Mutatio

Band 3 des Terranis-Zyklus

Sci-Fi – Cyberpunk – Roman
Veröffentlichung: 08.04.2018
390 Seiten, Taschenbuch/ebook
KDP-ISBN: 978-1980712107

 

Devon und seinen Kampfgefährten bleibt keine andere Wahl, als den selbstmörderischen Auftrag des undurchsichtigen Phobos anzunehmen: mit Unterstützung der genialen Hackerin Nyx sollen sie einen ehemaligen Topagenten der Geheimorganisation Terranis aus einem Hochsicherheitsgefängnis in der Antarktis befreien.

Im ewigen Eis bekommen sie es mit dem sadistischen Gefängnisbetreiber Voronoff zu tun, der ihnen erbarmungslos die Grenzen aufzeigt und Devon zu verzweifelter Improvisation zwingt.
Zu allem Überfluss wird den Teammitgliedern schnell klar, dass von dem mysteriösen Mann, dem die Befreiungsaktion gilt, selbst eine tödliche Gefahr ausgeht.

Als sie beschließen, selbst die Initiative zu ergreifen, spitzt sich alles auf eine direkte Konfrontation mit Phobos in den brennenden Häuserschluchten von Kalkutta zu, wo gerade die Entscheidungsschlacht zwischen Rebellen und Ratstruppen tobt …

Leseprobe

1 – an Fäden

Über dem Pazifik

 

Devon Reeves lag auf einem der schmalen Lager im hinteren Bereich des Gleiters, der den Namen Lasarew trug, und starrte an die Decke. Ein leichtes Dröhnen war in der Zelle der geräumigen Maschine zu spüren, die Phobos dem Team besorgt hatte. Die Lasarew war ein Vorgängermodell der Helios, die Devon in seiner kurzen Zeit als Ghost gute Dienste geleistet hatte. Auch wenn die Lasarew nicht mehr am aktuellsten Stand der Technik war, war sie doch gut in Schuss und eignete sich perfekt als fliegende Kommandozentrale. Wie Phobos an den erst kürzlich ausgemusterten Kampfgleiter herangekommen war blieb ebenso sein Geheimnis wie die Wahrheit über seine Identität, seine Motive und seinen Aufenthaltsort.
Da sich Devon und sein Team geweigert hatten, Phobos blind zu vertrauen, zwang er ihnen nun seinen Willen auf und schickte sie auf ein Himmelfahrtskommando: die Befreiung eines ehemaligen Terranis-Agenten aus einem Hochsicherheitsgefängnis in der Antarktis. Für den Fall einer Weigerung hatte er gedroht, jedem einzelnen von ihnen zu schaden und niemand zweifelte daran, dass er dazu in der Lage war. Phobos besaß Macht, eine Form von Macht, die Devon nicht geheuer war. Er versteckte sich hinter einer digitalen Maske und seine Waffen waren Informationen. Nicht einmal Nyx mit ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten als Hackerin hatte ihm bisher Paroli bieten können.
Das Gespräch mit Phobos lag bereits viele Stunden zurück und er hatte sich seither nicht mehr gemeldet. Die Missionsparameter standen fest und die Antarktis war im Autopiloten der Lasarew gespeichert, die sie immer näher an eine ungewisse Zukunft heranführte. Devon erinnerte sich an seine kurze Zeit als Ghost zurück. Das Gesicht des Verräters Rush schlitterte über die Schwelle seines Bewusstseins, wo es eine Kaskade an Erinnerungen auslöste.
Devon verfluchte die Untätigkeit. Für seinen Geschmack hatte er in den letzten Wochen zu viel Zeit tatenlos verbracht. Es waren diese ruhigen Momente, in denen dunkle Gedanken wie giftiger Nebel durch sein Bewusstsein zogen. Er hätte alles für einen Ausschaltknopf gegeben.
»Alles in Ordnung?« Devon hörte ihre Stimme, bevor er Sethi in sein Sichtfeld treten sah. »Du bist schon eine ganze Weile so still.«
»Ja.«, sagte er knapp, da er keine Lust auf ein Gespräch hatte.
Sethi setzte sich unaufgefordert auf das zweite Bett und sah ihn an, als gäbe es etwas Interessantes in seinem Gesicht zu entdecken.
»Du siehst aber nicht aus, als würde es dir gut gehen.«
Devon kratzte die zersplitterten Reste eines Lächelns zusammen und arrangierte sie neu. »Wenn ich noch Major wäre, würde ich dir jetzt befehlen, keine weiteren Fragen zu stellen.«
»Aber du bist kein Major mehr.« Sie blinzelte ihn herausfordernd an. »Das heißt, du musst mir antworten.«
Devon seufzte lang und nickte.
»Machst du dir Sorgen wegen des Plans?«, fragte Sethi.
Wenn es nur das wäre, dachte Devon und setzte sich auf. »Nein, das ist es nicht.«
»Was quält dich dann?«
Devon blickte in ihre dunklen, ausdrucksstarken Augen. Vereinzelte Narben und Flecken, die sie im Laufe vieler Kämpfe gesammelt hatte, störten die perfekte Symmetrie ihres bildhübschen, genetisch optimierten Gesichts. Interessanter war für Devon aber das, was sich dahinter verbarg. Sethi hatte sich in der kurzen Zeit ihrer neuen Zusammenarbeit verändert. Sie war nicht mehr der unnahbare Lieutenant des Ratsheeres. Vielleicht kam aber auch nur ihr wahrer Kern zum Vorschein, nachdem sie sich nicht länger verstellen musste, jetzt, da sie ihr ursprüngliches Ziel, Ghostagent zu werden, nicht mehr mit Verbissenheit verfolgen konnte.
»Keine Sorge.«, log Devon. »Ich bin okay.«
Ihr Blick verriet, dass sie ihm nicht glaubte. Sie waren sich zu ähnlich, daher wusste sie auch, dass etwas nicht stimmte.
»Weißt du was, ich erzähle dir jetzt eine Geschichte aus unserer gemeinsamen Zeit beim Ratsheer, einverstanden?«
Devon sah sie überrascht an.
»Bevor ich dir unterstellt wurde, habe ich unter vielen Frauen und Männern gedient, deren Fähigkeiten nicht annähernd mit ihren Egos mithalten konnten. Ich nahm an, das würde auch auf dich zutreffen, schließlich spielten sich die Deadeyes als absolute Elite des Ratsheeres auf. Aber derartiges Gerede war in den meisten Fällen nur heiße Luft.«
»Deadeyes.« Devon sprach den Codenamen seiner alten Einheit wie ein magisches Wort aus, das ihn auf der Stelle in sein früheres Leben zurückschicken konnte. »Ein verdammt zäher Haufen.«
»Du sagst es.« Sethi nickte. »Aber vor meiner Versetzung wusste ich das noch nicht und auf Gerüchte gab ich nicht sonderlich viel. Also erwartete ich insgeheim einen weiteren Haufen unzivilisierter Brüllaffen, die ihren Anführer wie eine Hindugottheit verehren würden. Dafür sprachen die großspurigen Worte der jungen Soldaten und der Ruf eines stahlharten, strengen Majors, der durch nichts aus der Ruhe zu bringen war. Typisches Machogewäsch eben.«
»Diesen Ruf hatte ich also?«, fragte Devon leicht amüsiert.
»So habe ich es zumindest vor meiner Versetzung gehört.« Sethi zuckte mit den Schultern. »Ich kann mich noch genau daran erinnern, als ich dich das erste Mal gesehen habe.« Sie setzte ein strenges Gesicht auf, als wollte sie die Züge von Devon imitieren. »Du hast das Versetzungsschreiben genommen, es kommentarlos durchgelesen und mir dann die Regeln erklärt. Dann hast du mich gefragt, ob ich etwas dazu zu sagen hätte und ob ich damit einverstanden wäre.«
»Ich erinnere mich.« Devon dachte an den Tag zurück, an dem Sethi bei ihm aufgetaucht war. Damals war sie nur eine weitere Soldatin gewesen, die sich in seinen Reihen erst noch beweisen musste. Zu diesem Zeitpunkt war sie ihm nicht mehr und nicht weniger aufgefallen als all die anderen Neuzugänge.
»Du hast mich zusammen mit einigen Rekruten zu einem Vierundzwanzig-Stunden-Training geschickt, um meine Fähigkeiten und meine Ausdauer zu testen, noch bevor ich einen einzigen Namen kannte.«
»Das habe ich mit allen Neuzugängen so gemacht.«
»Mag sein.« Sethi lächelte. »Doch für mich war das damals eine Beleidigung. Ich sollte mit Rekruten zusammen trainieren wie eine Anfängerin und das, obwohl ich bereits Lieutenant war. Ich hatte das Gefühl, du würdest mich nicht ernst nehmen, wie es schon so viele vor dir getan hatten. Am liebsten hätte ich dich damals zum Zweikampf herausgefordert, um mich zu beweisen.«
In ihren blitzte die Vergangenheit kurz auf, wie ein winziger Spiegel ihrer Seele.
»Kann ich mir vorstellen.«, sagte Devon. »Aber mir war immer egal, welche tollen Empfehlungsschreiben Neuzugänge mitbrachten, wem sie in den Arsch gekrochen sind oder wessen Verwandte sie waren. Im Kampf muss ich mich auf meine Kameraden verlassen können, also musste sich jeder beweisen, Frischling oder Veteran, Frau oder Mann. Keine Sonderbehandlung.«
»Das habe ich später auch verstanden, aber zu Beginn war es einfach nur beschämend für mich, mit den Rekruten im Dreck zu sitzen. Und dann war da auch noch dein Auftreten. Immer beherrscht, wortkarg und konzentriert. Ich hielt dich für extrem arrogant und selbstverliebt.«
»Vorsicht, du zerstörst mir noch meine Illusionen.«
»Ich bin ja auch noch nicht fertig.«, gab sie zurück. »Nachdem wir diese Aufstände in Juàrez niedergeschlagen hatten, gab es da diese kleine Abschiedsfeier.«
»Du meinst vor unserer Versetzung in die Ukraine?«
»Genau.«, bestätigte Sethi. »Ich war noch nicht lange Teil deiner Einheit, ein paar Wochen vielleicht, kann mich aber noch gut an den Tag erinnern.«
Devon nickte wissend, obwohl die Erinnerung daran nur noch ein Schatten in seinem Gedächtnis war.
»Ich habe dich die ganze Zeit über beobachtet.«, gestand sie, bemerkte dann aber, wie das in seinen Ohren klingen musste und ruderte mit den Armen, als wollte sie die Worte wieder einfangen. »Nicht, was du vielleicht denkst. Zu dem Zeitpunkt wusste ich einfach noch nicht, was ich von dir halten sollte.«
Sethi hatte seine Neugierde geweckt. »Und was hast du beobachtet?«
»Du bist still im Lager umhergewandert, hinter den Reihen der Soldaten, während sie alle gefeiert haben. Wie ein Adler hast du sie umkreist, die Augen stets fokussiert, mit diesem undefinierbaren Blick, als würdest du hinter ihren Rücken Pläne schmieden. Ich hatte immer das Gefühl, du wüsstest von etwas Bevorstehendem, das nur du sehen konntest.«
Devon dachte über ihre Worte nach und versuchte sich vorzustellen, wie es aus seiner Sicht gewesen war. Er hatte sich noch nie Gedanken darüber gemacht, wie er auf andere wirkte. »Interessante Beobachtung.«
»Ich dachte, du würdest dich einfach nur für etwas Besseres halten. Erst nach und nach erkannte ich, dass du nicht wie die meisten Wichtigtuer in der Armee warst.«
»Ich nehme das jetzt einfach einmal als Kompliment.«
»Zurecht.«, sagte Sethi. »So etwas kommt mir nämlich nicht leicht über die Lippen.«
»Und was war ich dann?«
Sethi ließ sich mit der Antwort Zeit. Sie grübelte über die Wahl ihrer Worte nach und fuhr dann fort: »Du warst weder einer dieser Männer, die sich groß aufspielten, noch einer, der einfach nur um sich ballern wollte. Abzeichen und Ränge haben dir nie etwas bedeutet. Du hast dich um deine Soldaten gekümmert, sie beschützt, wo es ging, aber auch alles von ihnen verlangt, damit sie immer bereit waren. Was das betraf, konntest du gnadenlos sein.«
Sie legte eine Pause ein, als wollte sie überprüfen, ob Devon ihr überhaupt noch zuhörte, denn sein Blick war nach unten gerutscht.
»Wusstest du, dass dich die meisten deiner Soldaten für einen gefährlichen Mann hielten? Einige der jungen Rekruten hatten regelrecht Angst vor dir und nicht einfach nur als ihrem Vorgesetzten. Wer so wenig redet und niemals Gefühle zeigt, muss ein verdammt harter Kerl sein.«
Devon musste lächeln.
»War das wirklich so?«
Sethi nickte.
»Vertrau mir, genauso war es.«, sagte sie. »Ich mag nicht gerade die Geselligste in der Armee gewesen sein, doch das bedeutet noch lange nicht, dass ich taub oder blind war. Am besten gefiel mir die Geschichte, wonach du in Wirklichkeit ein Roboter wärst, dem man ein menschliches Gesicht verpasst hat, ein geheimes Experiment der Armee sozusagen. Es gab so viele Legenden um den geheimnisvollen Major Devon Reeves, dass man tatsächlich glauben hätte können, du wärst ein Übermensch.«
»Wohl eher ein Unmensch.«, berichtigte Devon und lachte bitter auf.
»Ja, gelegentlich.« Sethi hob die Augenbrauen. »Aber eines war allen unter deinem Kommando immer klar: Sie konnten sich auf deine Führung verlassen. Mit deiner ruhigen und zugleich strengen Art hast du allen das Gefühl gegeben, du hättest jederzeit alles im Griff. Und nichts motiviert mehr als ein Vorgesetzter, dem man zutraut, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Viele wären dir sogar ins Herz der Hölle gefolgt, um den Teufel persönlich zu bekämpfen.«
Beide zeigten ein unverbindliches Lächeln, das im darauffolgenden Schweigen allmählich zerfloss. Devon wusste zu schätzen was Sethi tat, doch in Wirklichkeit befeuerte es seine Zweifel nur noch mehr. Sie erkannte die Wirkung ihrer Worte selbst und wurde ernst.
»Devon, du willst mir nicht sagen, was dich quält, das verstehe ich besser als jeder andere.«, sagte sie. »Ich habe auch mein Leben lang kein Wort über das verloren, was mich belastet, was im Nachhinein betrachtet ein Fehler war. Ich war immer der Meinung, niemand würde verstehen, was in mir vorging, aber als wir in Singapur …«
Sethi verstummte für einen Augenblick. Devon sah auf. Ein undefinierbarer Ausdruck hatte sich in ihr schönes Gesicht gestohlen. Doch schon einen Lidschlag später lichteten sich ihre Züge wieder.
»Du solltest nur nicht vergessen, dass du vielen Menschen das Leben gerettet hast und für noch mehr ein Vorbild gewesen bist.«
Devon hörte die Worte, doch sie waren nur ein hohles Echo in seinen Ohren. »Was zählt das schon, wenn man Soldat ist? Man bewahrt Leben, indem man andere nimmt. Klingt wie eine Gleichung, die sich selbst auflöst, bei der nichts herauskommt.«
Sethi schien jetzt endgültig bewusst zu werden, dass hinter der stoischen Maske von Devon etwas Gefährliches rumorte, etwas, das bisher noch nicht an die Oberfläche getreten war. In ihren Augen blitzte ein Funke der Sorge, gepaart mit Hilflosigkeit.
»Als wir in Singapur vom Black Market geflohen sind, gab es da diesen einen kurzen Moment. Ich … ich wollte einfach nur …«
Sie schien ihm etwas Wichtiges mitteilen zu wollen, fand aber nicht die richtigen Worte dafür. Als sie gerade wieder zum Reden ansetzen wollte, tauchte Walker auf.
»Na, was treibt ihr beiden Turteltauben hier hinten?«
Er trug ein schäbiges Grinsen zur Schau und zog an einer Zigarette. Für einen Augenblick huschte ein erleichterter Ausdruck über das Gesicht von Sethi.
Devon sah Walker amüsiert an. »Keine Sorge, wenn es zur Sache geht, werden wir nicht auf dich vergessen.«
»Der Blechmann, vergiss es!«, wehrte Sethi ab.
Walker zwinkerte ihr zu. »Da verpasst du aber was.«
Devon wurde übergangslos ernst. »Was macht unser Neuzugang?«
Walker warf einen kurzen Blick über die Schulter, zu der jungen Hackerin Nyx, die sich mit den Computersystemen des Gleiters vertraut machte.
»Spricht nicht viel.«, antwortete er. »So wie sie dasitzt, vollkommen vertieft in die Systeme der Lasarew, erinnert sie mich ein wenig an Rush.«
Sethis Blick verdunkelte sich jäh. »Na hoffentlich hat sie sonst nichts mit ihm gemein.«
»Ich denke, wir müssen uns diesbezüglich keine Sorgen machen.«, meinte Walker.
»Ich hoffe, du hast Recht.«, entgegnete sie.
Devon verzichtete auf eine Antwort.
»Phobos hat es selbst deutlich gemacht.«, erklärte Walker und atmete den Rauch ein. »Sie steht auf unserer Seite, wenn auch zwangsweise.«
Sethi sah nachdenklich zur hageren Gestalt der jungen Frau hinüber. »Irgendwie kommt sie mir verloren vor.«
»Ich denke, sie lebt in ihrer eigenen Realität.«, sagte Walker. »Aber dort kann ihr keiner von uns annähernd das Wasser reichen.«
»Solange sie noch unterscheiden kann.«, entkam es Devon, erntete aber nur verständnislose Blicke.
»Ich denke, es wird langsam Zeit, ihr unsere Geschichte zu Ende zu erzählen.«, schlug Walker vor. »Sie hat sich in meinen Augen bewiesen.«
»Ich bin einverstanden.«, sagte Sethi.
Die Blicke der beiden trafen auf Devon. Sie erwarteten eine Entscheidung von ihm. Er ließ sich allerdings Zeit, fixierte Nyx und nickte dann.
»In Ordnung.«, entschied er. »Wir haben ja noch genügend Zeit.«
Für eine kurze Weile schwiegen die drei, bis Walker seine Arme wie Flügel ausbreitete und sich einmal herumdrehte. »Was sagt ihr zu meinem neuen Outfit, bin ich nicht der perfekte Ghost?«
Devon zog eine Augenbraue hoch und musterte den ehemaligen Detective. Bevor sie mit der Lasarew losgeflogen waren, hatten sie sich mit den Credits von Phobos Ausrüstung und neue Kleider beschafft. Jetzt trug Walker eine schwarze Kampfweste aus einem modernen Polymerverbund. Darüber trug er einen glatten Ledermantel, der ihm bis knapp über die Knie reichte. Die wuchtigen Stiefel schienen für den Weltuntergang geschaffen zu sein. Als auffälligstes Accessoire hatte er einen dunklen Hut gewählt. Zusammen mit dem schweren Revolver von Nordström an seinen Hüften sah er aus wie ein moderner Sheriff.
Sethi grinste bösartig. »Hey Cowboy.«
Walker verzog das Gesicht enttäuscht.
»Banausen.«, sagte er. »Hüte sind wieder im Kommen.«
»Wenn du das sagst.«, sagte Devon und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Walker verschränkte die Arme vor der Brust.
»Ich bin Ghost-Agent, ich muss mir sowas doch von einem Gefangenen nicht anhören.«
Ihr gemeinsames Lachen verstummte nach ein paar Sekunden, als ihnen allen der Ernst der Lage wieder bewusst wurde.
»Wie schätzt ihr unsere Chancen ein?«, Die Sorge hatte sich einen Weg zurück in Walkers Gesicht gebahnt. »Ich nehme an, ihr habt mehr Erfahrung mit solchen Blindflügen.«
»Uns bleibt wohl nicht viel anderes übrig als zu improvisieren.«, sagte Devon. »Wir sollten uns Voronoff so schnell wie möglich schnappen. Mit einer Waffe unter der Nase wird er Nor schon rauszurücken.«
»Ist einen Versuch wert.«, stimmte Walker zu. »Aber was haltet ihr überhaupt von der ganzen Sache?«
»Was meinst du?«, fragte Sethi.
»Wenn Terranis wirklich so mächtig und so vorsichtig ist, wieso sperren sie dann einen ihrer ehemaligen Agenten in ein solches Gefängnis?« Walker zuckte mit den Schultern. »Ergibt irgendwie keinen Sinn für mich.«
Devon hatte auch schon darüber nachgedacht. Seine größte Sorge war, dass Phobos sie nur für seine Pläne benutzte und ihnen dabei etwas verschwieg.
»Stimmt. Wenn ich der Verantwortliche wäre, würde ich den Agenten einfach verschwinden lassen, und zwar endgültig.« Sethi sprach Devons Gedanken aus. »Was, wenn er gar kein Terranis-Agent ist und Phobos uns nur verarscht?«
Plötzlich baute sich hinter ihnen ein Hologramm auf. Es war jedoch nicht Phobos, sondern die Frau in dem weißen Kleid.
»Ich kann euch versichern, mein Meister hat kein Interesse daran, euch zu hintergehen.«, sagte sie mit einer mechanischen Maschinenstimme, die nur einen schwachen Unterton Menschlichkeit besaß. Es war ein Echo von Leben, als wäre sie irgendwann einmal ein Mensch gewesen, hätte das aber vor langer Zeit vergessen. Inzwischen wussten sie alle von Nyx, dass die Frau in Wirklichkeit eine hochentwickelte künstliche Intelligenz war, die auf den Namen Ree hörte. »Es ist die Wahrheit, der Mann, der sich dort in Gefangenschaft befindet, ist ein Agent von Terranis.«
»Und wieso sollten wir einem Stück Software wie dir glauben?«, Walker musterte das Hologramm mit einem verächtlichen Blick. »Wo du doch von ihm programmiert wurdest.«
»Ich bin ein mich autonom weiterentwickelndes System, das unabhängig von meinem Meister agiert.«, entgegnete sie. »Meine Schlussfolgerungen basieren auf Fakten. Anhand der Daten, die mir in diesem Fall zur Verfügung stehen, konnte ich eine dreiundsiebzigprozentige Wahrscheinlichkeit errechnen, dass es sich bei der Person in dem Gefängnis um einen Terranis-Agenten handelt.«
»Dreiundsiebzig Prozent Wahrscheinlichkeit?«, brummte Walker und verzog missmutig das Gesicht. Er schnippte seinen Zigarettenstummel durch das Hologramm. Ree reagierte nicht darauf. »Tollen Meister hast du da. Schickt uns anhand von Vermutungen in diese verfluchte Eiswüste, wo wir uns in einem Gefängnis für den Rest unseres Lebens den Arsch abfrieren werden, sollten wir auffliegen.«
Selbst Sethi konnte sich ein missbilligendes Lachen nicht verkneifen. Devon sah an Ree vorbei zu Nyx hinüber. Sie war komplett vertieft in die Systeme des Gleiters und schenkte dem Hologramm keine Beachtung.
»Wieso überrascht es mich nicht, dass du hier bist?«, fragte Walker.
»Ich habe keine Antwort auf diese Frage.«, antwortete Ree.
»Also beobachtet dein … Meister uns.«, sagte Devon.
»Nein, er ist derzeitig damit beschäftigt, die Datenbanken des Rats zu hacken. Er hat eine Einheit von mir in die Systeme des Gleiters geladen, um euch zu unterstützen, solltet ihr Hilfe benötigen oder weitere Fragen haben.«
»Klar doch, du bist nur zu unserer Unterstützung hier. Wie nett von deinem Meister.« Walker stieß ein trockenes, rauchiges Lachen aus. »Und ich dachte schon, du wärst hier, um uns auszuspionieren.«
»Das ist nicht Teil meiner Aufgabe.«
»Hört ihr das?«, fragte Walker, schenkte seinen beiden Kameraden einen kurzen Seitenblick und widmete sich erneut dem Hologramm. »Wir wissen, wieso du wirklich hier bist, also spar dir die Ausflüchte. Schließlich ist Vertrauen gut, aber Kontrolle noch besser, nicht wahr?«
»Vertrauen ist ein brüchiges Gebilde zwischen menschlichen Wesen, das darauf basiert, dass die involvierten Personen annehmen, der jeweils andere würde nichts zum eigenen Schaden unternehmen. Diese Annahme beruht zumeist auf Vertrauensgrundlagen wie langjähriger Freundschaft, gegenseitigen Vorteilen oder ähnlichen menschlichen Verhaltensweisen, deren Zuverlässigkeit äußerst fraglich ist.«
»Nette Definition.« Walker verdrehte die Augen. »Dann kennst du bestimmt auch die Definitionen von Kontrolle und Überwachung.«
Die KI sah Walker an. Ihr holografischer Körper war wunderschön, aber gleichzeitig so kalt und unnahbar wie eine Marmorstatue. »Mein Meister benötigt eure Hilfe, ihr habt sie ihm verwehrt und ihn durch eure Jagd in Gefahr gebracht. Um sich selbst zu schützen, muss er Kontrolle ausüben.«
»So kann man das auch sehen.«, stöhnte Sethi.
»Ich kann nicht verstehen, wieso ihr gegen ihn kämpft, wenn ihr doch dasselbe Ziel verfolgt wie er.«
Walker machte eine wegwerfende Geste. »Womöglich liegt dein Mangel an Verständnis daran, dass du ein verfluchtes Stück Software bist, das da irgendwo in den Speichern der Lasarew steckt.«
»Die Annahme, ich wäre nicht fähig zu verstehen, nur weil ich ein Programm bin, ist falsch, Detective Walker. Es fällt mir nur bisweilen schwer, menschliche Verhaltensweisen zu durchschauen, da sie oft nicht den Regeln der Logik folgen.«
»Menschen handeln nicht oft logisch.« Devon sah Ree in die Augen. »Wenn ihr mich entschuldigt, ich habe genug von Gesprächen mit Programmen und verrückten Computerfreaks.« Er legte sich wieder auf das Lager und starrte zur metallenen Decke hinauf. »Wir sollten alle die Zeit nutzen und uns etwas ausruhen. Es wartet eine schwierige Mission auf uns.«
»Ihr müsst so effizient wie möglich sein, ich werde euch nicht weiter aufhalten.«
Mit diesen Worten meldete sich die KI ab und verschwand. Walker starrte noch eine Weile auf die Stelle, an der Ree gerade noch gestanden hatte. Er sah erst Sethi dann Devon in die Augen und machte einen grimmigen Gesichtsausdruck, der stellvertretend für das stand, was sie alle empfanden. Er klopfte gegen die Wand. Ein metallisches Geräusch hallte durch den hinteren Bereich des Gleiters.
»Ich werde erst einmal meine neue Persönlichkeit kennen lernen.«, erklärte Walker und zog sich zu den Computersystemen in der Nähe von Nyx zurück.
»Ist gut, wir wechseln uns ab.«, sagte Devon und wandte den Kopf zur Seite, um Sethi anzusehen. Sie erwiderte seinen Blick.
»Was macht der Arm?«, fragte sie.
Devon bewegte ihn ein paar Mal testweise. Die Schussverletzung heilte dank ihrer Behandlung schnell.
»Noch ein bisschen steif, aber es sollte gehen.«
Sethi lächelte und legte sich dann auf das zweite Lager.

»Ich hab’s!«
Nyx’ Siegesruf ließ die anderen aufhorchen. Devon, der im hinteren Bereich Liegestütze machte und damit seinen verletzten Arm auf die Probe stellte, erhob sich und kam zu Nyx. Sethi und Walker standen bereits hinter ihr und starrten auf die Monitore.
Walker stützte sich auf die Rückenlehne ihres Stuhls. »Was hast du?«
Nyx machte ein freches Gesicht. Demonstrativ langsam drückte sie eine Taste. Das Licht im Gleiter flackerte kurz auf, dann zeichneten sich die Konturen von Ree an ihrer Seite scharf.
»Was hast du getan?«, fragte die KI.
Nyx drehte sich mit dem Stuhl in ihre Richtung. Alle Augen waren jetzt auf Ree gerichtet, deren Projektion zu flimmern begann.
Nyx schnippte mit den Fingern. »Ich entferne dich gerade aus dem System.«
Ree stand nur da, während sich ihre engelsgleiche Gestalt in Luft aufzulösen begann. Das Hologramm zuckte immer stärker, Fehler bildeten sich im digitalen Abbild der Frau.
Nyx überprüfte noch einmal kurz den Monitor. Ihre Finger glitten mit der schlafwandlerischen Sicherheit einer blinden Pianistin über die Tasten.
»Wehr dich nicht, du bist so gut wie gelöscht.«, sagte sie und wandte sich wieder Ree zu.
»Wie hast du das gemacht?«, fragte die KI und ihre Stimme verriet nichts von dem, was in ihrer Programmierung vor sich ging. Keine Anzeichen von Enttäuschung oder Wut waren zu hören.
»Ich konnte endlich deinen Code knacken und dich dann isolieren.«, Nyx verschränkte die Arme hinter dem Kopf und grinste selbstgerecht. »Tja, das ist der Nachteil, wenn man ein Programm ist, man kann einfach gelöscht werden.«
Und dann verschwand Rees Projektion endgültig. Es wurde übergangslos still. Nur das Säuseln der Triebwerke und Motoren drang durch die Zelle des Gleiters. Sethi, Walker und Devon sahen Nyx gleichzeitig an.
»Wie ich das gemacht habe?«, stellte sie die Frage stellvertretend für die anderen.
»Du hast sie gelöscht?«, fragte Devon überrascht. »Einfach so?«
»Einfach war es jedenfalls nicht.«, antwortete Nyx und versuchte ihren Stolz über die Tat gar nicht erst zu verbergen.
»Aber wie?«, wollte Walker wissen. »Ich dachte …«
»Phobos sei ein solches Genie?«, vollendete Nyx den Satz mit einer Prise Abscheu in ihrer Stimme. »Ich habe auch so einiges auf dem Kasten. Meine ganze Kindheit habe ich nichts anderes getan, als mich mit Computersystemen und Geräten zu beschäftigen. Ich kenne jeden Code, jedes Programm. Ich könnte sofort die Server des Rats hacken, wenn ich wollte.«
»Hey, Nyx.« Devon legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Wir wissen, dass du gut bist. Aber Phobos war uns bisher immer einen Schritt voraus.«
»Jetzt nicht mehr.«, sagte sie trotzig. »Ich wollte euch zeigen, dass ich hundertprozentig auf eurer Seite bin.«
»Wissen wir doch längst, Kleine.« Walker lächelte diesmal ganz ohne Spott. »Gut gemacht.«
Auch Sethi nickte ihr aufmunternd zu. Nyx schien erleichtert zu sein und lächelte ihrerseits. Dann wandte sie sich den Monitoren zu.
»Ich habe mir in den letzten zehn Stunden den Code der KI noch einmal genau angesehen. Inzwischen habe ich ein wenig Erfahrung damit.«, erklärte sie. »Ich will nicht behaupten, dass ich alles verstehe, aber ich bin der Sache auf jeden Fall näher gekommen. Und so konnte ich Ree aus dem System werfen. Sie wird uns nicht mehr beobachten.«
Walker richtete sich ganz auf und wedelte mit den Fäusten. »Hörst du das, du kleiner Pisser, dein Programm hat uns nicht länger in der Hand.« Er senkte die Fäuste wieder, wartete eine Weile und zuckte dann mit der Schulter. »Hat wohl funktioniert.«
»Und was jetzt, ändern wir den Plan?«, wollte Sethi wissen.
Devon schüttelte den Kopf. »Nein, wir müssen das durchziehen. Es ändert nichts an unserer Situation. Wir können nun aber frei agieren und reden.«
»Was schlägst du vor?«
»Wir werden diesen Nor aus dem Gefängnis rausholen.«, sagte Devon entschlossen. »Wenn er wirklich etwas weiß, ist er für uns genauso wertvoll wie für Phobos. Außerdem hat Phobos eine Sache nicht bedacht.«
»Und die wäre?«, fragte Nyx.
»Wenn wir Nor haben, er aber keine KI mehr, die ihn mit Informationen versorgt, muss er mit uns verhandeln.«
»Er wird uns wieder drohen.«, gab Sethi zu bedenken.
»Dann soll er es tun.«, sagte Devon hart. »Wenn er es wagt, etwas Dummes zu tun, wird er Nor niemals in die Finger bekommen. Wenn der Kerl ihm wirklich so wichtig ist, wird er sich hüten, uns noch einmal zu verarschen.«
Walker nickte und kratzte sich am Unterkiefer. »Das könnte klappen. Ohne seine KI, die jeden unserer Schritte verfolgt, hat er keine Überwachungsmöglichkeiten. Phobos ist ein Kontrollfreak. Er ist es gewohnt, immer alles unter Kontrolle zu haben. Wenn wir ihm die wegnehmen, wird er bestimmt nervös.«
»Dafür müssen wir aber erst einmal die Zielperson aus der Gefangenschaft befreien.«, warf Sethi ein.
»Können wir das überhaupt schaffen?«, fragte Nyx und ihren Augen war abzulesen, dass sie niemand war, der sich gerne in Gefahr begab, zumindest nicht in der realen Welt. »Wir wissen doch gar nicht, was uns dort erwartet.«
Walker präsentierte zwei Reihen weißer Zähne. »Das machen wir doch mit links.«
Doch Nyx wirkte nicht beruhigt. Sie trug ihre Angst vor dem Kommenden offen zur Schau. Devon konnte es ihr nicht verübeln. Egal wie oft er in einen Einsatz ging, es war immer schwierig und auch er hatte jedes Mal davor ein unangenehmes Gefühl.
»Ich weiß nicht, ob ich das hinkriege.«, gestand sie beschämt.
Devon sah ihr tief in die Augen, als wollte er ihrem unsicheren Blick damit Halt geben.
»Vertrau uns, gemeinsam kriegen wir das hin.«, versprach er. »Du musst dir keine Sorgen machen. Inzwischen weißt du, was wir schon alles überstanden haben. Anila und ich haben uns damals alleine durch ein Schlachtfeld gekämpft, sind in ein von Rebellen besetztes Gebäude reinmarschiert, haben die Ratsvorsitzende Collins befreit und sind dann einfach abgehauen und das alles direkt vor der Nase des unbezwingbaren Crow.«
»Wenn du das sagst, klingt es so einfach.«, sagte Nyx. »Ihr könnt alle kämpfen, ich aber nicht.«
Devon schüttelte den Kopf. »Einfach war es zu keiner Sekunde. Wir haben es nur geschafft, weil wir zusammengehalten und einen kühlen Kopf bewahrt haben. Jeder hat eine Aufgabe, die nur er erfüllen kann. Deine ist das Computersystem in dem Gefängnis. Das Kämpfen und Reden lass alleine unser Problem sein.«
»Devon hat Recht.«, sagte Sethi. »Das einzige Sorgenkind hier ist Garreth. Der vermasselt die Dinge gerne, wenn er nicht gerade von jemandem in den Standby-Modus geschickt wird.«
Walker stieß Sethi locker an, was genügte, um sie beinahe umzuwerfen. »Hör nicht auf die.« Er blinzelte Nyx an. »Ich bin der unsterbliche Deathwalker, schon vergessen?«
Damit entlockte er ihren verunsicherten Zügen ein schwaches Lächeln.
»Halte dich einfach an uns, bleib im Hintergrund und wir kriegen das hin.«, sagte Devon und seine Stimme wurde etwas ernster. »Denn ohne dich klappt es nicht. Das Gefängnissystem ist dein Schlachtfeld und niemand von uns kämpft dort wie du.«
Devon erkannte, dass sie zu ihr durchgedrungen waren, auch wenn sich die Angst nicht so leicht vertreiben ließ. Nyx schien neues Selbstvertrauen getankt zu haben.
Sie atmete tief durch und nickte dann. »Okay.«
»Gut.« Devon klatschte in die Hände. »Dann bereiten wir alles vor. In zwei Stunden landen wir. Und vergesst nicht, es wird kalt.«

Der gesamte Terranis-Zyklus

Incubatio

Band 1

380 Seiten

Dezember 2016

Expansum

Band 2

390 Seiten

Juli 2017

Mutatio

Band 3

367 Seiten

April 2018

Metamorphosis

Band 4

392 Seiten

Februar 2019

Homo Novus

Band 5

~374 Seiten

Herbst/Winter 2019

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