartlinien gezeichnet. Struppiges silbergraues Haar saß wie aufgepflanzt auf seinem Kopf und in den dunklen Augenhöhlen lag der schwermütige Glanz schwarzer Obsidiane.
Immer wenn Antian seinen besten Freund ansah, dachte er unwillkürlich an die Leichen, die sie im Anatomieunterricht seziert hatten. Es schien, als hätte ein schreckliches Erlebnis ihn schneller altern lassen, seinen Körper ausgedörrt und sein Haar ergraut. Aber Ferdon sprach nicht über seine Vergangenheit und das respektierte Antian. Denn er hielt es genauso.
»Worum beneidest du mich?«, fragte Antian. »Um meinen umwerfenden Charme, mein gutes Aussehen oder meinen grandiosen Intellekt?«
»Um deine grenzenlose Eitelkeit.«, gab Ferdon trocken zurück.
»Die Eitelkeit ist die Mutter allen Strebens, pflegte schon Lycus der Zweite in seinen Schriften über das Wesen der Sterblichkeit zu sagen.«
Ferdons dunkelumrandete Augen leuchteten auf. »Ja und laut Iolanthe ist Eitelkeit die natürliche Feindin der Selbstkritik und gehört bekämpft, wo auch immer sie zu finden ist.«
Antian grinste. »Und ich dachte, du hättest Ethik immer verschlafen.«
»Wie hätte ich das tun sollen?« Ferdon klopfte auf den Folianten, der an seinem Gürtel hing und lächelte gequält. »Wenn ich doch immer für dich mitschreiben musste, weil du ständig den Kurs schwänztest, um dich mit irgendeiner Studentin zu amüsieren.«
»Ach ja, die guten alten Zeiten.« Antian schlug seinen eigenen Folianten zu. Der rote Stein im kunstvoll verzierten Metalleinband glomm auf und ein leises Klicken verriet ihm, dass der etherische Mechanismus ihn fest verschlossen hatte. Antian hatte fürs Erste genug von verstaubten Artefakten und nach all der harten Denkarbeit verdiente er ein Päuschen. »Was tust du hier, Ferdon? Solltest du nicht gemeinsam mit den Studenten Stollen kartographieren?«
Ferdon rieb sich den Nasenrücken, über der sich eine Sorgenfalte tief eingegraben hatte, und stieß ein Seufzen aus. »Pythes war felsenfest davon überzeugt, er habe einen Srax gehört. Und dann gerieten alle in Panik.«
Antian runzelte die Stirn. »Aber die Srax verlassen die untersten Ebenen doch nie. Sie fürchten das Licht.«
»Versuch das einer Horde kopfloser Studenten zu erklären, die schreiend in alle Richtungen davonrennt.«
»Und konntest du sie wieder einfangen?«
»Leider ja.« Ferdon deutete mit dem Daumen über die Schulter. »Ich gab ihnen eine Beschäftigung, damit sie mich eine Weile in Ruhe lassen.«
Antian drehte sich um und sah, wie fünf Studenten versuchten die Bruchstücke einer Schrifttafel zusammenzusetzen. Eine von ihnen bemerkte seinen Blick und lächelte schüchtern zu ihm herüber. Er zwinkerte ihr fröhlich zu und schenkte ihr sein über die Jahre vor dem Spiegel perfektioniertes Lächeln, worauf ihre Wangen in kräftigem Kirschrot erstrahlten. Sie wischte sich eine blonde Strähne hinters Ohr und strich sich mit den Fingerspitzen über ihr Dekolleté.
Sie war ein recht hübsches Mädchen, wenngleich ein wenig blass für Antians Geschmack, aber so war das nun einmal mit enorischen Frauen. Auch das strohblonde, lockige Haar entsprach nicht ganz seinem Ideal und ihre Hände erschienen ihm eine Spur zu groß für ihren zierlichen Körperbau. Und dieses Kleid: eine Zumutung. Wusste sie denn nicht, dass Violett seit Monaten aus der Mode war. Aber alles halb so schlimm, zumal er nicht allzu wählerisch war.
Ferdon schnaubte. »Geht das schon wieder los.«
Antian zuckte unschuldig mit den Achseln. »Was denn?«
»Das weißt du ganz genau.« Ferdon zerzauste sein ohnehin struppiges Haar noch weiter. »Hast du nicht schon genug Studentinnen … beglückt?«
»Wie kannst du so etwas fragen?« Antian sah seinen Freund empört an. »Als Philosophen sind wir dazu angehalten, neue Erkenntnisse zu gewinnen, unseren Horizont zu erweitern und ins Unbekannte vorzudringen.«
»So unbekannt dürfte das mittlerweile nicht mehr für dich sein.«
Antian zwinkerte ihm zu. »Es gibt große Unterschiede, das kann ich dir versichern.« Er lächelte. »Wie könnte ich mir eine Gelegenheit zur Erforschung der weiblichen Seele entgehen lassen?«
»Indem du wegsiehst.«
Antian schmunzelte. »Eifersüchtig?«
Ferdon warf ihm wieder diesen eigentümlichen Blick zu, mit dem Antian nichts anzufangen wusste. »Vielleicht.«
»Ich teile sie auch mit dir.«
»Danke für das großzügige Angebot, aber ich verzichte.« Er tippte Antian gegen die Brust. »Und das solltest du auch tun, denn die Dekanin reißt dir den Kopf ab, wenn du dich an ihren Studentinnen vergehst.«
»Und deinen gleich mit. Das willst du doch damit sagen.«
»Wie immer hast du mich mit deinem überlegenen Intellekt durchschaut.«, spottete Ferdon. »Mein Kopf mag ja weder so hübsch noch so einfallsreich sein wie deiner, dennoch zöge ich es vor, ihn zu behalten.«
»Du brauchst sie mir nur kurz auszuleihen.« Er beugte sich zu Ferdon hin und flüsterte: »Für einige … Nachforschungen.«
»Worüber? Über die Beschaffenheit von Brüsten?«
»Wie denkst du nur von mir?«
»Ausnahmslos schlecht. Und da mir die Dekanin die Verantwortung über die Studenten übertrug, werde ich mich davor hüten, sie auch nur in die Nähe deiner gierigen Finger zu lassen.« Er wischte sich Antians Arm von der Schulter. »Ich habe nämlich nicht vor, meine Stellung an der Akademie zu gefährden, nur weil du sie nicht bei dir behalten kannst.«
»Und wenn ich dir verspreche, meine Finger nicht zu verwenden?«
»Ich überlege es mir vielleicht, wenn du dir die Zunge abschneidest.«
»Hm.« Antian kraulte nachdenklich sein Kinnbärtchen. »Das erfordert viel Fantasie.«
»Manchmal hasse ich dich, weißt du das?«
»Tust du nicht.« Antian schlang einen Arm um Ferdons Schulter. »Du liebst mich fast so sehr wie die Frauen. Es ist einfach ein Naturgesetz.«
Ferdon sah ihn nur schweigend an.
»Weißt du, was dein Problem ist, Ferdon?«
»Nein, aber du wirst es mir bestimmt gleich sagen.«
»Du bist immer so ernst.« Antian klopfte ihm gegen die Brust. »Du weißt einfach nicht, wie man das Leben genießt.«
»Aber dafür, wie man es behält.« Ferdon seufzte resigniert. »Von mir aus kannst du sie dir … ausleihen, vorausgesetzt sie will das auch. Ich werde sehen, was ich tun kann, um dich während deiner Nachforschungen zu decken.«
»Du bist eben ein wahrer Freund. Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann.« Er hielt kurz inne und kratzte sich am Kinnbärtchen »Wie war noch gleich ihr Name?«
Ferdon seufzte abermals. »Sie heißt Kinea.«
Ein Knarzen und Knattern unterbrach ihr Gespräch. Sie drehten sich nach dem Geräusch um und Antian sah, wie eine breitschultrige Bergarbeiterin gerade einen Karren an den Rand des Plateaus schob und eine Ladung Schutt in die Tiefe stürzte.
Ferdon wandte sich an sie: »Werte Dame, dürfte ich Euch bitten, uns mitzuteilen, wie lange es noch in etwa dauert?«
Die Hünin stellte den Holzkarren ab, wischte sich den Schweiß von der dreckigen Stirn und bedachte Ferdon mit einem grimmigen Blick, als hätte sie Lust, ihn vom Steg zu schubsen – aber erst nachdem sie ein Stück von ihm abgebissen hatte.
»Bitten dürft ihr.«, brummte sie, spuckte aus und kehrte dann zu ihrer Arbeit zurück.
»Charmant.«, sagte Ferdon.
»Was erwartest du von diesen Leuten?«, fragte Antian. »Tagsüber Steine hauen und sich abends in der nächstbesten Taverne betrinken. Leben einfach vor sich in, ohne Ambitionen, ohne Ziele und ohne ihr eigenes Dasein zu hinterfragen. Deren geistiger Horizont reicht maximal bis zu ihren Nasenspitzen. Die haben doch nicht die geringste Vorstellung davon, wie wichtig unsere Arbeit hier ist.«
»Ach.« Ferdon hob die Brauen und sah Antian amüsiert an. »Und wir haben eine Vorstellung davon?«
»Natürlich.« Antian nickte entschlossen, lächelte dann aber leicht gequält. »Nun ja, so ungefähr.«
»Was glaubst du, dass wir hinter dem Tor finden werden?«
»Weltverändernde Ethera, was denn sonst?«
»Wohl eher wertlosen Crik.«
»Ferdon der große Optimist.«
Ferdon legte eine Hand auf seine Brust. »Ich bezeichne mich lieber als praktizierenden Realist.«
Eine Zeitlang schauten sie den Bergarbeitern zu, wie sie die Felsen bearbeiteten. Das zwei Mann hohe Tor war fast zur Hälfte freigelegt.
»Wenn die weiter so trödeln, werden wir es nie erfahren.«, brummte Antian.
»Sag das ihnen.«, forderte Ferdon. »Ich bin überzeugt, die freuen sich über Verbesserungsvorschläge.«
»Was sollte man da schon verbessern können?« Antian wedelte mit den Armen in Richtung Plateau. »Das ist noch nicht einmal richtige Arbeit.«
»Und was ist das deiner Meinung nach dann?«
»Stupides Krachmachen.«, antwortete Antian. »Eine Schaufel und eine Spitzhacke schwingen kann jeder Hornochse, aber für die enormen geistigen Leistungen, die ein Philosoph vollbringen muss, braucht es schon mehr als ein paar Muskeln.«
»Ich bin einfach nur froh, dass es bei den Sparmaßnahmen nicht unsere Muskeln sind, die das übernehmen müssen.« Ferdons Blick veränderte sich jäh. Seine Mundwinkel, gerade noch von einer Prise Heiterkeit umspielt, senkten sich und es schien, als würde er durch all den Fels hindurchsehen und das Gewebe des Universums selbst erblicken. »Kommst du dir manchmal auch unheimlich klein und unbedeutend vor, wenn du an all die großartigen Wunder denkst, die die Vergessenen erschufen?«
»Noch mögen es Wunder sein, doch sobald wir erst ihre Geheimnisse offenbart haben, werden sie ihre Magie verlieren und sich zu ganz alltäglichen Dingen wandeln.«, entgegnete Antian. »Schon bald wird ein neues Zeitalter der Wissenschaft und des Fortschrittes anbrechen.«
Ferdon betrachtete Antians Profil. »Lass mich raten: Du willst derjenige sein, der dieses Zeitalter einläutet?«
»Wer käme denn sonst in Frage?« Antian schmunzelte und fuhr sich durchs Haar. »Ich bin jung, klug, ehrgeizig und ausgesprochen gutaussehend.« Er stieß Ferdon an. »Aber keine Sorge, für dich gibt es stets einen Ehrenplatz an meiner Seite, zumal jedes Genie einen Assistenten benötigt.«
»Wie gütig von dir.«, spottete Ferdon. »Ich kann mir nichts Erfüllenderes vorstellen, als mein Leben lang einem Genie zu dienen. Vor allem dann, wenn es wieder einmal betrunken, verwirrt und nackt durch die Unterkünfte der Studentinnen taumelt und dabei ständig über seinen Vater herzieht.«
»Daran kann ich mich gar nicht erinnern.« Antian kraulte sein Kinnbärtchen. »Klingt nach einer legendären Nacht.«
»Ich meine es ernst.«, sagte Ferdon. »Was, wenn es nicht unser Recht ist, hier zu sein?« Er spielte gedankenverloren mit dem Ring an seiner linken Hand. »Vielleicht sollten manche Geheimnisse besser nicht gelüftet werden – nicht von uns.«
»Fängst du schon wieder damit an?«, schnaubte Antian. »Du klingst ja schon fast wie ein Priester der ewigen Flamme. Was sollen wir deiner Meinung nach tun? Alle unsere Bücher verbrennen und vor einer imaginären Göttin auf die Knie fallen, in der Hoffnung, sie möge uns vor der Fäulnis retten?«
»Nein, das meinte ich doch gar nicht. Vielleicht suchen wir einfach nur am falschen Ort nach Rettung.«
»Und wo soll dieser Ort deiner Meinung nach sein?« Antian hob die Arme und sah sich demonstrativ um. »Die Fäulnis ließ uns nicht viele Orte zum Suchen, falls dir das entgangen ist.«
»Es existiert mehr auf dieser Welt, als wir mit unseren beschränkten Sinnen wahrnehmen können. Das wussten schon unsere Vorfahren. In den alten Schriften steckt viel Weisheit.«
»Schriften wie das Infericon?« Antian lachte auf. »Das Handbuch zum braven Kirchgänger? Welche Weisheit meinst du darin finden zu können?« Er wartete gar nicht erst auf eine Antwort. »Verehre die Sonne als wohlwollende Göttin und fürchtet den zerbrochenen Mond als finsteren Teufel. Lebe artig nach seinen Regeln, dann darfst du dich nach dem Tod im Glanz ihres Lichtes sonnen; tust du es nicht, bist du dazu verdammt, in ewiger Dunkelheit umherzuirren. Und wenn dir jemand nicht passt, zeige mit dem Finger auf ihn, dann wird er auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Wahrlich ein Quell überschäumender Weisheit.«
»Das ist eine sehr oberflächliche Betrachtung. Wir sollten uns nicht vor möglichen Antworten verschließen, nur weil uns die Art und Weise, wie sie dargestellt werden, missfällt. Außerdem ist die Kirche der heiligen Flamme nicht die einzige Quelle alter Schriften.«
»Ach ja, ich vergaß. Die anderen Religionen sind ja so viel geistreicher!« Antian verstand einfach nicht, dass ein kluger Mensch wie Ferdon einen solchen Unsinn von sich geben konnte – und das noch dazu in völlig nüchternem Zustand. »Selbst wenn die Schriften hinterlassen hätten, böten sie keine Antworten, sondern nur Märchen. Die Leute erzählen sich diese Geschichten, um der Welt und dem Leben einen Sinn zu geben und Dinge zu erklären, die sie nicht verstehen.«
»Die Geschichten in den alten Schriften sollen als Wegweiser dienen. Sie sind voller versteckter Hinweise und Anleitungen, die sich hinter Allegorien, Metaphern und Gleichnissen verbergen.«
»Nur zu dumm, dass die wenigsten Menschen überhaupt wissen, was eine Metapher ist, geschweige denn eine Allegorie, und stattdessen alles wörtlich nehmen.«, entgegnete Antian gereizt. »Genau dieser kurzsichtige Fanatismus hätte dieses Land vor zehn Jahren beinahe in einen mörderischen Bürgerkrieg gestürzt. Die öffentliche Ausübung von Religionen wurde aus gutem Grund und völlig zurecht verboten.«
Ferdon sah Antian lange an, bevor er fragte: »Also sollte deiner Meinung nach niemand an etwas glauben?«
»Doch.«, antwortete Antian bestimmt. »Die Menschen sollten an die Philosophie glauben, an die Kraft des Denkens und an den Fortschritt. Nur sie bieten verlässliche Antworten.«
»Tun sie das?« Ferdon sah ihn schief an. »Kann die Philosophie denn die Entstehung der Welt erklären, woher wir kommen oder wohin wir dereinst gehen?«
»Noch nicht, aber eines Tages wird sie Antworten auf alle Fragen kennen.«
»Und wer braucht dann noch die Kraft des Denkens, wenn wir bereits alle Antworten kennen?« Ferdon zeichnete mit den Fingern die dünnen, grauen Bartlinien um seine Lippen nach, die wie aufgemalt aussahen. »Es gibt Mysterien, die lassen sich nicht erforschen, nicht beobachten, nicht mit unseren beschränkten Sinnen erfahren und schon gar nicht berechnen. Und das wird auch immer so bleiben.«
»Im Gegensatz zu deinen albernen Religionen versucht die Philosophie wenigstens Antworten zu finden und Wissen zu schaffen, statt Lügen und falsche Hoffnungen zu verbreiten.«
»Mir scheint, du verwechselst Wissen mit Tatsachen.«, sagte Ferdon. »Denn eines von beiden ist unveränderlich, das andere halten wir nur dafür. Das Wesen des Wissens unterscheidet sich nur wenig von dem des Glaubens.«
»Jetzt zitierst du schon Thymele.«, entgegnete Antian gequält. »Du musst wahrhaft verzweifelt sein, um diese Närrin zu zitieren. Man hat ihr den Titel der Großphilosophin nicht umsonst aberkannt.«
»Ich bin kein Sophist.« Ferdon schob sein spitzes Kinn vor. »Ich führe keine Diskussionen, nur um Recht zu haben.«
»Wieso sollte man sonst diskutieren wollen?«
Zwischen ihnen blieb ein unbequemes Stück Zeit hängen.
Ferdon sah Antian eine Weile in die Augen und zuckte dann resigniert mit den Schultern. »Und genau deswegen streite ich nicht gerne mit dir.«
Da konnte Antian ihm schwerlich widersprechen. Er würde auch nur ungern mit sich selbst streiten, zumal er stets Recht hatte – also meistens jedenfalls. Allerdings stritt auch er sich nur widerwillig mit seinem besten Freund. Mit Ferdon zu diskutieren, war, wie sich mit seiner eigenen Mutter zu zanken. Am Ende fühlte man sich einfach nur schlecht, mochte man noch so sehr im Recht sein.
Antian beruhigte sich ein wenig und senkte seine Stimme auf ein etwas versöhnlicheres Maß herab. »Wenn du glaubst, wir sollten nicht hier sein, wieso kamst du dann überhaupt mit?«
Ferdon wirkte wieder einmal verloren, so als ob er ganz alleine auf der Welt wäre. »Das frage ich mich manchmal auch.«
Antian wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als ein Ruf durch die Höhle schallte.
»Adept Antian!«
Die Stimme ließ sie beide zusammenfahren und stahl ihnen den letzten Rest Farbe aus den Gesichtern. Sie blickten einander vielsagend an, drehten sich dann langsam um und sahen die Dekanin in ihren langen, roten Gewändern über das Plateau stolzieren. Ihre Bewegungen waren von außerweltlicher Würde und Stolz geprägt. Die Magister, Adepten und Studenten auf ihrem Weg wichen ihr rasch aus oder verneigten sich tief, nur um ihr dann mit neugierigen Blicken zu folgen.
»Wenn man vom Verschlinger spricht.«, flüsterte Ferdon, der plötzlich so steif dastand, als hätte ihm ein Arbeiter seine Spitzhacke in den Allerwertesten gerammt. »Was hast du jetzt schon wieder angestellt?«
Antian konnte die Spitzhacke jetzt auch ganz deutlich spüren. »Nichts.«
Ferdon sah ihn zweifelnd an.
Antian zuckte mit den Schultern. »Nun ja, zumindest nichts, an das ich mich erinnern könnte.«
Ferdon hob die Brauen. »Vielleicht ist es ja etwas, das du zu tun verabsäumt hast.«
»Möglich. Aber wer weiß das schon bei dieser Furie?«
Die Dekanin erreichte sie und Antian verbeugte sich vor ihr. »Weisheit und Vernunft, Dekanin.«
»Die scheint mir dieser Tage rar gesät zu sein.« Entsetzlich kluge Augen wie flüssige Jade durchleuchteten die zwei Männer und richteten sich dann auf Antian. »Ich habe Euch gesucht, Adept Antian, was tut Ihr hier?«
Ihre Stimme war glatt und scharf wie ein Skalpell. Antian war überzeugt, dass sie damit schon so manche Studentenkehle aufgeschnitten und Blut daraus getrunken hatte. Er hob seinen Folianten wie zur Verteidigung. »Ich studiere die Luminatoren, so wie Ihr es mir aufgetragen habt.«
»Und ich dachte schon, ich hätte Euch befohlen, herumzustehen und kostbare Zeit zu verschwenden. Ich muss die beiden Adepten doch sicher nicht daran erinnern, dass uns Selbige davonläuft, immerhin sollten sie klug genug sein, zu wissen, wie schwierig es ist, Mittel für eine derart kostspielige Unternehmung zu erhalten.« Sie warf einem Mann in schmuckloser Beamtenuniform einen kurzen Seitenblick zu. »Man stelle sich nur vor, ich müsste bei meinem allmorgendlichen Plausch mit dem Finanzbeamten gestehen, einen Teil der Expeditionsteilnehmer nur zur Zierde mitgebracht zu haben.«
Antian schluckte schwer. »Ein grässlicher Gedanke.«
»Nicht wahr? Ich möchte gar nicht erst an die personellen Konsequenzen denken, die sich daraus ergeben könnten.« Die Dekanin sah zwischen ihnen hin und her und sezierte sie mit ihrem Blick, dass Antian den Schnitt am Hals schon zu spüren glaubte. »Ich darf also gewiss davon ausgehen, dass das Thema eurer so zwanglos geführten Unterhaltung von eminenter Wichtigkeit für diese Unternehmung war?«
Die beiden Adepten blinzelten einander an.
»Gewiss, Dekanin.«, versicherte Antian.
»Ausgesprochen wichtig.«, pflichtete ihm Ferdon mit einem Nicken bei.
Die Dekanin lächelte wölfisch. »Fabelhaft.« Ihr strenger Blick traf Ferdon. »Dann darf ich weiter annehmen, dass Ihr den Stollen wie von mir gewünscht kartografiert habt.«
Ferdon zögerte. »Noch nicht so ganz.«
»Und wieso seid Ihr dann hier?«
»Es gab da diesen Vorfall …«
»Ist jemand umgekommen?«
»Nein, das nicht.«
»Habt Ihr etwas von Bedeutung entdeckt?«
»Nicht unbedingt.«
»Was steht ihr dann noch hier in der Gegend herum?« Sie wedelte mit der linken Hand. »Zeichnet mir diese Karten und zwar sofort!«
»Gewiss, Dekanin, ich mache mich sofort wieder an die Arbeit.« Ferdon deutete eine Verbeugung an und wirkte äußerst erleichtert, verschwinden zu dürfen. Er warf Antian einen letzten, aufmunternden Blick zu und kehrte dann zu seinen Studenten zurück.
»Und was Euch betrifft.« Antian zuckte unter dem strengen Blick der Dekanin zusammen. »Ihr kommt mit mir. Wir haben ernste Angelegenheiten zu besprechen.«
Das bedeutete selten etwas Gutes. Dabei hatte er Kinea noch gar nicht angerührt. Und es war nicht verboten, Studentinnen hübsche Augen zu machen, andernfalls wäre er längst von der Akademie geflogen.
Die Dekanin wartete nicht erst auf seine Antwort und marschierte los. Mit einem Fingerzeig über die Schulter bedeutete sie Antian, ihr zu folgen.
Er beeilte sich, zu ihr aufzuschließen. »Welche Angelegenheiten wollt Ihr denn mit mir besprechen?«
»Das werdet Ihr noch früh genug erfahren.«
»Darf ich wenigstens erfahren, wohin wir gehen?«
»Dürft ihr nicht.«

Kapitel 7 (Ganzer Text)

7. Anomalien

Antian folgte der Dekanin über eine der Felsbrücken, an deren Ende sie durch eine dreieckige Pforte schritten. Dahinter lag ein Schacht mit verlassenen Kammern, die sie als Lager- und Schlafplätze nutzten. Sie waren derzeit verlassen, da alle in der Haupthöhle beschäftigt waren – oder sich zumindest so gaben. Während Antian sich einen Raum mit einem Dutzend weiterer Adepten und Studenten teilen musste, bewohnte die Dekanin eine eigene Kammer. Das war nur eine der vielen Privilegien, um die er die Leiterin der Fakultät für Archäologie beneidete.
Entsprechend überrascht war er, als sie an ihrer Kammer vorbeiging und ihn stattdessen in einen kuppelartigen Raum führte, der von mehreren Kristalllampen gleichmäßig erhellt wurde. Antians Blick glitt über feingliedrige Apparaturen, komplizierte Messgeräte und wundersame Artefakte. Ein rankenartiges Eisengerüst hielt zwei Dutzend Glasbehälter umklammert, in denen bunte Flüssigkeiten schwammen. Zwischen all den Gebilden standen drei Holztische, auf denen sich Folianten Schriftrollen und Skizzen türmten.
Die Dekanin steuerte den mittleren der drei Tische an, lehnte sich dagegen und verschränkte die Arme vor der Brust. »Könnt Ihr Euch denken, was hier in Kürze geschehen wird?«
»Eine Bestrafung, die ich zweifellos nicht verdient habe?«, fragte er vorsichtig lächelnd.
Sie lächelte nicht. »Falsch geraten. Strengt Euer Köpfchen an!«
Antian betrachtete die im Boden verankerten Apparaturen und Artefakte. »Ich nehme an, ihr spielt auf die nächste Gravitationswelle an.«
»Schon besser. Und wisst Ihr auch, was das bedeutet?«
Antian blinzelte verwirrt. Wie sollte er die Frage beantworten, wo er sie noch nicht einmal verstand? War das etwa eine verquere Art von Test? Die Dekanin schien heute noch mürrischer als sonst zu sein und selbst an ihren guten Tagen war sie eine herbe Mischung aus Jähzorn, Ungeduld und übertriebener Strenge. Da es ihm schwerfiel, ihrem Blick standzuhalten, sah er sich um. Er brauchte nicht erst seine Gedächtnisbibliothek zu bemühen, um zu sehen, was hier nicht stimmte: Die Forschungsschriften lagen völlig ungesichert herum.
»Es bedeutet, dass bald jemand alle Hände voll zu tun haben wird, das Chaos hier zu beseitigen, und aus einem mir unerfindlichen Grund bin das allen Anschein nach ich.«
»Ihr enttäuscht mich.«, sagte sie kopfschüttelnd. »Von Euch hätte ich weitaus mehr … Fantasie erwartet. Aber wie mir scheint, seht auch Ihr nur das Offensichtliche.«
Der Hohn in ihrer Stimme und die Verachtung in ihrem Blick reizten ihn. »Verzeiht, aber ich verstehe nicht, worauf Ihr hinauswollt. Wäre es zu viel verlangt, mir zu erklären, was Ihr eigentlich von mir erwartet?«
»Und ich dachte, das sei offensichtlich.« Ihr Blick blieb unnachgiebig. »Wie weit seid Ihr mit Euren Studien über diese Gravitationsanomalie?«
Antian hob überrascht beide Augenbrauen. Die Anomalie gehörte doch gar nicht zu seinen Forschungsgebieten. Nun verstand er gar nichts mehr. Die Dekanin musste sich den Kopf gestoßen haben, denn üblicherweise war es nicht ihre Art, zu vergessen – oder zu vergeben.
»Bei allem gebührenden Respekt, Dekanin, ich fürchte, Ihr verwechselt da eine Kleinigkeit.«, erklärte er so ruhig, wie es sein verletzter Stolz zuließ – also nicht sehr. »Diese Anomalie ist Arrabaios’ Spezialgebiet nicht das meine.«
Die Dekanin löste sich von ihrem Schreibtisch und bezog mit maskenhafter Miene vor Antian Stellung, sodass er ihrem Blick nicht entfliehen konnte. Er erwartete eine Ohrfeige, doch stattdessen stemmte sie eine Hand in die Seite und verlagerte ihr Gewicht auf das linke Bein, wodurch ihr Körper reizvolle Kurven beschrieb. Mit der freien Hand strich sie langsam über das teure Amulett, das ihr Dekolleté schmückte und in dessen Zentrum ein Xeranitfragment wie kristallines Blut schimmerte.
»Arrabaios ist ein Dilettant. Er verfügt nicht über Eure besonderen … Qualitäten. Außerdem ist er ein Langweiler. Seine Abhandlungen lesen sich wie ein Mittel gegen Schlaflosigkeit und ich fühle mich keineswegs schläfrig.« Sie legte ihm eine Hand auf die Brust. Augen wie Jade, durchdringend und von entsetzlicher Schönheit, glühten auf. »Ich verlange, dass Ihr heute einige Experimente mit der Anomalie durchführt.«
Jetzt verstand Antian. Das war dann also wieder einer dieser speziellen Tage. Eine höchst erfreuliche Wendung der Ereignisse, kein Zweifel. Die Anspannung in ihm verflüchtigte sich schlagartig und wanderte tiefer, wo sie einem weitaus nützlicheren Zweck zugeführt wurde. Er hob die rechte Augenbraue. »Und wie ich annehme, darf ich auf Eure tatkräftige Mitwirkung zählen?«
»Das dürft Ihr.«
Antian packte ihre Hüften und drückte sie an sich. Ihre harten Gesichtszüge verzogen sich zu einem hungrigen, einem gierigen Blick.
»Und welche Art von Experimenten hattet Ihr im Sinn?«
Sie schmiegte sich an ihn und spielte mit der einsamen Haarlocke, die ihm in die Stirn hing. »Überrascht mich!«
Antian fischte seinen Taschenchronometer an einer dünnen Kette aus seiner Manteltasche. Ein Blick auf das Artefakt verriet ihm nicht nur die Zeit, sondern auch die Kraft der lokalen Nexuslinien. Eine der vielen kleinen und durchaus praktischen Hinterlassenschaften der Vergessenen, wie sie oft in Enorien zu finden waren und von jedermann verwendet werden konnten, was nicht auf alle Ethera zutraf.
»Ich fürchte, es bleibt wenig Zeit für Vorbereitungen.«
»Dann schlage ich vor, Ihr beeilt Euch.«
Antian lehnte sich vor, um sie zu küssen, doch sie verweigerte es ihm. Stattdessen bot sie ihm ihren Nacken an. Er drehte sie gehorsam herum, wischte ihr kastanienbraunes Haar beiseite und strich ihr mit dem Bart über die samtige Haut. Sie seufzte leise.
Die Verantwortung für ihr Wohlbefinden und damit ihre Stimmung lag jetzt alleine in seinen Händen. Seine Kollegen konnten sich glücklich schätzen, denn es waren zwei ausgesprochen fähige Hände. Antian kannte die Vorlieben der Dekanin, wusste um ihre extravaganten Bedürfnisse und hatte gelernt, alle ihre Laute präzise zu deuten.
Für den Anfang küsste Antian ihren Nacken, ihre Wangen, ihre Ohren. Sie roch nach alten Folianten, Seife und Rosenblütenöl. Er musste lächeln. Der Duft von Intelligenz und Weiblichkeit – zwei der drei Dinge, die er am allermeisten liebte.
Sie streckte die Hand über ihre Schulter, fuhr mit gespreizten Fingern durch sein Haar und zog leicht daran. Antian gehorchte und wechselte von Küssen zu Bissen, zuerst nur sanft, dann immer fester.
Die Dekanin stieß ihn weg, grinste über die Schulter und stolzierte mit pendelnden Hüften zum mittleren Schreibtisch. Dort angekommen öffnete sie eine Schublade, löste ihren Folianten von der Gurthalterung und legte ihn vorsichtig hinein. Antian folgte ihr, wollte sie berühren, doch sie hielt ihn mit ausgestreckter Hand auf Abstand. Wortlos öffnete sie den Gurt ihres roten Seidenkleides und zwang ihn, zuzusehen. Währenddessen schnallte auch er seinen Folianten ab und legte ihn zu ihrem in die Lade. Die Aufzeichnungen eines Philosophen waren schließlich heilig.
Langsam wischte sie den Stoff von ihrer linken Schulter, dann von ihrer rechten. Sie ließ Antian jede Sekunde davon auskosten, blinzelte ihn dabei vergnügt an und streifte das Kleidungsstück letztlich ganz ab. Antian sah fasziniert zu, wie der matt glänzende Seidenstoff an ihrem schlanken Körper entlanglief und sich in feinen Wellen um ihre Stiefel sammelte. Mit zwei eleganten Schritten stieg sie darüber hinweg und präsentierte ihm aufreizende Spitzenunterwäsche aus schwarzem Satin und unanständig viel nackte Haut.
Antian entschied, seinen Gedanken eine kleine Pause zu gönnen und konzentrierte sich ganz auf ihren Anblick. Die Dekanin drehte sich zu ihm um und half ihm mit geschickten Fingern, die Knöpfe seines Mantels zu öffnen. Er verlor ihn, wie er gleich darauf auch sein Hemd verlor.
Antian packte die Dekanin und hob sie hoch. Ihre Beine umschlangen seine Hüften und er umfasste ihre prallen Rundungen. Begierde flackerte in ihren Augen und spiegelte sich in seinen wider. Er wollte sie küssen, doch sie wich abermals zurück, lächelte boshaft und herausfordernd. Er versuchte es wieder, doch auch diesmal ließ sie es nicht zu. Wie ein wildes Tier zeigte sie Zähne und schnappte nach ihm.
Ihnen blieb nicht mehr viel Zeit bis zum Einsetzen der Gravitationswelle, die alle Anomalien in einem Umkreis von vielen Kilometern um den bleichen Fels für kurze Zeit verstärkte oder sogar völlig neue erschuf. Also trug er sie rasch zum Arbeitstisch. Kaum hatte er sie darauf abgesetzt, wischte sie mit fiebrigen Händen alle Schriftrollen, Folianten und Schreibutensilien von der Tischplatte. Zurückgelehnt, den Rücken durchgedrückt bot sie ihm ihre Reize dar, ihre samtige Haut und ihr duftendes, kastanienbraunes Haar. Als er ihr Angebot annehmen wollte, stellte sie einen Stiefel auf seine rasierte Brust, ihr Blick ein unmissverständlicher Befehl.
Folgsam zog er ihr erst den einen, dann den anderen Stiefel aus. Beide polterten zu Boden. Ungeduldig wartete sie, bis auch er sich seiner entledigt hatte, nur um ihn dann mit nackten Füßen zu umschlingen und zwischen ihre Schenkel zu ziehen. Sie rieb ihren Unterleib begierig an ihm, als die Gravitationswelle einsetzte.
Antian fühlte, wie er die Bodenhaftung verlor und schwerelos wurde. Er und die Dekanin lösten sich von der Tischplatte und schwebten empor, zusammen mit allem, was nicht festgemacht war – und das galt für so Einiges.
»Eindeutig eine temporäre, lokal begrenzte Nullanomalie zweiter Kategorie.«, stellte er fest und beobachte seine Arme, wie sie sich von selbst hoben. »Ich merke an, dass mir das Blut leicht zu Kopfe steigt.«
»Und wie verhält es sich mit anderen Körperregionen?«
Antian hob eine Augenbraue. »Das bedarf weiterer Erforschung.«
Während sie allmählich aufstiegen, löste Antian die Schnüre ihres Dessous, befreite ihre Brüste und legte ihren Intimbereich frei. Blieben nur noch seine eigenen Hosen, die sich aber als ausgesprochen widerspenstig erwiesen. Er mühte sich ab, kam dabei ins trudeln und begann sich unkontrolliert zu drehen. Das hatte er so jedenfalls nicht geplant.
Die Dekanin kicherte wie eine Studentin im ersten Semester und zog ihn zu sich heran, wobei sie selbst in Rotation versetzt wurde. Endlich von der Beengtheit ihrer Kleider befreit, drückte er sich gegen sie. Er spürte die Wärme ihrer Haut auf seiner, sog ihren Duft gierig ein und wollte von ihr kosten. Er küsste ihre Brüste, umspielte ihren Warzenhof mit den Lippen und saugte sanft an ihren Brustwarzen, während ihre Finger bei ihm für die nötige Blutzirkulation sorgten.
An diese Art der Feldforschung könnte er sich jedenfalls gewöhnen. Wie es schien, hielt diese Expedition ja doch noch das eine oder andere Abenteuer parat.
Gemeinsam tauchten sie in einen Schwarm Schriftrollen, Skizzen und Aufzeichnungen ein.
Die Dekanin zog sein Gesicht an ihres heran, bis sie sich mit Stirn und Nase berührten. Ihre Augen erinnerten Antian an Meere aus flüssiger Jade, die in schwarze Tiefen stürzten. Er wollte hineinspringen, von ihnen verschlungen werden und nie wieder auftauchen. Ihr Blick veränderte sich, wurde eindringlich, sehnsüchtig, beinahe liebevoll und Antian glaubte einen kurzen Blick auf die Frau hinter dem Titel erhaschen zu können.
Als hätte sie nur auf diesen Moment gewartet, gewährte sie ihm endlich den ersten Kuss. Seine Zunge erinnerte sich an ihren Geschmack – ein warmer, lebendiger und seidiger Geschmack mit einer feinen Note süßem Wein. Er verlor sich gerade in dem innigen Kuss, als ihn etwas am Allerwertesten berührte und er erschrocken japste.
»Was ist geschehen?«, fragte die Dekanin.
Er griff hinter sich, zog einen Folianten hervor und las den Titel: »Betrachtungen über die Anomalien und ihre Wirkung auf die lokale Flora und Fauna.«
Die Dekanin starrte ihn eine Sekunde lang an und brach dann in lautes Gelächter aus. Antian warf den Wälzer mit einem Grinsen weg und küsste sie wieder.
Als sich ihre Lippen das nächste Mal voneinander lösten, hob sie die Augenbrauen. »Denkt Ihr nicht, es sei an der Zeit, das Experiment zu vertiefen?«
»Da bin ich ganz Eurer Meinung.«
Antian hatte allerdings Mühe, eine passende Stellung für eingehendere Forschungen zu finden. Es fehlte ihm sozusagen an der notwendigen Bodenhaftung und auch mit der Orientierung wollte es nicht so recht klappen, zumal er kopfüber hing und sich ständig drehte.
»Habe ich Eure Fähigkeiten etwa überschätzt, Adept?« Sie blinzelte ihn herausfordernd an, wobei sie erfolglos ihr entfesseltes Haar zu bändigen versuchte, das wie unter Wasser getaucht nach allen Seiten davon trieb.
»Keineswegs, Dekanin.« Er fingerte etwas ungeschickt zwischen ihren Beinen herum, während sie langsam der Decke entgegenstrebten. »Allerdings wartet das Experiment mit einigen unerwartet komplexen Problemstellungen auf.«
Die Dekanin lachte hinter wogenden Wellen kastanienbraunen Haares. Nichts war von der Härte in ihrem Gesicht geblieben. In diesem Zustand der Entspannung wirkte sie vergnügt und unschuldig, dass man fast vergessen hätte können, dass sie eine Dekanin war. Aber eben nur fast.
»Lasst mich Euch zur Hand gehen.«, sagte sie, klammerte sich an ihm fest und gemeinsam schufen sie eine Verbindung. Zufrieden ging Antian zu Werke und entlockte der Dekanin mit einigen wenig eleganten Hüftschwüngen ein lustvolles Seufzen. Jetzt wurde es interessant.
Wenn seine Kollegen nur wüssten, welch bedeutungsvollen Beitrag er zum Wohlbefinden der Dekanin und damit aller Expeditionsteilnehmer leistete. Dafür verdiente er einen Sonderstatus, mindestens jedoch einige zusätzliche Privilegien. Andererseits hätte das Rektorat ihre kleine Übereinkunft wohl kaum gutgeheißen. So wie der Akademierat, der Senat, die Studenten, die Magister und die anderen Adepten. Wenn er so darüber nachdachte, hätten bestimmt alle etwas dagegen. So gesehen, war es gewiss vorteilhafter, er betätigte sich weiter als anonymer Wohltäter.
Die Dekanin sah die Decke nahen und stieß sich mit einem kurzen Handgriff ab. Gemeinsam trudelten sie wieder Richtung Boden und tauchten in die Flugbahn einer kleinen Bibliothek ein. Die Folianten raschelten und umflatterten sie wie aufgescheuchte Wildvögel. Antian verpasste einem dicken Wälzer einen Tritt, worauf dieser ans andere Ende der Kammer katapultiert wurde. Ein Buch traf die Dekanin am Hinterkopf. Sie schnappte sich das Werk und blätterte darin, während Antian sich in der Schwerelosigkeit abmühte.
»Langweilig.«, bemerkte sie.
Antian riss sich von dem äußerst faszinierenden Anblick ihres Nabels los und sah auf. »Das Experiment?«
»Das Buch« Die Dekanin hielt ihm den Einband hin. »Abhandlungen über die Nichtexistenz der Vergessenen. Schrecklich langweilig, genauso wie sein Verfasser.«
»Eine Frau wie Euch zu langweilen, ist eine Sünde.«
»Richtig. Also versündigt Euch nicht!«
Antian zog ihren Oberkörper an sich, küsste sie und verwöhnte sie, so gut es ihm kopfüber möglich war. Sie erzitterte, stöhnte und lachte ob seiner Bemühungen. Ihr Körper verströmte Leidenschaft und den Duft von Büchern und Rosenblüten. Er erhaschte neben ihrer Schulter einen Blick auf eine seiner Skizzen. Eine großartige Demonstration künstlicher Begabung, das musste er sich zugestehen. Dahinter trieb sein Taschenchronometer. Er fischte ihn aus der Luft und las die Zeit von den abstrakten Symbolen ab.
»Das Experiment endet bald.«
»Ich bestimme, wann das Experiment endet!« Die Dekanin küsste ihn und grinste. »Beeilt euch, ich erwarte befriedigende Ergebnisse.«
»Wie Ihr wünscht.«
Antians Fingerspitzen wanderten in den heißen Süden, tauchten zwischen ihre verschwitzten Schenkel und entlockte der Dekanin hohe Töne.
»Besser?«
Um ihre Mundwinkel zuckte ein erregtes Lächeln. »Ja, mir scheint, Ihr seid zum Kern des Themas vorgedrungen.«
Sie krallte ihre Finger in seinen Rücken und gab ihm den Takt vor, dem seine Hüften und Finger ergeben folgten.
Als der Tisch in Reichweite kam, streckte Antian die Hand danach aus und zog sie das letzte Stück zu Boden. Ein lustvolles Seufzen später endete die Gravitationswelle.
Obwohl sie damit gerechnet hatten, überraschte das Gewicht ihrer Körper sie beide. Die Dekanin quietschte, als ihr Rücken den kalten Felsboden berührte. Antian spannte sich über ihr an, um den Regen aus Schriftrollen und Büchern abzuwehren, der auf sie niederging. Sie sahen einander mit großen Augen an und brachen gleichzeitig in Gelächter aus, während Folianten um sie herum zu Boden polterten, lose Blätter durch die Luft flatterten und Schreibutensilien herabregneten.
»Au.« Die Dekanin verzog das Gesicht, zerrte unter ihrem Gesäß ein verstaubtes Buch hervor und warf es achtlos beiseite.
Antian hob einen Finger. »Wenn ich etwas vorschlagen dürfte.«
»Ihr dürft.«
»Wollen wir das Experiment in geeigneterer Umgebung fortsetzen?«
»Wir wollen.«
Antian sprang auf und half ihr auf die Füße. Sie suchten ihre überall verstreuten Kleider zusammen und schlichen kichernd auf Zehenspitzen in die Kammer der Dekanin.

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