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Zeitalter der Angst

*Arbeitstitel*

In Arbeit

Die Stählerne Legion

Fantasy – Roman

Vor 100 Jahren erschien die Fäulnis in den Reichen der Menschen, eine dunkle Kraft, die alles Lebende in groteske Bestien verwandelte, deren einziges Ziel es ist, Leben zu verschlingen. Reich um Reich fiel ihr zum Opfer.
Die Überlebenden flohen nach Enorien, einem Land voller Geheimnisse, uralter Relikte und rätselhafter Anomalien, das von der Fäulnis verschont geblieben war.
Zehn Jahre wog sich die Menschheit in Sicherheit, bis an der nördlichsten Landesgrenze plötzlich ein dunkler Reiter von jenseits der Ödnis erscheint. Doch er kommt nicht alleine, denn die Fäulnis folgt ihm.
Daros, ein Soldat der stählernen Legion sieht sich einem unbarmherzigen Feind gegenüber, der seine Eltern getötet und dem er Rache geschworen hat. Zusammen mit seinen Kameraden muss er sich dem Ansturm von Bestien entgegenstellen, der kein Ende zu nehmen scheint.
Nur der Gelehrte Antian und die Agentin Netara erkennen, dass der wahre Feind bereits hinter den Mauern lauert.
Gemeinsam müssen sie verhindern, dass auch das letzte Reich der Menschen an die Fäulnis fällt.

Veröffentlichung voraussichtlich Frühling 2020

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Leseprobe

1 – Monster der Vergangenheit

 

Wemmen stand in Flammen. Vom Nordufer des Striakon drangen die Schreie der Verteidiger heran, das Klirren ihrer Waffen und das Kreischen der Bestien, gegen die sie antraten. Aus dem rabenschwarzen Nachthimmel stießen geflügelte Monster herab und rissen den fliehenden Einwohnern das Fleisch von den Knochen. Zwischen den Gebäuden regte sich die haushohe Silhouette eines namenlosen Schreckens. Ein atemraubender Fäulnisgestank strömte durch die engen Straßen.
Daros fürchtete sich. Er klammerte sich an den Rock seiner Mutter und schaute hinauf in die Gesichter der Erwachsenen, die im rötlichen Schein der Fackeln fremd und unheimlich wirkten. Nie zuvor hatte er seine Eltern und seinen großen Bruder dermaßen verängstigt erlebt.
»Schneller Felra, sie kommen!«, drängte Tar seine Frau.
Ihre Hände, sonst kräftig und ruhig, zitterten bei dem Versuch, die Schmiede aufzuschließen. In ihren aufgerissenen Augen spiegelten sich das Entsetzen und die Flammen wider.
Brent, groß und breitschultrig wie sein Vater, durchsuchte die Finsternis mit dem gehetzten Blick eines gejagten Tiers, die Fackel so fest umklammert, dass die Knöchel an den Fingern weiß hervortraten.
Daros’ Vater, selbst für einen Naar ein Mann von riesenhafter Statur, lauschte mit stoischer Miene dem Lärm des erbitterten Abwehrkampfes. Auf seiner Stirn hatten sich Schweißtropfen gesammelt.
»Felra!«, knurrte er.
Sie erschrak und hätte die Schlüssel beinahe fallengelassen.
»Lass mich dir helfen, Mutter.«
Brent kam ihr zur Hilfe und nahm ihr den Schlüsselbund ab. Sie trat zurück und hielt sich an Daros’ Schultern fest, die erst die Last von sechs Wintern getragen hatten. Er spürte das Zittern ihrer Finger und erschauderte.
Brent schloss die Schmiede auf, riss das Tor zur Seite und winkte sie hinein. »Los, rein!«
Felra schob ihren jüngeren Sohn in die Finsternis der Familienwerkstätte. Brent steckte die beiden Fackeln in Wandhalterungen, während sein Vater das Tor schloss und von innen verriegelte.
Der sah sich mit grimmigem Blick in der Schmiede um und zeigte dann auf das Tor. »Wir müssen es verbarrikadieren.«
Brent und Tar vernagelten den Eingang mit Brettern und stützten sie zusätzlich mit Metallstangen. Sie schoben Werkbänke davor, türmten Tische darauf und beschwerten das Konstrukt mit Ambossen, bis eine mannshohe Mauer entstanden war. Nach getaner Arbeit traten die Männer von ihrem Werk zurück, wischten sich den Schweiß von der Stirn und lauschten angespannt.
Gehetzte Schritte trommelten über die Straße, gefolgt von einem bestialischen Knurren. Jemand stolperte vor der Schmiede und der verzweifelte Schrei einer Frau ließ die Luft erzittern. Ihre Hilferufe verwandelten sich schnell in ein unmenschliches Kreischen. Brent sah seinen Vater an, doch der schüttelte den tätowierten Kopf. Sein Gesicht hinter dem dichten, metallbehangenen Bart war erstarrt, als er einen Finger auf die Lippen hielt.
Daros wagte kaum zu atmen, aus Angst er könnte sie verraten. Er rückte näher an seine Mutter heran, doch selbst ihre Wärme konnte ihm keinen Trost spenden, ihm nicht die Furcht vor den wahrgewordenen Alpträumen nehmen, die diese Nacht auf Wemmen losgelassen hatte.
Als die Todesschreie der Frau verstummten, wurde es still. Nur der ferne Kampflärm wehte durch die Ritzen des Eingangs.
Brent und Tar sahen einander an und für einen Moment wagten sie zu hoffen.
Ein Knall ließ sie zusammenfahren. Daros starrte entsetzt auf das verbarrikadierte Tor, das unter einem mächtigen Schlag erbebt war. Sein Bruder trat instinktiv einen Schritt zurück. Durch das Tor drang ein Gurgeln, wie von einem sterbenden Tier, doch was draußen auf sie lauerte, war längst nicht tot.
Erneut knallte es und die Barrikade erzitterte. Daros’ Mutter vergrub ihre Finger in seinen schmalen Schultern und suchte in den Augen ihres Mannes nach Trost, nach Hoffnung. Keines von beiden fand sie. Tars alterndes Gesicht war starr und durch ein Leben voller harter Arbeit verhärmt, doch unter der Maske aus Selbstbeherrschung, die er aufgesetzt hatte, trat die Angst zum Vorschein. Angst um seine Familie und Verzweiflung darüber, sie nicht beschützen zu können. Dieser Blick seines Vaters, des stärksten Mannes, den er kannte, erschütterte Daros zutiefst.
Es knallte wieder und Daros schrie erschrocken auf. Die Mutter presste ihm sofort eine Hand auf den Mund. Brent starrte ihn mit großen Augen vorwurfsvoll an und Tars Blick verfinsterte sich.
Das sterbende Gurgeln draußen verwandelte sich in ein wütendes Knurren. Scharfe Klauen scharrten am Tor. Selbst die zwei Fackeln flackerten nervös, als könnten sie die Angst in den Herzen der Familienmitglieder spüren.
Wie versteinert standen sie da und lauschten dem Scharren, das von einer Seite des Tors zur anderen wanderte. Ein fauliger Gestank kroch durch die Ritzen zwischen den Brettern. Er war schlimmer, als alles, was Daros je in seinem kurzen Leben gerochen hatte. Er wollte den Mund zum Atmen öffnen, doch seine Mutter presste immer noch ihre Hand darauf.
Der grollende Schrei der Bestie ließ die Schmiede erbeben und das Werkzeug an den Wänden erklirren. Dann entfernten sich ihre Schritte und Stille umfing sie.
Tar drehte sich um und sah Felra an. In seinem Blick glomm ein Funken Hoffnung und erlosch.
Die Bestie knallte mit wütendem Gebrüll gegen das Tor. Brent sprang erschrocken zurück, nur sein Vater blieb standhaft. Die Barrikade erbebte und Sägemehl rieselte von den angenagelten Brettern. Wieder folgte eine kurze Pause. Dann donnerte es erneut und ein Tisch stürzte von der Barrikade.
»Tar.«, hauchte die Mutter unter Tränen.
Ihr Mann sah ihr lange in die Augen, so wie er es tat, wenn er eine weite Reise antrat, um Materialien zu besorgen. Der Blick erinnerte Daros an Abschied. Eine Angst, noch größer als die vor den Bestien, umklammerte sein Herz, zwang es kräftiger zu schlagen.
Tar nahm eine wuchtige, zweihändige Streitaxt von der Wand und reichte sie seinem älteren Sohn. Für einen Moment hielten sie beide den Griff der Waffe fest, wobei sich ihre Finger berührten. Der Vater nickte stolz. Unter Tränen erwiderte Brent das Nicken.
Der nächste Knall warf einen Amboss von der Barrikade. Staub, Sägemehl und Holzsplitter tanzten im trüben Schein der Fackeln.
Tar löste zwei Einhandäxte von den Wandhalterungen.
Die Bestie kreischte und krachte abermals gegen das Tor. Sie würde nicht verschwinden, würde nicht ablassen. Daros spürte es.
Ein weiterer Balken gab nach und polterte zu Boden. Erste Risse durchzogen das Tor und Splitter flogen durch die Schmiede. Wieder und wieder warf sich die Bestie gegen das Tor. Daros verfolgte mit wachsender Angst, wie sich die Barrikade jedes Mal ein wenig mehr auflöste.
Felra zog Daros ans andere Ende des Raumes, wo tagsüber die Schmiedefeuer brannten. Die Esse strahlte eine sanfte Restwärme aus.
Die Bestie schlug einen Spalt in das Tor. Daros konnte ihre Krallen sehen, wie sie im Holz scharrten, scharf genug, um einen Mann in Stücke zu reißen. Immer weiter öffnete sie den Riss, röchelte und kreischte dabei ungeduldig.
Tar trat vor und wartete, bis die Öffnung groß genug war, um mit den Äxten treffen zu können. Dann schlug er zu. Er hackte auf die Klaue der Bestie ein und rang ihr ein Kreischen ab. Schwarzes, fauliges Blut spritzte auf sein weißes Leinenhemd. Das Ungetüm warf sich noch wütender gegen das Tor und brachte es zum Erbeben.
Brent wollte sich zu seinem Vater stellen, doch der streckte die Hand aus. »Bleib zurück!«
Daros sah ein Schwert neben der Esse liegen, frisch geschmiedet aber noch ohne Griffumwickelung. In seiner Vorstellung hatte er oft Waffen gegen die Bestien geschwungen, von denen seine Mutter ihn immer gewarnt hatte. Hunderte Monster waren unter seinen mächtigen Hieben gefallen, doch nun, wo er eines leibhaftig vor sich hatte, war nicht viel übrig von dem einstigen Mut. Er hatte das vage Gefühl, an der Seite seines Vaters und seines Bruders stehen zu müssen, ihnen gegenüber fühlte er sich jedoch klein, hilflos, schwach.
Felra folgte seinem Blick und holte einen kunstvoll verzierten Dolch hervor, den sie stets bei sich trug, unter ihrem Rock verborgen. Sie kniete sich vor ihren Sohn und hielt ihm die Waffe mit beiden Händen hin.
»Nimm ihn.«
Daros nahm den Dolch und starrte ihn ehrfurchtsvoll an. Die Klinge war fast so lang wie sein Unterarm und ging in einen hölzernen Griff über, in den Runen geschnitzt waren. Am meisten faszinierte ihn jedoch der metallene Knauf in Form eines Bärenkopfes.
»Gib gut acht auf ihn, es war ein Geschenk deines Vaters.«
Daros nickte, umklammerte den Griff der Waffe und fühlte sich ein wenig mutiger. Seine Mutter lächelte und strich ihm durch das Haar.
Ein Krachen ließ sie herumfahren. Die Bestie riss weiter am Tor und schrie auf, jedes Mal wenn Tar auf seine Pranken einschlug. Daros konnte nur einen schwarzen Schimmer erkennen, der immer wieder kurz im Spalt aufblitzte.
Als sich das Monstrum das nächste Mal gegen das Tor warf, gab es endgültig nach. Mit ohrenbetäubendem Krach brachen die Holzbalken entzwei und die Werkbank wurde umgerissen. In der Barrikade klaffte ein Loch, durch das eine vierbeinige Bestie mit Klauen wie Messern kletterte.
Tar sprang zur Seite, nicht überrascht oder angsterfüllt, sondern entschlossen und wohlüberlegt. Er schlug die Äxte in den Halsbereich des Monstrums und zog so seine Aufmerksamkeit auf sich.
»Jetzt Brent!«
Daros’ Bruder zögerte nur einen Augenblick. Dann fasste er Mut, wirbelte die Axt über dem Kopf und ließ sie mit Wucht auf den Rücken der Bestie niedergehen. Knochen und Rückgrat knackten. Das Wesen schrie auf und schlug mit seiner krallenbewährten Pranke nach dem Schmied. Er wich zurück, war aber nicht schnell genug, um dem Angriff zu entgehen. Die Krallen zerrissen sein Leinenhemd und zogen ihm blutige Striemen über die Brust. Brent kam seinem Vater zur Hilfe und trieb die Axt ein weiteres Mal tief in den Rücken der Bestie, wodurch sie Aufschrie und einen Moment lang abgelenkt war.
Tar vollführte eine Drehung, in der er die Äxte schwang und mit ihnen die verunstaltete Fratze in zwei Hälften teilte. Der mit fingerlangen Zähnen besetzte Unterkiefer brach herab, was das Monstrum aber nicht daran hinderte, mit der zerfetzten Pranke nach ihm zu schlagen. Tar wurde gegen die Wand geschleudert und warf Werkzeuge von den Halterungen.
Seine Frau schrie erschrocken auf. Brent nutzte den Moment und holte zum finalen Hieb aus. Die Axt zerteilte das Rückgrat der Bestie. Röchelnd brach sie zusammen, ihr deformierter Körper von Zuckungen gebeutelt.
Brent sprang über das faulige Fleisch hinweg und half seinem Vater von auf die Beine. »Geht es dir gut, Vater?«
Tar schwankte nur kurz und stand sogleich wieder aufrecht. Er spuckte einen Batzen Blut auf den zuckenden Leichnam der Bestie und wischte sich die Lippen am Ärmel seines zerfetzten Hemds ab. Dann legte er seinem Sohn eine Hand auf die Schulter und nickte. »Gut gemacht.«
Daros starrte das Monstrum ungläubig an. Jetzt erst, als es ruhig dalag, konnte er Details erkennen. Seine Mutter hatte ihm Geschichten erzählt, von den Bestien, die die Menschheit aus ihren Reichen vertrieben und nach Enorien verjagt hatten. Doch selbst in seinen finstersten Alpträumen hatte er nicht solche Schrecken gesehen.
Der Körper der Fäulnisbestei war grotesk verformt, als wäre er der Vorstellungskraft eines wahnsinnigen Gottes entsprungen, der es willkürlich aus beliebigen Teilen zusammengesetzt hatte. Daros konnte nicht glauben, dass dieses Monster einmal ein lebendes und fühlendes Wesen gewesen sein sollte, wie ihm seine Mutter zu erklären versucht hatte. Daros umklammerte den Dolchgriff so fest, dass seine Finger schmerzten. Doch der Griff der Waffe, so klein sie auch sein mochte, gab ihm ein wenig Mut.
Felra sah ihren Gatten an und kurz blitzte Hoffnung in ihren Blicken auf. Der Moment schwand, als draußen in der rabenschwarzen Nacht das Knurren aus hunderten Kehlen erschallte.
Die Hoffnung gefror in Tars Blick, den er jetzt Daros zuwandte. »Felra, versteck den Jungen unter der Esse.«
Seine Mutter verstand und nickte. Sie zog Daros an die Esse, wo er schon hunderte Male in Glut und Feuer geblickt hatte, fasziniert davon, wie Hitze imstande war Metall zu formen. Unter dem aus massiven Steinblöcken geformten Schmiedeofen lag eine niedrige, halbkreisförmige Öffnung, in der sich die Asche sammelte und die er gelegentlich austragen durfte.
»Daros, du muss da jetzt reinkriechen.«
Daros sah in dieses schwarze Loch, vor dem ihm seit jeher graute, und schüttelte den Kopf. »Ich will da nicht rein.«
Felra kniete sich vor ihn, damit ihre Gesichter auf gleicher Höhe waren. Sie umfasste seine Hände mit dem Dolch darin und sah ihn an. »Bitte Daros, dort drinnen bist du sicher.«
»Ich will aber bei dir bleiben.«
Sie vertrieb die Angst aus ihrem Gesicht und zeigte Daros wieder die vertraut warmherzigen, weichen Züge seiner Mutter.
»Mein Junge.« Sie strich ihm durch das kurze Haar und betrachtete ihn mit Tränen in den Augen. »Mein mutiger Junge. Hab bitte keine Angst, ich bin gleich hier draußen.«
»Mama.« Daros warf sich ihr um den Hals. »Schick mich bitte nicht da rein.«
Das Grollen der Bestienhorde rollte wie Donner durch die Straßen und wehte durch das zerstörte Tor herein, dass die Fackeln nervös aufloderten.
Felra drückte Daros fest an sich und flüsterte: »Kannst du für mich tapfer sein, mein Junge?«
Er löste sich aus der Umarmung, sah in das schwarze Loch unter der Esse und dann in die Augen seiner Mutter, die im Schein der Fackeln feucht glänzten. Sie nickte und schenkte ihm ein zerbrechliches Lächeln.
Daros fürchtete sich, doch er wollte tapfer sein, so wie sein Vater und sein großer Bruder. Also tat er, worum sie ihn gebeten hatte und kroch mit den Beinen voraus in die Öffnung, die gerade groß genug war für ihn. Es war stockfinster unter der Esse und es stank furchtbar nach Ruß, doch er schob sich mutig durch die Aschereste tiefer in die Dunkelheit.
Das Gesicht seiner Mutter tauchte vor der Öffnung auf. »Gut so, mein Junge. Und egal was passiert, bleib da drinnen. Dort bist du sicher. Hast du verstanden?«
Daros nickte und hielt den Dolch fest umklammert.
»Sie kommen.«, hörte er seinen Vater sagen. »Macht euch bereit.«
Der Lärm außerhalb der Schmiede wuchs zu Donner heran. Das Getrampel von tausenden Bestien erschütterte den Boden. Daros sah seinen Vater und seinen Bruder am aufgebrochenen Eingangstor stehen, die Äxte zum Kampf erhoben. Neben der Esse stand seine Mutter, von der er nur die Beine und den Saum ihres Kleides erkennen konnte.
Daros riss die Augen auf, als er draußen im gespenstischen Schein der brennenden Stadt schwarze Gestalten vorbeihuschen sah. Es waren kaum mehr als Schemen, die durch die Nacht huschten. Erst schien es, als würden sie alle vorbeilaufen, doch zwei Schatten blieben stehen und wandten die deformierten Köpfe um. Obwohl ihre Größen nicht an die der ersten Bestie heranreichten, blickten ihre finsteren Augen nicht minder hungrig in die Schmiede. Hässliche Schnauzen mit schiefen Mäulern öffneten sich und entblößten Reihen schwarzer Zähne. Ihr Gurgeln und ihr fauliger Gestank erfüllte den Raum.
Daros’ Vater spannte seine Muskeln an, ein einziger Berg aus Kraft, und doch nichts im Vergleich zu den Monstren, die ihre krallenbewährten Pranken auf den Boden der Schmiede setzten.
Die größere Bestie griff zuerst an. Tar wich rechtzeitig zur Seite aus und schlug mit den Äxten zu. Brent hieb mit dem Beil hinterher, wurde jedoch vom knochigen Schwanz des Monsters getroffen und zurückgeschleudert.
»Brent.«, schrie Felra auf und wollte ihrem Sohn zur Hilfe eilen, doch Tar riss eine Axt hoch. »Bleib zurück, Felra!«
Die kleinere Bestie sah ein leichtes Opfer im Sohn des Schmieds und spannte sich zum Sprung an. Tar zertrümmerte der größeren Bestie das halbe Gesicht und setzen über ihren deformierten Leib, direkt vor das hungrige Maul der kleineren. Sie schnappte nach ihm und versenkte ihre Zähne tief in seinen linken Unterarm.
Er brüllte auf, nicht vor Schmerz, sondern aus Zorn. Noch nie hatte Daros ihn so wütend gesehen, ihn niemals schreien gehört. Der stille Mann, der kein einziges Mal die Stimme gegen seine Familie erhoben hatte, brüllte der Bestie ins Gesicht und hieb ihr die Axt zwischen die Augen.
Brent kam wieder auf die Beine, ergriff ein Schwert, das auf den Boden gefallen war und zog es sirrend aus der Schneide. Er schlug der größeren Bestie eine Klaue ab, bevor diese nach seinem Vater schlagen konnte. Tar hackte wild brüllend auf das entstellte Maul des Wesens ein, zwischen dessen Zähnen sein Arm eingeklemmt war. Die Bestie riss an ihm, wollte ihn herumschleudern, doch er stemmte sich mit aller Kraft dagegen.
Brent trieb die Schwertklinge bis zum Heft in den Hals des Monstrums. Es röchelte und noch im Sterben verbiss es sich in Tars Unterarm. Er wurde mit der Bestie zu Boden gerissen, wo sich eine stinkende, schwarze Lache bildete.
Brent bezahlte den Preis für die Rettung seines Vaters. Das große Monstrum bäumte sich auf und vergrub die Zähne in den Schultern des Schmiedesohns. Er schrie, schlug nach der bluttriefenden Schnauze, wurde aber im nächsten Atemzug herumgeschleudert.
Tar riss die Augen vor Entsetzen und Verzweiflung auf, den Arm immer noch im Maul der toten Bestie gefangen. Er stieß ein wildes Geheul aus, lauter und schrecklicher als jedes Monster. Tränen der Wut fluteten seine Augenwinkel. Das Gesicht, schwarz vom Fäulnisblut, verzerrte sich zu einer zornigen Fratze. Er schlug mit der Axt auf die hässliche Fratze der Bestie ein, zertrümmerte die Zähne und riss sich mit unmenschlicher Kraft davon los. Haut platzte auf, Fleisch barst und Knochen brachen. Ohne Rücksicht auf seine Verletzung wirbelte er die Streitaxt über dem Kopf und stürzte mit Gebrüll zur großen Bestie, die dem kreischenden Brent die Eingeweide zerfleischte.
Mächtig Axthiebe, geboren aus der Kraft der Verzweiflung, schlugen tiefe Wunden in das faulige Fleisch des Monsters. Daros sah, wie sein Vater in blinder Raserei gegen das Wesen anging und es damit von Brent weglockte, der regungslos neben dem Blasebalg des Schmiedeofens lag.
Während Tar mit der Bestie rang, lief Felra zu ihrem älteren Sohn und nahm ihn in ihre Arme. Er versuchte etwas zu sagen, doch statt Worte kam ihm nur Blut über die Lippen. Sie strich ihm durch das Haar und flüsterte, doch Daros konnte nicht verstehen, was sie sagte, denn das Gebrüll seines Vaters, der mit dem Monstrum rang, übertönte alles.
In blinder Rage ging Tar auf die Bestie los. Er nahm keine Rücksicht auf sein eigenes Leben. Ein Hieb traf ihn, riss neue Wunden in seine Brust und warf ihn zu Boden. Noch im Liegen schlug er dem schrecklichen Wesen eine Klaue ab und richtete sich wieder auf. Er kämpfte trotz aller Verletzungen weiter, nicht um seinetwillen, sondern für seine Familie. Und er siegte, indem er dem Monstrum mit einem vernichtenden Hieb den Schädel spaltete.
Daros erschrak, als sich sein Vater umdrehte und ihn mit rasendem Blick fixierte. Sein Gesicht wirkte fremd, unmenschlich, bestialisch. Über und über mit schwarzem Blut besudelt, kam nur das dreckige Weiß seiner Augen zum Vorschein. Die muskulöse Brust war ein Flickwerk blutiger Wunden, der linke Arm hing in Fetzen. Nichts an diesem Mann erinnerte Daros noch an den friedlichen, schweigsamen Schmied, den er Vater nannte.
»Ist er …?«, fragte Tar seine Frau, obwohl er die Antwort bereits kannte.
Felra senkte ihre Stirn auf Brents herab. »Ja.«
Daros konnte nicht fassen, dass Brent tot sein sollte. Der Bruder, zu dem er stets aufgesehen, der immer auf ihn aufgepasst hatte und der ihm sein Spielzeugschwert gebaut hatte, lebte nicht mehr. Wie konnte so etwas geschehen? Wieso durften solche Monster außerhalb von Alpträumen existieren?
»Es tut mir leid.« Tar fiel neben Brent und Felra auf die Knie. »Ich konnte ihn nicht …«
Felra ergriff seinen unversehrten Oberarm. »Es ist nicht deine Schuld.«
Sie sahen hinüber zu Daros, der verängstigt in seinem Versteck lag und ihre Blicke auffing.
Tar wandte sich ab. »Ich hätte uns nie hierherbringen dürfen.«
»Wir hatten keine andere Wahl.«
»Man hat immer eine Wahl.« Tar schüttelte den Kopf. »Ich hätte euch fortbringen sollen, weiter ins Landesinnere.«
»Tar.« Sie nahm sein blutüberströmtes Gesicht zwischen ihre Hände, sah ihm in die tränenden Augen. »Es ist nicht deine Schuld.«
Er öffnete und schloss den Mund mehrere Male, ihm fehlten die Worte. Stattdessen bedachte er seinen toten Sohn mit einem langen Blick voller Stolz und Trauer. Mit zittrigen Händen schloss er dessen Augenlider und berührte Brents Stirn mit seiner. »Es tut mir Leid, mein Sohn. Mögen sich die Geister deiner annehmen und dich ins Reich der Ahnen führen.«
Ein Gurgeln ließ sie aufhorchen. Eine weitere Bestie erschien im Eingang. Tar und Felra tauschten einen kurzen Blick aus. Das genügte. Der Schmied stand auf, nahm die Axt und drehte sich um.
»Na, was ist, du grässliches Biest?«, schrie er und bewegte sich langsam fort von Felra und Brent. »Ich habe schon Hunderte deiner Art getötet und du wirst nicht das Letzte sein.«
Er brüllte und griff an.
Felra tauchte vor der Öffnung auf, in der Daros lag. Sie beugte sich so zu ihm herab, dass er den Kampf nicht sehen konnte. »Daros, sieh mich an!«
Er gehorchte.
»Du musst ganz nach hinten kriechen und dort bleiben, hast du verstanden?«
Daros nickte.
»Es wird jemand kommen, egal wie lange es dauert, aber es wird jemand kommen. Verstehst du?«
»Was ist mit euch?«
Felra zuckte zusammen, als Tar hinter ihr einen Schmerzensschrei ausstieß, bemühte sich aber für Daros zu lächeln. Sie streckte ihre Hand aus und las sein Gesicht mit ihren Fingerspitzen.
»Die großen Geister führen uns nach Kuranar, ins Land unserer Ahnen. Dort werden wir auf dich warten.«
Daros’ Augen füllten sich mit Tränen. »Ihr dürft nicht sterben.«
»Weißt du, jeder muss einmal diese Welt verlassen.« Sie sah sein Gesicht an, als wollte sie sich jedes Detail darin für die Reise einprägen.
»Dann nehmt mich mit nach Kuranar. Ich will nicht hierbleiben.«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, es ist noch zu früh für dich.«
Seine Lippen bebten, als er sagt: »Ich habe Angst.«
»Du musst keine Angst haben. Der mächtige Ragor wacht über dich.«
Tars Stimme ertrank in wildem Gebrüll, mehr Verzweiflung als Zorn. Die Bestie schrie mit ihm. Felra warf einen Blick über die Schulter und der Schrecken verzerrte ihr Gesicht, aber nur einen Augenblick lang. Als sie Daros wieder ansah, wirkte sie gefasst und ruhig. Eine Träne brach unter ihrem Auge hervor, doch sie lächelte.
»Mein Junge, versprich mir, dass du uns erst in vielen Jahren ins Land der Ahnen folgst?«
Daros zögerte.
»Bitte versprich es mir.«
Tränen rannen seine Wangen herab. »Ich verspreche es.«
»Gut.« Sie lächelte ein letztes Mal für ihn, warmherzig und voller Liebe. »Und jetzt klettere ganz nach hinten und schließe die Augen. Halte sie geschlossen, egal was du hörst.«
Daros gehorchte ihr dumpf. Er kroch soweit hinein, bis seine Beine die Wand berührten und schloss die Augen. Er hörte das Gurgeln der Bestie, das Schweigen seines Vaters und wie seine Mutter das Schwert von der Werkbank nahm. Felra stieß einen Kampfschrei aus.
Kampfgeräusche drangen an Daros´ Ohr. So fest er konnte, presste er die Augenlider zusammen. Er wollte aus diesem Alptraum erwachen und hoffte, dass, wenn er die Augen das nächste Mal aufschlug, all die Schrecken verschwunden waren. Seine Hoffnung starb, als der Schrei seiner Mutter in der Luft zitterte.
Er riss Augen auf und sah sie nahe der Öffnung liegen, das Kleid aufgerissen und blutdurchtränkt, die Bestie über ihren Körper gebeugt. Daros verfolgte entsetzt, wie das Monstrum seine Zähne in ihren Rücken stieß.
Sie blickte zu ihm herüber, halb hier und halb im Land der Ahnen. »Sieh nicht hin, Daros, sieh nicht hin!«
Diesmal gehorchte er nicht. Er konnte nicht und sah, wie das Licht in ihren Augen flackerte, schwächer wurde und schließlich erlosch. Das Leben aus seiner Mutter schwinden zu sehen, erschütterte ihn. Er klammerte sich an ihren leblosen Blick und wollte nach ihr rufen, doch ihm versagte die Stimme.
Das Monster fraß die Leichen seiner Familie nicht. Es ließ von seiner Mutter ab, hielt plötzlich inne, das Maul weit aufgerissen und gab ein langgezogenes Keuchen von sich. Dabei zitterte sein monströser Leib in rhythmischen Bewegungen. Eine unnatürliche Kälte zog herauf und Daros spürte, wie es ihm jegliche Wärme aus den Gliedern zog.
Die Bestie beruhigte sich, schnaubte und sah ihn plötzlich an. Er erschrak und rückte noch weiter zurück, bis seine Knie die hintere Wand berührten. Das Ungetüm stieg langsam über die Leiche seiner Mutter hinweg und näherte sich der Öffnung von der Seite. Für einen Augenblick verschwand es aus Daros’ Sichtfeld und er hielt vor Angst den Atem an.
Er schrie auf, als eine monströse Schnauze vor ihm auftauchte und gierig nach ihm schnappte. Fauliger Atem wehte ihm entgegen und ließ ihn nach Luft schnappen. Er starrte den unglaublichen Schrecken vor sich an, der gurgelte und schnaubte wie Tier, das im ewigen Todeskampf gefangen war. Der Kopf der Bestie erinnerte an den eines Hundes, verzerrt durch einen fiebrigen Alptraum. Reihen blutiger Zähne steckten in dem Maul, das vergeblich nach Daros schnappte.
Wütend richtete sich das Wesen auf und stapfte röchelnd vor dem Schmiedeofen auf und ab. Zwischen seinen ungleichmäßig geformten Beinen konnte Daros immer wieder einen kurzen Blick auf die blutigen Leichname seiner Familie werfen. Menschen, von denen er geglaubt hatte, sie wären unsterblich, lagen leblos auf dem blutüberströmten Boden der Schmiede. Der Anblick ließ seine kleine Welt zusammenbrechen.
Plötzlich warf sich die Bestie hin und schlug mit einer Pranke in die Öffnung. Die Krallen erreichten Daros und zogen drei blutige Spuren über sein Gesicht.

2 -Tödliche Stille

 

 

Daros fuhr hoch. Der Dolch seiner Mutter sprang wie von selbst in seine Hand. Schwer atmend fasste er sich an die drei Narben, die seine rechte Gesichtshälfte verunstalteten. Wie jedes Mal nach diesem Alptraum schmerzte sie, als wollte sie ihn an die vergangenen Grauen erinnern. Er atmete tief durch und beruhigte sein rasendes Herz. Dann sah er sich um.
Neben ihm in der Kammer lagen ein Dutzend seiner Kameraden und schliefen.
Seufzend wischte er sich den Schweiß von der Stirn und stand auf. Er schlich aus dem Zimmer und ging zur Waffenkammer, wo er sich seine Rüstung überstreifte, Schild und Schwert an sich nahm und dann die Festung verließ.
Die steile, steinerne Treppe führte ihn auf die Festungsmauer.
Er stapfte an die Brustwehr und starrte hinaus auf die Bresche von Aregant. Nachts erinnerte sie ihn an eine schlafende Bestie. Kaltes Mondlicht durchbrach die rissige Wolkendecke und lief schillernd an ihren spitzen Felswänden herab, die wie Zähne zu beiden Seiten des steinigen Pfades aufragten.
Nebelschwaden krochen über die scharfkantigen Ränder, als würde die Bestie einatmen, ein letztes Schnauben vor ihrem Erwachen. Fauliger Atem strömte aus ihrem Rachen, geboren aus dem schwarzen Herz der Dunkelheit jenseits der Gebirge.
Daros lehnte den mannshohen Turmschild in Griffweite an die Brustwehr und legte den Helm zwischen zwei Zinnen. Seine linke Hand umklammerte instinktiv den Schwertgriff an seiner Seite. Die schwere Plattenrüstung, die er mit einer Leichtigkeit trug wie andere Leinenhemden, schimmerte im Mondlicht. Selbst unter den Naar galt Daros noch als Hüne. Er war bereit.
Alle Sinne angespannt lauschte Daros der Stille, wie man sie nur nachts an den Außengrenzen Enoriens hören konnte. Sie war wie das Schweigen Millionen Toter, die anklagend aus den Schatten heraus starrten. Diese Stille war bösartig, kroch in die Gedanken der Menschen, infizierte sie mit Angst und Verzweiflung und nährte sich von ihrer Hoffnung. Daros hatte mutige Männer auf die Brustwehr klettern sehen, die Blicke leblos, als wären sie bereits tot, aber niemand hatte es ihnen mitgeteilt. Sie sprangen wortlos, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Daros horchte auf, als der Wind mit einem Heulen durch die Bresche fuhr, und von jenseits des Gebirges eine Vorahnung von Gefahr herantrug. Ihm folgte der süßliche Duft der Fäulnis, der die Menschen in den Randdistrikten an die Schrecken außerhalb ihrer Grenzen erinnerte.
Daros atmete den Geruch ein und lächelte. Für ihn war er Herausforderung und zugleich Versprechen, dass die Fäulnis dort draußen auf ihn und sein Schwert wartete.
»Na mein Großer, du siehst aus, als wolltest du gleich da rausstürmen.«
Daros drehte sich zu der Stimme um. Die Umrisse einer Speerkämpferin in Brustharnisch und Kettenrobe schälten sich aus der Dunkelheit. Ihr Gesicht lag im Schatten, eingerahmt von Locken roten Haares, die bei jedem Schritt wie Flammen um ihre gepanzerten Schultern tanzten.
»Fernweh?«, fragte sie.
»Nein.«, brummte Daros.
»Was tust du dann hier oben?« Sie wischte sich eine verirrte Strähne aus dem Gesicht. »Unsere Wache beginnt erst in einer Stunde.«
»Die Fäulnis schläft nie.«
Sie lächelte schief. »Und du willst es ihr gleichtun?«
»Du musst nicht hier sein, Reva. Leg dich wieder hin.«
»Weißt du, es ist schwer, bei dieser Stille zu schlafen, wenn man an dein Schnarchen gewöhnt ist.«
Daros warf ihr einen grimmigen Blick zu und wandte sich kopfschüttelnd ab.
Reva schlug ihm lachend auf die Schulter, dass seine Rüstung klapperte. Sie legte den Kopf schief und blinzelte ihn vergnügt an. »Schau nicht so finster drein. Ich will dich doch nur ein wenig ärgern.«
»Geh besser Alberich auf die Nerven, der freut sich bestimmt darüber.«
Ihre bernsteinfarbenen Augen glühten auf. »Und was, wenn ich lieber dir auf die Nerven gehe?«
»Tust du doch ständig, wir sind seit zehn Jahren im selben Trupp.«
Reva rückte näher an ihn heran und lehnte den Kopf an seinen gepanzerten Oberarm. Ihr Körper strahlte Hitze aus, ihr Geruch erinnerte Daros an ein Lagerfeuer, das in kalter Nacht Wärme und Trost spendete.
»Ist das wirklich schon so lange her?«, fragte sie.
Daros heftete seinen Blick stur an den Horizont. »Ich fürchte schon.«
»Kannst du dich noch an unser erstes Zusammentreffen erinnern?«, fragte Reva in Gedanken versunken. Ein trauriges Lächeln umspielte ihre Lippen. »Du hast mich gehasst, als wäre ich die menschliche Inkarnation der Fäulnis.«
»Du denkst, das hat sich geändert?«
»Hey.« Sie rüttelte an Daros, was den Hünen kaum zum Schwanken brachte. »Du bist ja heute besonders gut gelaunt, was ist dir denn über die Leber gelaufen?«
Daros schwieg.
»Wieder die Alpträume?«
Daros seufzte.
Sie lehnte sich wieder an ihn. »Verstehe.«
Eine Weile trugen sie kameradschaftlich die Last der Stille, bis es Reva nicht länger aushielt und das Schweigen brach. »Damals hast du mich auf den Tod nicht ausstehen können, nicht wahr?«
»Du warst ein Mädchen!«, sagte er, als wäre es Erklärung genug.
Sie lächelte schwach und wischte sich eine Haarsträhne hinters Ohr. »Du glaubst es vielleicht nicht, Daros, aber das bin ich auch heute noch.«
»Du weißt, was ich meine.«, brummte er. Er war besser im Umgang mit dem Schwert als mit Worten. »Es gibt nun mal wenige Frauen in der Legion.«
Ihre Lederhandschuhe knarrten um den Griff ihres Speers. »Schwächling, Rotschopf und dumme Ziege hast du mich geschimpft.«
»Du hattest keine Ahnung vom Kämpfen und hast ständig rumgemeckert wie eine … eine Ziege eben.«, verteidigte sich Daros. »Ich wusste nicht, was ich mit so einem dahergelaufenen Mädchen anfangen sollte, das unbedingt Soldat spielen wollte.«
»Daros.« Ihre Stimme wurde süß wie Honig. »Du weißt auch heute noch nichts mit Mädchen anzufangen, egal ob sie Soldat oder etwas anderes spielen wollen.«
Daros fuhr sich mit der behandschuhten Hand über den glattrasierten Kopf. »Ach halt doch den Mund.«
Sie lachte und obwohl Daros auf sie wütend sein wollte, konnte er es nicht. Ihr Lachen brannte so hell und heiß, dass selbst versteinerte Herzen schmolzen. Er schmunzelt, worauf sie den Atem anhielt. »War das etwa ein Lächeln?«
»Nein, das war ein Zähnefletschen hinter geschlossenen Lippen.«
»Klar.« Ihr Kichern löste sich schnell zu einem Seufzen auf. Sie folgte seinem Blick zum düsteren Horizont. »Fragst du dich auch manchmal, wie sie ausgesehen haben?«
»Wer?«
»Die anderen sechs Königreiche. Vor der Fäulnis.«
Daros schwieg. Er verschwendete keine Gedanken an solche Sachen. Die Vergangenheit war tot und verrottete zusammen mit vielen Millionen Kadavern in Ländern, die er nur aus Geschichten kannte. Für ihn zählte einzig das Hier und Jetzt.
»Ich würde alles geben, diesem Käfig aus Fels und Mauern für einen Moment entfliehen zu können.«
Ihr Blick schwebte davon, weg von Daros und der Bresche, weg von dem Gestank der Fäulnis und der ständigen Angst, weg von allem. »Nur einmal an den Küsten Urdwinds stehen und die Gischt auf dem Gesicht spüren, wenn sich das Meer an den Felswänden bricht. Ein Spaziergang durch die Weinberge Viclais an einem warmen Sommertag, während Musik aus den nahegelegenen Schenken erklingt. Oder ein Blick auf die schimmernde Weite bei Mondschein, den noch heißen Sand unter den Füßen.«
Revas Blick kehrte in die kalte Realität zurück und ließ sie erschaudern. Sie drückte sich fester an Daros. »Nichts ist uns geblieben. Die Fäulnis hat alles verschlungen. Es werden wohl immer Träume eines törichten Mädchens bleiben.«
Er sah sie das erste Mal richtig an. »Eines Tages werden deine Träume wahr werden!« Die Entschlossenheit seiner Stimme brachte die Luft zum Beben. »Wir werden die Fäulnis vernichten und die sechs Reiche zurückerobern.«
Reva blickte in die Abgründe seiner nahezu schwarzen Augen. Ein schwaches Lächeln umspielte ihre Lippen. »So wie du das sagst, könnte ich es fast glauben.«
Daros spannte seine Muskeln an und wurde noch ein Stück größer. »Ich werde die Fäulnis vernichten und wenn ich jede einzelne Bestie mit meinen eigenen Händen erschlagen muss.«
Ein verächtliches Lachen ließ Daros herumfahren.
Alberich trug die stolzen und ehrgeizigen Züge seines Vaters. Seine blauen Augen strahlten mit der Klarheit von Kristallen, hinter denen seine wahren Absichten nur verschwommen zu erkennen waren. »Der mächtige Daros stellt sich also ganz alleine der Fäulnis.«
Der beißende Spott in der Stimme reizte Daros. »Hast du ein Problem, Fürstensohn?«
»Ein Problem?« Alberich präsentierte das überhebliche Lächeln eines Adeligen, der allem und jedem mit Geringschätzung begegnete. »Nein, wo denkst du hin.« Er lehnte sich gegen seinen Schild und musterte Daros abschätzig. »Die Stählerne Legion kann sich glücklich schätzen, einen dermaßen erfahrenen und mächtigen Krieger wie dich in ihren Reihen zu wissen. Endlich können wir das Wunder vollbringen, was all die Schlappschwänze in den letzten hundert Jahren nicht geschafft haben.«
»Machst du dich über mich lustig?«
Alberich fuhr sich durch das kurze Haar aus schmutzigem Gold. »Wie könnte ich es wagen, schließlich stehe ich vor dem größten Krieger, den die Welt je gesehen hat.«
Daros Lederhandschuhe knarrten. »Du solltest dein Maul nicht so weit aufreißen, Fürstensohn, oder ich stopfe es dir!«
»Ich soll mein Maul nicht aufreißen?« Alberich schnaubte verächtlich. »Du bist es doch, der glaubt, er könne die Fäulnis im Alleingang besiegen.«
»Ich bin Stählerner geworden, um genau das zu tun.« Daros zeigte auf ihn. »Warum bist du hier?«
»Wieso wohl?« Alberich lächelte die beiden Soldaten gnädig an, die wie üblich hinter ihm standen, der Spur seines Geldes folgend. »Ich werde natürlich Oberkommandant der Legion, damit ich dummen Ochsen wie dir das vorlaute Gelaber verbieten kann.«
Daros streckte die Faust nach der Gruppe aus. »Du bist ein Feigling, genau wie deine beiden Stiefellecker.«
»Tanak und Otkar haben sich aus gutem Grund verpflichtet.« Alberich sah ihn nicht an und wischte sich imaginären Staub von der Rüstung. »Nach fünf Jahren haben sie sich das Recht verdient, sich eine Arbeit auszusuchen und etwas aus sich zu machen, während du immer noch hier auf der Mauer stehen und auf einen Angriff der Fäulnis hoffen wirst.« Er reckte stolz das Kinn hoch. »Die Menschheit hat dank weiser Anführer wie meinem Vater überlebt und nicht wegen dummen Schlägern wie dir. Aber das scheint ja eine Eigenart von euch Naar zu sein.«
Daros Augen verengten sich, Zornesfalten zerrissen seine Stirn. Schnaubend setzte er sich in Bewegung.
»Nicht.« Reva packte ihn am Arm. »Willst du wieder zwei Wochen lang Latrinendienst schieben?«
Daros hielt kurz inne und sah sie an.
»Er ist nur ein Idiot, der seinen Vater beeindrucken will.« Reva warf dem Fürstensohn einen missbilligenden Blick zu. »Er ist es nicht wert.«
Als Alberich den Hünen und die Speerkämpferin ansah, verschwand das Lächeln von seinen Lippen. »Weißt du, was mich am meisten an dir stört, Daros, mal abgesehen von deiner hässlichen Visage? Du hast noch nie gegen die Fäulnis gekämpft, tust aber so, als wärst du der größte Monsterschlächter aller Zeiten.« Er zeigte mit ausgestreckter Hand über die Brustwehr hinweg. »Seit vierzehn Jahren gab es schon keinen Angriff mehr und wenn sich doch einmal eine Bestie vor diese Mauern verirrt, erledigen die Schützen sie. Vermutlich verschlingt sich die Fäulnis längst selbst und wir müssen nur Geduld haben, aber du fuchtelst weiter mit dem Schwert herum und machst alle verrückt mit deinem Gerede.«
»Du hast keine Ahnung von der Fäulnis.«, presste Daros zwischen den Zähnen hervor.
»Niemand hat das!« Alberich schlug gegen die Brustwehr. Ungeduld durchdrang das Blau seiner Augen. »Keiner weiß, was die Fäulnis ist, woher sie gekommen ist oder warum sie aufgetaucht ist. Vielleicht verschwindet sie auch genauso schnell wieder. Niemand weiß es, nicht einmal der Ordo Ominos. Aber du glaubst, es besser zu wissen. Dass ich nicht lache.«
»Im Gegensatz zu dir hat Daros die Fäulnis erlebt.«, entgegnete Reva. »Er weiß, welche Gefahr von ihr ausgeht und ist bereit, Enorien mit seinem Leben zu verteidigen. Kannst du das auch von dir behaupten?«
Einen Moment lang sah Alberich Reva an und Bitterkeit überzog seine ebenmäßigen Gesichtszüge. »Wir kennen alle die Gerüchte. Dein mutiger Held soll sich tagelang in einem Schmiedeofen verkrochen und angepisst haben. Nicht besonders heroisch, wenn du mich fragst.«
Daros’ Körper verkrampfte sich. Ein Steinschlag aus blutigen Erinnerungen ging auf die dünnen Mauern seiner Selbstbeherrschung nieder. Sein Herz hämmerte im Takt von Kriegstrommeln.
Das Blau in Alberichs Augen gefror zu Eis. »Na Daros, wie war das … einfach nur zuzusehen?«
»Alberich, es reicht!« Revas Stimme loderte auf wie Feuer, in das man frisches Holz geworfen hatte. Die Leine, an der sie Daros zurückhielt, stand kurz vor dem Reißen.
»Es soll reichen, sagst du?« Alberich reckte das Kinn hoch, entschlossen Daros den Rest zu geben. »Er ist der einzige Idiot im gesamten Reich, der hofft, dass die Fäulnis angreift, nur damit er sich beweisen kann. Tausende haben Familienmitglieder, Freunde oder Bekannte verloren und doch ist keiner von ihnen so dämlich, sich einen Angriff herbeizusehnen.«
Daros riss sich von Reva los. Als Alberich den Hünen wie einen Bergrutsch auf sich zurollen sah, hob er den Schild, doch der riss ihn ihm aus der Hand und schleuderte ihn zur Seite.
»Niemand nennt mich einen Idioten!«, brüllte Daros zähnefletschend. Aus den Abgründen seiner Augen starrte eine Bestie auf Alberich herab.
Der junge Soldat schluckte bei dem Anblick, wich zurück und legte die Hand auf den Schwertgriff. »Fass mich nicht an, sonst …«
Daros verpasste Alberich einen Kniestoß, bevor der die Waffe ziehen konnte, packte ihn unter den Schulterpanzern und warf ihn wie einen Sack Hafer gegen die Brustwehr. Alberichs Rüstung knirschte, als Daros seinen Oberkörper gefährlich weit über den steinernen Wall drückte.
Verzweifelt zappelte der Fürstensohn in Daros’ stählernem Griff, klammerte sich an dessen Arme und starrte in den Abgrund hinter der Mauer. »Du bist ja wahnsinnig!«
Daros’ Wut verzerrte sein Wesen und förderte eine Finsternis aus den Untiefen seiner Seele zu Tage. Die Vorstellung, den Fürstensohn schreiend über die Mauern fliegen zu sehen, bereitete ihm Vergnügen. Nur ein weiterer Selbstmörder, der dem Druck der Grenzen nicht standgehalten hatte und gesprungen war.
Otkar und Tanak packten den Hünen an Armen und Schultern und verhinderten, dass er dem Fürstensohn das Fliegen lehrte.
Alberichs Angst spiegelte sich in Daros’ abgründigen Augen wider. »Beim Erschaffer, so tut doch etwas!«
Otkar und Tanak zerrten vergeblich an dem Hünen.
»Daros, lass ihn runter!«, rief Reva.
Daros hörte nur das Rauschen seiner eigenen Wut. Sie spülte ihn hinweg und legte die Bestie frei, die sich tief in ihm verbarg. Sein Sichtfeld war rot gefärbt, Vernunft und Menschlichkeiten wie weggewaschen. Alles, was er in diesem Augenblick wollte, war zu sehen, wie der Fürstensohn auf der anderen Seite der Mauer aufschlug.
»Daros, bitte.« Revas warme Stimme durchdrang seine Finsternis wie das Licht einer Kerze. »Wer wird mein Schild sein, wer die Fäulnis vernichten, wenn sie dich ins Exil schicken?«
Daros spürte ihre beruhigende Präsenz hinter sich. Die Wut verrauchte langsam, der blutrote Nebel vor seinen Augen verzog sich und so lockerte er den Griff. Otkar und Tanak rissen ihn von Alberich weg, der prustend an der Brustwehr herabsank.
Reva stellte sich vor Daros und zwang ihm ihren Blick auf. »Es ist vorbei, lass es gut sein. Du hast ihm einen ordentlichen Schrecken eingejagt, das muss reichen. Der macht heute kein Auge mehr zu.«
Alberich richtete sich mit zittrigen Knien auf. Sein sonst stolzer Blick war ein Scherbenhaufen. »Du bist eine wildgewordene Bestie, Daros!« Er ballte die Hände zu Fäusten. »Dich sollte man wegsperren.«
Da ihn Otkar und Tanak noch immer festhielten, sah er sie aus gefräßigen Augen an. »Lasst mich los, sonst seid ihr als Nächste dran!«
Reva beantwortete ihre besorgten Blicke mit einem Nicken. »Schon gut, ihr könnt ihn loslassen.« Sie blinzelte Daros an. »Du wirst dich doch benehmen, mein Großer?«
Daros knurrte unverständlich.
Die Soldaten ließen ihn los und traten zurück. Nur Reva, die knapp zwei Köpfe kleiner war als Daros, blieb vor ihm stehen. »Ich bin ja für viele Späße zu haben, aber mit einem Fürstensohn Weitwurf zu üben, ist vielleicht nicht die allerbeste Idee.«
Er wich ihrem Blick aus und sah betreten auf seine gepanzerten Stiefel. Er hatte noch immer Lust, den Fürstensohn über die Mauer zu schupsen.
Alberich trat hinter Reva. »Der Hauptmann wird davon erfahren, das verspreche ich euch!« Seine Stimme bebte. »Auspeitschen werden Sie diese Bestie!«
Reva wirbelte einem Derwisch gleich herum und knallte ihm die Faust mitten ins Gesicht. »Halt endlich den Rand, Alberich!«
Der Fürstensohn schrie auf, griff sich an die blutende Nase und blinzelte sie zwischen Tränen hindurch an. »Verfluchter Mist, du hast mir die Nase gebrochen!«
»Hast du dir verdient.« Reva schüttelte den Kopf. »Kein Wunder, dass uns die Fäulnis beinahe ausgelöscht hat, wenn Idioten wie ihr euch ständig aufführt wie unreife Kinder.« Eine heiße Woge ihres flammenden Blickes traf Otkar und Tanak, die instinktiv einen Schritt zurückwichen. »Und ihr, lauft schnell zum Hauptmann und heult euch bei ihm die Augen aus, oder reißt euch am Riemen und erledigt eure Aufgabe, als wärt ihr echte Männer, die ihr immer so gerne vorgebt zu sein. Eure Wache ist noch nicht vorüber.«
Die Zwei wandten sich beschämt ab und stellten sich schweigend an die Mauer. Reva sah wieder Daros an. Ihr Blick traf knisternd auf die Ausläufer seiner Wut. »Und was dich angeht …«
»Die Fäulnis!«
Otkars Schrei ließ sie alle herumfahren.
»Das ist nicht komisch.«, brummte Alberich hinter dem blutigen Handschuh. »Lass den Blödsinn.«
»Es ist die Wahrheit.« Otkar streckte die Hand über die Mauer. Sein Gesicht war bleich wie Kalk. »Seht selbst!«
Alle stürzten zur Brustwehr und starrten in die Finsternis. Einen Moment lang glaubte Daros, der Schütze würde sie zum Narren halten, doch dann sah er es und hielt den Atem an. Ein Rudel wolfsähnlicher Kreaturen stürmte im Mondlicht auf die Mauern zu und schickte lange Schatten mit messerscharfen Fängen und Zähnen voraus.
Reva lehnte sich auf die Brustwehr und verengte die Augen. »Ist das da etwa ein Reiter?«
Daros folgte ihrem Blick und entdeckte in der Dunkelheit eine Gestalt auf einem Schlachtross.
»Wie ist das möglich?«, entfuhr es Alberich, dem ein Bart aus Blut um die Lippen wuchs. »Da draußen kann niemand überleben.«
»Der da sieht das vermutlich etwas anders.«, entgegnete Reva.
»Aber nicht mehr lange, fürchte ich.«, sagte Tanak. »Die Bestien werden ihn gleich erreicht haben.«
»Er schafft es nicht bis zur Mauer.«, stellte Daros fest. »Wir müssen ihm helfen.« Er schnappte sich seinen Schild, setzte den Helm auf und gab Reva ein Zeichen. »Komm!«
Sie zögerte keine Sekunde, ergriff ihren Speer und polterte gemeinsam mit Daros die steinerne Treppe hinunter.
Alberich sah ihnen hinterher und fluchte. »Otkar, schlage die Glocke!«

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