Zeitalter der Angst

*Arbeitstitel*

In Arbeit

Die Stählerne Legion

Fantasy – Roman

Vor 100 Jahren erschien die Fäulnis in den Reichen der Menschen, eine dunkle Kraft, die alles Lebende in groteske Bestien verwandelte, deren einziges Ziel es ist, Leben zu verschlingen. Reich um Reich fiel ihr zum Opfer.
Die Überlebenden flohen nach Enorien, einem Land voller Geheimnisse, uralter Relikte und rätselhafter Anomalien, das von der Fäulnis verschont geblieben war.
Zehn Jahre wog sich die Menschheit in Sicherheit, bis an der nördlichsten Landesgrenze plötzlich ein dunkler Reiter von jenseits der Ödnis erscheint. Doch er kommt nicht alleine, denn die Fäulnis folgt ihm.
Daros, ein Soldat der stählernen Legion sieht sich einem unbarmherzigen Feind gegenüber, der seine Eltern getötet und dem er Rache geschworen hat. Zusammen mit seinen Kameraden muss er sich dem Ansturm von Bestien entgegenstellen, der kein Ende zu nehmen scheint.
Nur der Gelehrte Antian und die Agentin Netara erkennen, dass der wahre Feind bereits hinter den Mauern lauert.
Gemeinsam müssen sie verhindern, dass auch das letzte Reich der Menschen an die Fäulnis fällt.

Veröffentlichung voraussichtlich Frühling 2020

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Leseprobe

1 – Monster der Vergangenheit

 

Wemmen kämpfte um sein Leben. Vom Nordufer des Striakron dran-gen die Schreie der wenigen Verteidiger heran, das Klirren ihrer Waf-fen und das Kreischen der Horde, gegen die sie antraten. Überall in der Stadt brannten Feuer, flohen Bewohner, schrien Verletzte. Aus dem tiefschwarzen Nachthimmel stießen geflügelte Monster herab und rissen den Flüchtenden das Fleisch von den Knochen. Zwischen den Gebäuden bewegte sich die Silhouette eines haushochen Schreckens. Ein grässli-cher Fäulnisgestank strömte durch die engen Straßen und raubte den Atem.
»Schneller Felra, sie kommen!«
Die Hände der Mutter, sonst kräftig und ruhig, zitterten bei dem Ver-such, die Schmiede aufzuschließen. Ihre großen braunen Augen standen vor Entsetzen weit offen.
Daros fürchtete sich. Er klammerte sich an den langen Rock seiner Mutter und schaute hinauf in die Gesichter der Erwachsenen, die ihm im rötlichen Schein der Fackeln noch mehr Angst einjagten. Nie zuvor hatte er seine Eltern und seinen Bruder dermaßen beunruhigt erlebt. Brent, groß und breitschultrig wie sein Vater, durchsuchte die Finster-nis mit dem gehetzten Blick eines gejagten Tiers, die Fackel so fest umklammert, dass die Knöchel an den Fingern weiß hervortraten.
Daros’ Vater, selbst für einen Naar ein Mann von riesenhafter Statur, lauschte mit grimmiger Miene dem Lärm des erbitterten Abwehrkamp-fes. Auf seiner Stirn sammelten sich Schweißtropfen.
»Felra!«, drängte er seine Frau.
»Lass mich dir helfen, Mutter.« Brent kam seiner Mutter zur Hilfe und nahm ihr den Schlüssel ab. Sie trat zurück und hielt sich an Daros’ Schultern fest, die erst sechs Winter erlebt hatten. Er spürte das Zittern ihrer Finger und erschauderte. Brent schloss die Schmiede auf, riss das Tor zur Seite und winkte sie alle hinein. »Los, rein!«
Felra schob ihren jüngeren Sohn in die Finsternis der Familienwerkstät-te. Brent steckte die beiden Fackeln in Wandhalterungen, während sein Vater das Tor schloss und von innen versperrte. Dann sah er sich in der Schmiede um.
»Wir müssen es verbarrikadieren.« Er zeigte auf das Tor. »Brent hilf mir.«
Mit Brettern vernagelten sie den Eingang, stützten das Tor mit Metall-stangen. Sie schoben Werkbänke davor, bauten Tische darauf und be-schwerten es mit den Ambossen, bis sich eine mannshohe Mauer gebil-det hatte. Nach getaner Arbeit traten die Männer von ihrem Werk zu-rück. Von draußen drangen schreckliche Geräusche herein. Schnelle, panische Schritte und das Knurren einer Bestie schallten durch die Straße vor der Schmiede, gefolgt von einem schrillen Todesschrei. Der Vater drehte sich zu ihnen um, das Gesicht hinter dem dichten, mit Metall verzierten Bart erstarrt und hielt einen Finger an die Lippen.
Daros wagte es kaum zu atmen. Er rückte näher an seine Mutter heran, doch selbst ihre Wärme konnte ihm heute keinen Trost spenden, ihm nicht die Furcht vor den Alpträumen nehmen, die diese Nacht bereit-hielt. Die Familie stand da, alle Sinne angespannt und lauschte. Das Gekreische der sterbenden Frau vor der Schmiede verstummte und für einen Moment lang war es still. Brent und sein Vater sahen einander an.
Ein Knall ließ sie alle zusammenfahren. Daros starrte entsetzt auf das verbarrikadierte Tor, das unter dem Schlag erbebte. Brent trat instinktiv einen Schritt zurück. Draußen gurgelte Etwas, das klang, als sollte es längst tot sein. Doch das war es nicht, es brachte den Tod. Erneut knall-te es und die Barrikade erzitterte unter der Erschütterung.
Die Mutter vergrub ihre Finger in die schmalen Schultern ihres jünge-ren Sohnes. Sie suchte in den Augen ihres Mannes nach Trost, nach Hoffnung. Keines von beiden fand sie. Tars alterndes Gesicht war starr und durch ein Leben voller harter Arbeit verhärmt, doch unter der Maske aus Selbstbeherrschung, die er aufgesetzt hatte, kam die Angst zum Vorschein. Angst um seine Familie und Verzweiflung darüber, sie womöglich nicht beschützen zu können. Dieser Blick seines Vaters, des stärksten Mannes, den er kannte, erschütterte Daros zutiefst.
Es knallte wieder und Daros schrie erschrocken auf. Die Mutter presste ihm eine Hand auf den Mund. Brent starrte ihn mit großen Augen vor-wurfsvoll an. Das sterbende Gurgeln draußen verwandelte sich in ein wütendes Knurren. Scharfe Klauen kratzten am Tor. Selbst die zwei Fackeln flackerten nervöser als zuvor, so als könnten sie die Angst in den Herzen der Familienmitglieder spüren.
Wie versteinert standen sie da und lauschten dem Scharren, das von einer Seite des Tors zum anderen wanderte und wieder zurück. Ein fauliger Geruch kroch durch die Ritzen zwischen den Brettern. Er war schlimmer, als alles, was Daros je in seinem kurzen Leben gerochen hatte. Der Gestank erschwerte ihm das Atmen und er wollte den Mund öffnen, doch seine Mutter presste immer noch ihre Hand darauf. Die Schmiede erzitterte beim Schrei der Bestie. Ihre Schritte entfernten sich. Dann umfing Stille sie. Tar drehte sich um und sah Felra an. In seinem Blick lag ein Funken Hoffnung.
Einen Wimpernschlag später knallte die Bestie gegen das Tor. Brent sprang erschrocken zurück, nur sein Vater blieb standhaft. Die Barrika-de erbebte und Staub rieselte von den angenagelten Brettern. Wieder folgte eine kurze Pause. Dann donnerte es erneut. Ein Tisch stürzte von der Barrikade.
»Tar.«, sagte die Mutter unter Tränen.
Ihr Mann sah ihr lange in die Augen. Der Blick erinnerte Daros an Abschied. Eine Angst, noch größer als die vor den Bestien, umfasste sein Herz, zwang es schneller zu schlagen.
Tar nahm eine wuchtige, zweihändige Streitaxt von der Wand und reichte sie seinem älteren Sohn. Für einen Moment hielten sie beide die Waffe fest, wobei sich ihre Finger berührten. Der Vater nickte stolz. Tränen traten Brent in die Augen und er nickte ebenfalls.
Der nächste Knall warf einen Amboss von der Barrikade. Staub und Holzsplitter tanzten im Schein der Fackeln. Tar löste zwei Einhandäxte von den Wandhalterungen.
Die Bestie kreischte und warf sich abermals gegen das Tor. Sie würde nicht verschwinden, würde nicht ablassen. Daros spürte es. Sie hatte Blut gerochen. Wieder gab ein Balken nach und stürzte zu Boden. Erste Risse durchzogen das Tor und Splitter flogen durch die Schmiede. Je-des Mal, wenn sich die Bestie gegen das Tor warf, löste sich die Barri-kade ein wenig mehr auf.
Felra zog Daros ans andere Ende des Raumes, wo tagsüber die Schmie-defeuer brannten. Die Esse strahlte noch immer eine sanfte Wärme aus. Die Bestie schlug einen Spalt in das Tor. Daros konnte ihre Krallen sehen, wie sie im Holz scharrten, scharf genug, um einen kräftigen Mann in Stücke zu reißen. Immer weiter öffnete sie den Riss, dabei röchelte und kreischte sie ungeduldig. Tar trat vor und wartete, bis die Öffnung groß genug war, um mit den Äxten treffen zu können. Dann schlug er zu. Er hackte auf die Klaue der Bestie ein und brachte sie zum Kreischen. Schwarzes, fauliges Blut spritzte auf sein weißes Leinenhemd. Das Ungetüm warf sich jetzt noch wütender gegen das Tor. Brent wollte sich zu seinem Vater stellen, doch der streckte die Hand aus. »Bleib zurück!«
Daros sah ein Schwert neben der Esse liegen, frisch geschmiedet aber noch ohne die Umwicklung des Griffes. In seiner Vorstellung hatte er so oft das Schwert gegen die Bestien geschwungen, von denen die Mut-ter immer gewarnt hatte. Hunderte der Monstren waren unter seinen Hieben gefallen, doch jetzt, wo er eines leibhaftig vor sich hatte, war nicht viel übrig von seinem Mut. Er hatte das vage Gefühl, an der Seite seines Vaters und seines Bruders stehen zu müssen, doch gegenüber ihnen fühlte er sich klein, hilflos, schwach.
Die Bestie riss weiter am Tor und schrie auf, jedes Mal wenn Tar auf seine Pranken einschlug. Daros konnte nur ein schwarzes Schimmern erkennen, das immer wieder kurz im Spalt aufblitzte. Als sich das Monstrum mit aller Kraft gegen das Tor warf, gab es endgültig nach. Mit ohrenbetäubendem Krach brachen die Holzbalken entzwei. Die Werkbank wurde umgerissen. Tar sprang zur Seite, nicht überrascht oder angsterfüllt, sondern ent-schlossen und wohlüberlegt. Er schlug die Äxte in den Halsbereich des Monstrums und zog so seine Aufmerksamkeit auf sich.
»Jetzt Brent!«
Daros’ Bruder zögerte nur einen Augenblick. Dann fasste er Mut, wir-belte die Axt über dem Kopf und ließ sie mit Wucht auf den Rücken der Bestie niedergehen. Knochen und Rückgrat knackten. Das Wesen schrie auf und schlug nach dem Schmied. Er wich zurück, war aber nicht schnell genug, um dem Angriff ganz zu entgehen. Die Klauen zerrissen sein Leinenhemd und zogen ihm blutige Striemen über die Brust. Brent kam seinem Vater zur Hilfe und trieb die Axt ein weiteres Mal tief in den Rücken der Bestie, wodurch sie einen Moment lang nicht angriff.
Tar vollführte eine Drehung, in der er die Äxte schwang und mit ihnen die verunstaltete Fratze der Bestie in zwei Hälften teilte. Der mit Zäh-nen besetzte Unterkiefer brach herab, was das Monstrum aber nicht daran hinderte, mit der zerfetzten Pranke nach ihm zu schlagen. Tar prallte gegen die Wand und riss Werkzeuge von den Halterungen. Seine Frau schrie erschrocken auf. Brent nutzte diesen Moment und holte zum finalen Hieb aus, der das Rückgrat der Bestie endgültig zerteilte. Rö-chelnd brach sie zusammen, der deformierte Körper von Zuckungen gebeutelt. Brent sprang über das faulige Fleisch hinweg und half seinem Vater von der Werkbank. »Alles in Ordnung, Vater?«
Tar schwankte nur kurz und stand sogleich wieder aufrecht. Er spuckte einen Batzen Blut verächtlich auf den zuckenden Leichnam der Bestie und wischte sich die Lippen am Ärmel seines Hemds ab. Dann legte er seinem Sohn die rechte Hand auf die linke Schulter und nickte. »Gut gemacht.«
Daros starrte das Monstrum ungläubig an. Seine Mutter hatte ihm Ge-schichten erzählt, von den Schrecken, die seine Familie bei der Flucht aus ihrem Heimatland Urdnaar überstanden hatte und von den Bestien, die jenseits der Mauern warteten, begierig darauf alles zu verschlingen, was lebte. Doch selbst in seinen finstersten Alpträumen hatte er nicht solche Schrecken gesehen. Der Körper dieses Wesens war grotesk ver-formt, als wäre er der Vorstellungskraft eines verrückten Gottes ent-sprungen, der es willkürlich aus beliebigen Teilen zusammengesetzt hatte. Daros bezweifelte, dass dieses Monster einmal ein lebendes und fühlendes Wesen gewesen war, wie ihm seine Mutter zu erklären ver-sucht hatte.
Felra sah ihren Gatten an und kurz blitzte Hoffnung in ihren Blicken auf, die auch Daros Mut machte. Der Moment verstrich, als draußen durch die rabenschwarze Nacht das Knurren aus mehreren Kehlen er-schallte.
Die Hoffnung gefror in Tars Blick, den er jetzt Daros zuwandte.
»Felra, versteck den Jungen unter der Esse.«
Die Mutter verstand und nickte. Sie zog Daros an die Esse, wo er schon hunderte Male in Glut und Feuer geblickt hatte, fasziniert davon, wie Hitze imstande war Metall zu formen. Unter dem aus massivem Stein-blöcken geformten Schmiedeofen lag eine niedrige, halbkreisförmige Öffnung, in der sich die Asche sammelte und die er gelegentlich austra-gen durfte.
»Daros, du muss jetzt da reinkriechen.«
Daros sah in dieses schwarze Loch, vor dem ihm seit jeher gruselte, und schüttelte den Kopf. »Ich will da nicht rein, ich will bei euch bleiben.«
Felra kniete sich vor ihn, damit ihre Gesichter auf gleicher Höhe waren. Sie umfasste seine Hände mit ihren und sah ihn an. »Bitte Daros, dort drinnen bist du sicher.«
»Und was ist mit euch?«
Sie vertrieb die Angst aus ihrem Gesicht und Daros sah wieder die ver-traut warmherzigen, weichen Züge seiner Mutter. »Mein kleiner Junge.« Sie strich ihm durchs kurze Haar und betrachtete ihn mit Tränen in den Augen. »Mein mutiger kleiner Junge. Hab bitte keine Angst.«
»Mutter.« Daros warf sich ihr um den Hals. »Schick mich bitte nicht da rein.«
Das Grollen der Horde rollte wie Donner durch die Straßen und wehte durch das zerstörte Tor herein. Felra drückte Daros fest an sich und flüsterte. »Kannst du mutig sein, Daros? Für mich?«
Er löste sich aus der Umarmung, sah in das schwarze Loch unter der Esse und dann in die Augen seiner Mutter, die im Schein der Fackeln feucht glänzten. Sie nickte und schenkte ihm ein zerbrechliches Lä-cheln.
Daros fürchtete sich, doch er wollte mutig sein, so wie sein Vater und sein großer Bruder, für sie. Also tat er, worum seine Mutter ihn gebeten hatte und kroch rückwärts in die Öffnung, die gerade groß genug für ihn war. Es war stockfinster unter der Esse und es stank furchtbar nach Ruß. Er schob sich langsam durch die Aschereste in die Dunkelheit. Das Gesicht seiner Mutter tauchte vor der Öffnung auf.
»Gut so, mein Junge. Und egal was passiert, bleib da drinnen. Dort bist du sicher. Hast du verstanden?«
Daros nickte.
»Sie kommen.«, hörte er seinen Vater sagen. »Macht euch bereit.«
Der Lärm außerhalb der Schmiede wuchs zu Donner heran. Tausende Schritte erschütterten den Boden. Daros sah seinen Vater und seinen Bruder am aufgebrochenen Eingangstor stehen, die Äxte zum Kampf erhoben. Neben der Öffnung stand seine Mutter, von der er nur die Beine und den Saum ihres Kleides erkennen konnte.
Daros riss die Augen auf, als er draußen im Schein der brennenden Stadt schwarze Leiber vorbeihuschen sah. Es waren kaum mehr als dunkle Schemen, die durch die Nacht huschten. Erst schien es, als wür-den sie alle vorbeilaufen, doch zwei Schatten blieben stehen und wand-ten die Köpfe um. Obwohl ihre Größe nicht an die der ersten Bestie heranreichte, blickten ihre finsteren Augen nicht minder hungrig in die Schmiede. Schiefe Mäuler und hässlichen Schnauzen öffneten sich und entblößten Reihen schwarzer Zähne. Ihr Gurgeln und ihr Gestank er-füllte den ganzen Raum.
Daros’ Vater spannte seine Muskeln an, ein einziger Berg aus Kraft, doch nichts im Vergleich zu den Monstren, die ihre krallenbewährten Klauen auf den Boden der Schmiede setzten. Die größere Bestie griff an. Tar wich rechtzeitig zur Seite aus und schlug mit den Äxten zu. Brent hieb mit dem Beil hinterher, wurde jedoch vom knochigen Schwanz des Monsters getroffen und zurückgeschleudert. »Brent.«, schrie Felra auf und wollte ihrem Sohn zur Hilfe eilen, doch Tar riss die Hand hoch. »Bleib zurück, Felra!«
Die kleinere Bestie sah ein leichtes Opfer im Sohn des Schmieds und spannte sich zum Sprung an. Tar zertrümmerte der größeren Bestie das halbe Gesicht und setzen über seinen deformierten Leib, direkt vor das hungrige Maul der kleineren. Sie schnappte nach ihm und versenkte ihre Zähne tief in seinen linken Unterarm. Er brüllte auf, doch nicht vor Schmerz, sondern aus Zorn. Noch nie hatte Daros ihn so wütend gesehen, ihn niemals schreien gehört. Der Mann, der kein einziges Mal die Stimme gegen seine Familie erhoben hatte, brüllte der Bestie ins Gesicht und hieb ihm die Axt zwischen die Augen.
Brent kam wieder auf die Beine, ergriff ein Schwert, das auf den Boden gefallen war und zog es sirrend aus der Schneide. Er schlug der größe-ren Bestie eine Klaue ab, bevor diese nach seinem Vater schlagen konn-te. Tar brüllte noch immer, hackte weiter auf das entstellte Maul des Wesens ein, zwischen dessen Zähnen sein Arm festhing. Es riss an ihm, wollte ihn herumschleudern, doch er stemmte sich mit aller Kraft dage-gen.
Brent trieb die Schwertklinge bis zum Griff in den Hals des Monst-rums. Es röchelte und noch im Sterben verbiss es sich endgültig in Tars Unterarm. Er wurde mit der Bestie zu Boden gerissen, wo sich eine stinkende, schwarze Lache bildete. Brent bezahlte den Preis für die Rettung seines Vaters. Das größere Monstrum bäumte sich auf und versenkte die Zähne in den Schultern des Schmiedesohns. Brent schrie, schlug nach der bluttriefenden Schnauze und wurde im nächsten Atemzug wie ein Stück Fleisch her-umgeschleudert.
Tar riss die Augen vor Entsetzen und Verzweiflung auf, den Arm im-mer noch im Maul der toten Bestie gefangen. Er stieß ein wildes Ge-heul aus, lauter und schrecklicher als jedes Monster. Tränen der Wut fluteten seine Augenwinkel. Das Gesicht, schwarz vom Fäulnisblut, verzerrte sich zu einer zornigen Fratze. Er schlug mit der Axt auf das Maul der Bestie ein, zertrümmerte die Zähne und riss sich mit un-menschlicher Kraft davon los. Haut platzte auf, Fleisch riss und Kno-chen brachen. Ohne Rücksicht auf die Verletzung wirbelte er die Streit-axt über dem Kopf und stürzte mit Gebrüll zur großen Bestie, die dem kreischenden Brent die Eingeweide zerfleischte.
Axthiebe, brutal und aus der Kraft der Verzweiflung geboren, schlugen tiefe Wunden in das faulige Fleisch des Monsters. Daros sah, wie sein Vater in blinder Raserei gegen das Wesen anging und es damit von Brent weglockte, der regungslos neben dem Blasebalg des Schmiede-ofens liegen blieb. Während Tar mit der Bestie rang, lief Felra zu ihrem älteren Sohn und nahm ihn in ihre Arme. Er versuchte etwas zu sagen, doch es kam ihm nur Blut über die Lippen. Sie strich ihm über den Kopf und flüsterte, doch Daros konnte nicht hören, was sie sagte. Das Gebrüll seines Vaters, der mit dem Monstrum rang, übertönte alles andere.
In blinder Rage ging Tar auf die Bestie los. Er nahm keine Rücksicht auf sein eigenes Leben. Ein Hieb traf ihn, riss neue Wunden in seine Brust und warf ihn zu Boden. Doch er schlug dem unmöglichen Wesen eine Klaue ab und richtete sich wieder auf, kämpfte trotz aller Verlet-zungen weiter, nicht um seinetwillen, sondern für seine Familie. Und er siegte, als er dem Monstrum mit einem vernichtenden Hieb den Schädel spaltete.
Daros erschrak, als sich sein Vater umdrehte und ihn mit rasendem Blick anstarrte. Sein Gesicht wirkte fremd, nicht mehr menschlich. Er war über und über mit schwarzem Blut besudelt, sodass nur noch das dreckige Weiß seiner Augen zum Vorschein kam. Die muskulöse Brust war ein Flickwerk blutiger Wunden, der linke Arm hing in Fetzen. Nichts an diesem Mann erinnerte Daros noch an den friedlichen, stets schweigsamen Schmied.
»Ist er …?«, fragte Tar, obwohl er die Antwort bereits kannte.
Felra senkte ihre Stirn auf Brents herab. »Ja.«
Daros konnte nicht fassen, dass Brent tot sein sollte. Der Bruder, zu dem er stets aufgesehen, der immer auf ihn aufgepasst hatte und der ihm sein Spielzeugschwert gebaut hatte, lebte nicht mehr. Wie konnte so etwas geschehen? Wieso durften solche Monster außerhalb von Alp-träumen existieren?
»Es tut mir leid, Felra.« Tar fiel neben Brent und Felra auf die Knie. »Ich konnte ihn nicht …«
Felra ergriff seinen Oberarm. »Es ist nicht deine Schuld.«
Sie sahen hinüber zu Daros, der verängstigt in seinem Versteck lag und ihre Blicke auffing.
Tar wandte sich ab. »Ich hätte uns nie hierherbringen dürfen.«
»Wir hatten keine andere Wahl.«
»Man hat immer eine Wahl.« Tar schüttelte den Kopf. »Ich hätte euch fortbringen sollen.«
»Tar.« Sie nahm sein blutüberströmtes Gesicht zwischen ihre Hände, sah ihm in die tränenden Augen. »Es ist nicht deine Schuld.«
Er öffnete und den Mund mehrere Male, doch ihm fehlten die Worte. Stattdessen bedachte er seinen toten Sohn mit einem längeren Blick. Mit zittrigen Händen schloss er dessen Augenlider und berührte Brents Stirn mit seiner. »Es tut mir leid, mein Sohn.«
Ein Gurgeln ließ sie aufhorchen. Eine weitere Bestie erschien im Ein-gang. Tar und Felra tauschten einen kurzen Blick aus. Das genügte. Der Schmied stand auf, nahm die Axt und drehte sich um.
»Na, was ist, du grässliches Biest?«, schrie er und bewegte sich weg von Felra und Brent. »Ich habe schon Dutzende deiner Art getötet und du wirst nicht das Letzte sein.«
Er brüllte und griff an.
Felra tauchte vor der Öffnung auf, in der Daros lag. Sie beugte sich so zu ihm herab, sodass er den Kampf nicht sehen konnte.
»Daros, sieh mich an.«
Er gehorchte.
»Du musst ganz nach hinten kriechen und dort bleiben, hast du verstan-den?«
Daros nickte.
»Es wird jemand kommen, egal wie lange es dauert, es wird jemand kommen. Verstehst du?«
»Aber was ist mit euch?«
Sie zuckte zusammen, als Tar hinter ihr einen Schmerzensschrei aus-stieß, bemühte sich aber für Daros zu lächeln. Sie streckte ihre Hand aus und las sein Gesicht mit den Fingerspitzen.
»Der ewige Fährmann bringt uns über das endlose Meer an die Ufer von Kuranar. Dort werden wir auf dich warten.«
Daros’ Augen füllten sich mit Tränen. »Ihr dürft nicht sterben.«
»Weißt du, jeder muss einmal diese Welt verlassen.« Sie sah sein Ge-sicht an, als wollte sie sich jedes Detail darin für die Reise einprägen.
»Dann nehmt mich mit nach Kuranar. Ich will nicht hierbleiben.«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, es ist noch zu früh für dich.«
Seine Lippen bebten, als er sagt: »Ich habe Angst.«
»Du musst keine Angst haben. Hier bist du sicher.«
Tars Stimme ertrank in wildem Gebrüll, mehr Verzweiflung als Zorn. Die Bestie schrie mit ihm. Felra warf einen Blick über die Schulter und ein Schrecken huschte über ihr Gesicht, nur einen Augenblick lang. Als sie wieder Daros ansah, wirkte sie gefasst und ruhig. Eine Träne brach unter ihrem Auge hervor, doch sie lächelte.
»Mein Junge, versprich mir, dass du uns erst in vielen Jahren über das endlose Meer folgst?«
Daros zögerte.
»Bitte versprich es mir.«
Tränen rannen seine Wangen herab. »Ich verspreche es.«
»Gut.« Sie lächelte ein letztes Mal für ihn, warmherzig und voller Lie-be. »Und jetzt klettere ganz nach hinten und schließ die Augen. Halte sie geschlossen, egal was du hörst.«
Daros gehorchte ihr dumpf. Er kroch ganz nach hinten, bis seine Beine die Wand berührten und schloss die Augen. Er hörte, wie seine Mutter aufstand und das Schwert von der Werkbank nahm, das Gurgeln der Bestie, das Schweigen seines Vaters. Felra stieß einen Kampfschrei aus. Kampfgeräusche drangen an sein Ohr. So fest er konnte, presste Daros die Augenlider zusammen. Er wollte aus diesem Alptraum erwachen und hoffte, dass, wenn er die Augen das nächste Mal wieder aufschla-gen würde, all diese Schrecken verschwunden waren. Seine Hoffnung starb, als der Schrei seiner Mutter in der Luft zitterte.
Er riss Augen auf. Sie lag nahe der Öffnung, die Bestie über ihren Körper gebeugt, das Kleid aufgerissen und blutdurchtränkt. Daros sah entsetzt, wie das Monstrum seine Zähne in ihren Rücken stieß. Sie blickte zu ihm herüber, noch halb hier und halb auf der anderen Seite. »Sieh nicht hin, Daros, sieh nicht hin!«
Diesmal gehorchte er nicht. Er konnte nicht. Er sah, wie das Licht in ihren Augen flackerte, schwächer wurde und schließlich erlosch. Das Leben aus seiner Mutter schwinden zu sehen, raubte ihm beinahe den Verstand. Er klammerte sich an ihren leblosen Blick und wollte nach ihr rufen, doch die Stimme versagte ihm.
Das Monster fraß die Leichen seiner Familie nicht. Es ließ von seiner Mutter ab, hielt plötzlich inne, das Maul weit aufgerissen und gab ein langgezogenes Keuchen von sich. Dabei zitterte sein monströser Leib in rhythmischen Bewegungen. Eine unnatürliche Kälte zog herauf und Daros spürte, wie es ihm jegliche Wärme aus den Gliedern zog.
Die Bestie beruhigte sich, schnaubte kurz und sah ihn plötzlich an. Er erschrak und rückte noch weiter zurück, bis seine Knie die Wand be-rührten. Das Ungetüm stieg langsam über die Leiche seiner Mutter hin-weg und näherte sich der Öffnung von der Seite. Für einen Augenblick verschwand es aus Daros’ Sichtfeld und er hielt den Atem an.
Er schrie auf, als eine monströse Schnauze in der Öffnung auftauchte. Fauliger Atem wehte Daros entgegen, ließ ihn nach Luft schnappen. Das Gurgeln und Schnauben eines sterbenden Wesens dröhnte in seinem Kopf. Er hielt sich die Ohren zu und starrte den Schrecken vor sich an.
Der Kopf der Bestie erinnerte an den eines Hundes, verzerrt durch ei-nen fiebrigen Alptraum. Reihen blutiger Zähne steckten in dem Maul, das nach Daros schnappte, ohne ihn zu erreichen. Wütend richtete sich das Wesen auf und stapfte röchelnd vor dem Schmiedeofen auf und ab. Zwischen seinen ungleichmäßig geformten Beinen konnte Daros immer wieder einen kurzen Blick auf die blutigen Leichname seiner Familie werfen. Menschen, von denen er geglaubt hatte, sie wären unsterblich, lagen leblos auf dem blutüberströmten Boden der Schmiede. Seine kleine Welt brach in sich zusammen.
Die Bestie warf sich hin und streckte eine Klaue in die Öffnung. Die Krallen erreichten Daros und zogen blutige Spuren über sein Gesicht. Er erschrak und drückte sich noch näher an die Wand, doch da war kein Platz mehr. Die Bestie schlug nach ihm, scharrte mit ihrer Pranke in der Asche, ohne Daros noch einmal zu berühren. Die Krallen blitzten nur wenige Finger breit vor seinem Gesicht auf und wagte er sich nur ein Stück weit vor, wäre das sein Tod. Er machte sich so klein wie möglich und starrte angsterfüllt in die abgründigen Augen der Bestie…

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