Incubatio

Band 1 des Terranis-Zyklus

Sci-Fi – Cyberpunk – Roman
Veröffentlichung: 25.12.2016
380 Seiten, Taschenbuch/ebook
KDP-ISBN: 978-1523687763

Coverdesign: Vincentius Matthew Djaya
Logodesign: Johannes Fischer

2082: Überfüllte Megacitys, allmächtige Konzerne, Cyberprothesen, genetische Optimierungen und virtuelle Realitäten.

In dieser Zeit gewaltigen technischen Fortschritts aber auch extremer sozialer Ungleichheit, bekämpft Major Devon Reeves einen Aufstand in Johannesburg und die immer wiederkehrenden Dämonen seiner Vergangenheit. Als er in London ein Attentat auf den Weltrat verhindert, wird er gemeinsam mit dem exzentrischen Detective Walker immer tiefer in den Sog einer globalen Verschwörung gezogen, bis die Grenzen zwischen Freund und Feind allmählich verschwimmen.

In Lower Chicago sucht die junge Hackerin Nyx unterdessen nach der geheimen Forschungseinrichtung, aus der sie als Kind geflohen ist. Mit Hilfe eines experimentellen Gehirnimplantats macht sie in der digitalen Welt Jagd auf die Verantwortlichen. Ihre Suche bleibt jedoch nicht lange unbemerkt …

Leseprobe

1 – Jenseits des Lebens

Kurz vor Johannesburg – Südafrika

 

Major Devon Reeves hasste Afrika. Nicht wegen des Ödlands, zu dem es verkommen war oder gar wegen seiner Menschen. Er hasste es weder für seinen Sand, der in jede noch so kleine Ritze kroch und ganze Städte unter sich begrub, noch für seine gleißende Hitze, die den gesamten Kontinent ausdörrte wie Feuerregen.
Er hasste Afrika für seinen größten Fehler.
Die Hitze schien die aufwändig um sein Gedächtnis errichtete Barriere allmählich zu schmelzen. Der Prozess hatte in dem Augenblick eingesetzt, als seine Stiefel den sandigen Boden des Kontinents berührt hatten. Jetzt, hunderte Meter über dem Sand, lösten sich große Bruchstücke aus verdrängten Erinnerungen an eine Zeit, als er noch kein Soldat unter dem Banner des Ratsheeres gewesen war, sondern bezahlter Söldner des privaten Sicherheitskonzerns Blackhammer.
Seit einem Monat war er wieder in der Gluthölle Afrika stationiert. Nur widerwillig war er auf diesen trostlosen Kontinent zurückgekehrt, in dem selbst der letzte Tropfen Hoffnung in der Hitze verdampft zu sein schien.
Wellen aus heißem Sand zogen unaufhaltsam über die endlosen Weiten und begruben alles auf ihrem Weg, nichts und niemand war vor ihnen sicher. Kolonnen verzweifelter Menschen versuchten, dem alles durchdringenden Sand und der Dürre zu entrinnen. Sie suchten nach Wasser oder Zuflucht in einer der großen Städte. Devon sah sie unter sich, dunkle Punkte inmitten einer goldenen Hölle. Viele von ihnen würden auf ihrem Weg umkommen, sie würden verdursten oder einfach vor Erschöpfung tot umfallen.
Der Anblick war derselbe wie vor dreizehn Jahren. Nichts hatte sich verändert außer der Uniform, in der er steckte. Hochauflösende Erinnerungen aus seiner Vergangenheit begannen seinen Blick zu überlagern, Bilder aus seinem Inneren verschmolzen mit der Realität. Jede noch so verschwommene Kontur dieser Gedächtnisbilder wurde durch das sengende Licht auf schmerzliche Weise scharf gezeichnet. Details, die er unter vielen Schichten aus Vergessen begraben geglaubt hatte, drangen wie Schweiß aus den Poren seines Gewissens.
Wie damals sah er die verzerrten Gesichter der Unschuldigen, die nicht der Wüste zum Opfer gefallen waren, sondern Gier, Feigheit und blindem Gehorsam. Mit den Erinnerungen kehrte auch die alte Schuld zurück. Er musste seine gesamte Willenskraft aufbieten, um die Barriere über diesem Teil seiner Vergangenheit neu zu errichten.
Er deaktivierte die Direktverbindung mit den Außenkameras des Kampfgleiters. Die Wüste verschwand vor seinen Augen und einen Sekundenbruchteil später befand er sich wieder in der engen, klimatisierten Kabine ihres Transporters.
Einen Augenblick lang hielt er inne und lauschte dem leisen Surren der Triebwerke. Er kühlte seinen Blick an der bläulichen Innenausstattung des Gleiters. Die toten Gesichter verblassten vor seinen Augen als hätte es sie niemals gegeben. Sie gehörten der Vergangenheit an und dort sollten sie auch bleiben. Jetzt hatte er das Kommando über eine gefährliche Rettungsaktion. Er durfte sich nicht ablenken lassen, musste weitermachen und die Mission erfüllen. Das alleine zählte. Niemand konnte die Vergangenheit verändern. Also verdrängte er die Erinnerungen wie üblich und konzentrierte sich auf das Kommende.
Die verfügbaren Informationen waren spärlich, das Zeitfenster äußerst knapp bemessen. Devon wusste nicht genau, was ihn und sein Team erwarten würde und diese Tatsache bereitete ihm Kopfzerbrechen. Es gab keinen Platz für Ablenkungen.
»Ankunft in zehn Minuten.«
Die Stimme des Piloten riss den Major endgültig aus seinem düsteren Grübeln. Er sah von seinen Stiefeln auf. Er blickte in das breite Gesicht von Corporal Morales, der ihm gegenüber saß und ihn neugierig beobachtete. Obwohl Devon groß und durch intensives Training kräftig gebaut war, wirkte er neben dem riesigen Mexikaner zwergenhaft.
Noch vor seiner Geburt hatte man Morales genetisch optimiert, damit er eine solche Körperstatur entwickeln konnte. Er war das Produkt der Wünsche seiner Eltern und einer Umgebung, in der körperliche Stärke von Vorteil war.
Das bullige Gesicht des Corporals lächelte. »Alles in Ordnung Major?«, fragte er, als ob er die Gedanken von Devon gelesen hätte. »Sie haben wieder diesen Blick.«
»Nur alte Erinnerungen.«
Er wollte die anderen seine Sorgen nicht spüren lassen und begann deshalb mit der finalen Überprüfung seiner Ausrüstung.
»Letzter Ausrüstungscheck.«
Ein präziser Gedanke aktivierte das neurale Interface seiner Implantate. Er spürte das feine Kribbeln im Kopf, als sich die einzelnen Module einschalteten, ein intensiver Datenaustausch mit seinen künstlichen Augen und dem ebenfalls künstlichen Gehör setzte ein. Das Blickfeld von Devon erweiterte und schärfte sich innerhalb eines Lidschlags so weit, dass er die Augen nicht länger bewegen musste, um Details am Rande seines Sichtfelds zu erkennen. Sein Neuroimplantat platzierte farbige Symbole und verschiedene Anzeigen in sein erweitertes Sichtfeld. Seine Vitalwerte und die seiner Kameraden leuchteten als Diagramme und Zahlenwerte auf. Es folgten der Zustand seiner Implantate und der Munitionsvorrat seines Wolve G2 Sturmgewehrs sowie seiner Wolve P1 Pistole. Obwohl diese High-Tech Prothesen schon seit Jahren Teil von Devon waren, fühlten sie sich immer noch fremd an.
Als alle Systeme voll einsatzbereit waren, tasteten seine Finger noch prüfend die einzelnen Ausrüstungstaschen ab. Anschließend blickte er auf und beobachtete, wie seine drei Kameraden denselben Standardablauf durchmachten.
Sergeant Lev Sayar, der israelische Scharfschütze, überprüfte eben sein beinahe mannshohes Gewehr. Da er unmittelbar neben Morales saß, wirkte er hagerer als er war. Doch was dem Mann an körperlicher Kraft fehlte, machte er mit tödlicher Präzision wieder wett. Wie üblich kaute er auf einem Zahnstocher herum. Als er den Blick von Devon auf sich spürte, sah er ihn aus zwei eisgrauen, leblos wirkenden Augenimplantaten an.
»Einsatzbereit, Major.«
Morales hielt nur seinen rechten Daumen hoch, was Devon mit einem Nicken zur Kenntnis nahm, ehe er sich zur Seite wandte. Ein kühler Blick empfing ihn, als er Anila Sethi ansah.
»Check abgeschlossen.«, sagte sie selbstsicher und lehnte sich zurück.
Die indischen Soldatin diente noch nicht lange unter seinem Kommando. Dennoch war sie eine seiner besten Soldaten. Devon betrachtete die Frau eine Weile von der Seite. Im matten Schein der Kabinenbeleuchtung hatte ihre hellbraune Haut einen bronzenen Farbton angenommen. Das schöne, symmetrische Gesicht mit den großen, dunklen Augen und den vollen Lippen wollte einfach nicht zum üblichen Bild einer Soldatin passen. Sie hätte Model oder ein Framestar werden können, doch sie war hier und kämpfte an ihrer Seite. Manchmal glaubte Devon, sie schämte sich für ihre Schönheit und wollte sie hinter ihrem stets strengen und abweisenden Blick verbergen. Sie war ein Rätsel, das er noch nicht entschlüsselt hatte.
Er wandte sich wieder ab.
»Ihr wisst, was uns erwartet.«, begann Devon und aktivierte einen dreidimensionalen Plan von Johannesburg, der als leuchtendes Hologramm zwischen ihnen erschien.
»Das Ariabuilding im Zentrum von Johannesburg ist unser Ziel.«, sagte er und fokussierte die Projektion auf ein einzelnes Bauwerk.
»Wir landen zusammen mit dem Transporter auf dem Dach und holen Ratsvorsitzende Sarah Colley gemeinsam mit den Politikern der Afrikanischen Union aus dem Gebäude. Danach verschwinden wir sofort. Möglichst kein Feindkontakt.«
Devon sah aus den Augenwinkeln, wie sich das Gesicht von Morales zu einer Grimasse verzog.
»Wir sollten jetzt da unten bei unseren Truppen sein und nicht irgendwelchen Politikern die Ärsche retten.«
»Wir haben unsere Befehle.«, sagte Devon und sein Blick alleine genügte, um den Corporal verstummen zu lassen.
Sie alle ahnten, dass Johannesburg bereits an die Aufständischen verloren war. Da der Kontakt abgerissen war, konnte niemand sagen, wie es wirklich um die eigenen Truppen stand. Aber alles sprach dafür, dass sie die Stadt verloren.
Im Sichtfeld von Devon war ein Countdown eingeblendet. Noch sechs Minuten bis zum Ziel. Der Flug wurde allmählich holpriger. Die Geräusche der Triebwerke drangen jetzt lautstark ins Innere des Gleiters vor.
»Wir nähern uns dem Sandsturm.«, bemerkte der Pilot.
Devon hörte die Stimme durch das Commmodul seiner Implantate so deutlich, als stünde der Mann unmittelbar neben ihm.
»Und vergesst nicht,«, begann er erneut, »wir gehen da blind rein. Ich erwarte volle Konzentration. Bleibt zusammen, keine Heldentaten. Ich will heute niemanden verlieren.«
Mehr gab es nicht zu sagen, jeder kannte die Missionsparameter. Devon war kein Mann der großen Worte oder langen Ansprachen. Alle unter seinem Kommando wussten, dass sie sich auf ihn und seine Befehle verlassen konnten. Sie vertrauten ihm und er vertraute ihnen, nur das zählte. Jeder, der unter ihm diente, wusste, dass er alles für seine Soldaten gab, doch im Gegenzug erwartete er Disziplin, hartes Training und Willenskraft. Wer damit nicht klar kam, musste sich einen anderen Trupp suchen.
Das Surren der Triebwerke intensivierte sich zunehmend. Obwohl der Gleiter extra für Sandstürme umgebaut worden war, war das Fliegen unter solchen Umständen äußerst gefährlich. Mangelnde Sicht und der Sand erschwerten trotz modernster Technik das Manövrieren. Außerdem litten die Aggregate unter den feinen Sandkörnern. Sie mussten den Auftrag also möglichst schnell zu Ende bringen.
Erneut legte sich Schweigen über das Team. Devon sah die gesenkten Häupter seiner Kameraden und konnte die allgemeine Anspannung beinahe greifen. Auch ihn beschlich bei dieser Mission ein unangenehmes Gefühl. Wenn alles gut ging, würden sie die Rettungsaktion blitzschnell durchführen und wieder verschwinden. Hatten sie hingegen weniger Glück, landeten Sie inmitten eines Hornissennests.
»Fünf Minuten bis zum …«, meldete der Pilot und unterbrach sich mitten im Satz. Dann fügte er überrascht hinzu. »Was ist …«
Eine Detonation erschütterte den Gleiter, ehe er den letzten Satz vollenden konnte. Devon wurde gegen seinen Sitz gepresst, als das Fluggerät einen Satz nach vorne machte.
»Was war das?«, rief Sayar, der seinen Zahnstocher verloren hatte.
Die Antwort folgte in Form eines waghalsigen Ausweichmanövers, das den vier Soldaten die Luft aus den Lungen presste.
»Zwei unbekannte Angreifer. Haben den Transporter verloren.«
Die Stimme des Piloten überschlug sich im Kopf von Devon. Der Transporter war verloren? Wie konnte das sein?
Die Beleuchtung im Inneren des Gleiters schaltete von einem neutralen Weiß auf ein unheilvolles Rot. Ehe Devon nachhaken konnte, vollführte der Pilot bereits ein weiteres, brutales Ausweichmanöver, das die Maschinen zum Kreischen brachte. Als die enormen Kräfte wieder von ihnen abgelassen hatten, klinkte sich Devon mithilfe des Neuroimplantats in die Außenkameras des Gleiters ein.
Zuerst sah er nur eine goldgelbe Sandschicht, da sie sich längst inmitten des Sandsturms befanden. Er wendete einige Filter an, um das Bild zu schärfen, und erkannte dann unter ihnen die niedrigen Bauten der Slums, die sich gleich Schachteln eng aneinanderreihten. Mehr als Konturen konnte er jedoch kaum erkennen. Sie waren auf dem Weg ins Zentrum, wo die Gebäude ständig höher wuchsen.
Es dauerte ein paar Sekunden bis Devon zwei schlanke, schwarze Gleiter inmitten des Sturms ausmachte, die mit enormem Tempo hinter ihnen herjagten. Der Pilot erwiderte unterdessen das Feuer aus den Heckgeschützen. Das Rattern der Gewehrsalven erfüllte den gesamten Innenraum des Fluggeräts.
»Sind es die Rebellen?«, fragte Morales, während er sein Gesicht im Kampf gegen die extremen Fliehkräfte zu einer angestrengten Grimasse verzog.
»Unmöglich.«, sagte Sethi. »Die können doch niemals an …«
Eine Salve traf den Gleiter und schnitt ihr den Satz ab.
Dumpfes Klirren war zu hören, als die Kugeln in die gepanzerte Außenhülle einschlugen. Doch noch hielt die Panzerung den Angriffen stand.
»Helme!«, befahl Devon und dachte an ein vorprogrammiertes Codewort. Sofort klappte der Helm aus dem Nackenbereich des Kampfanzugs und stülpte sich über seinen Kopf. Die optischen und akustischen Sensoren des Helms verbanden sich mit seinen High-Tech-Sinnesorganen und ermöglichten Devon so Hören und Sehen.
Kaum waren alle seinem Beispiel gefolgt, erbebte der Gleiter ein weiteres Mal. Devon und sein Team wurden hart gegen die Gurte gepresst, als das Fluggerät seitlich absackte.
»Triebwerk zwei getroffen.«, meldete der Pilot. »Festhalten!«
Das folgende Manöver ließ die überanstrengten Triebwerke aufkreischen. Devon hatte das Gefühl, jemand würde seine Organe neu arrangieren. Er biss die Zähne zusammen und spannte die Muskeln an. Es folgte ein lauter Knall von außerhalb des Gleiters.
»Einer weniger!«, verkündete der Pilot euphorisch.
Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, erschütterte die nächste Explosion den Gleiter. Ein direkter Treffer.
Devon verfolgte mit erschreckender Klarheit, wie die Detonation ein breites Loch in die Außenwand riss und den mächtigen Morales einfach zerfetzte. Von einem Augenblick auf den anderen existierte der kräftige Soldat nicht mehr. Devon benötigte eine Sekunde, bevor die Tatsache bis zu seinem Verstand vorgedrungen war und er wieder einigermaßen klar denken konnte.
Der Sitz des Scharfschützen war durch den Angriff beschädigt worden und hielt ihn nicht mehr richtig in seinem Griff. Verzweifelt klammerte sich Sayar mit seinen Händen fest.
»Nicht loslassen, Sergeant!«, rief Devon.
Er wollte sich gerade aus seinem eigenen Sitz befreien, um dem Scharfschützen zu helfen, als auch die letzten Halterungen rissen. Sergeant Sayar wurde mit seinem Sitz nach draußen gesaugt, gefolgt von einem schrillen Schreckensschrei. Im nächsten Augenblick hatte das Goldgelb des Sturms ihn verschluckt.
Devon spürte, wie sich der Sitz fester um ihn schlang. Noch immer starrte er auf das klaffende Loch in der Seitenwand des Gleiters, durch das Morales und Sayar verschwunden waren. Sand wirbelte in das Innere. Die Warnleuchten tauchten alles in rotes Licht.
»Triebwerk vier getroffen!«
Die Stimme des Piloten war panisch. Seine Professionalität war auf das Niveau des Selbsterhaltungstriebs herabgesunken. Er versuchte verzweifelt, den Verfolger abzuhängen, doch der Gleiter war bereits schwer beschädigt.
»Ich kann den Vogel nicht mehr lange oben halten. Ihr müsst sofort raus!«
Devon reagierte auf der Stelle und löste die Gurte an seinem Sitz.
»Lieutenant, Notausstieg!«, befahl er der indischen Soldatin.
Er packte die Haltestange an der Decke mit beiden Händen und kämpfte gegen die Kräfte an, die ihn aus dem Gleiter zu zerren drohten. Sand wirbelte in die Kabine und peitschte gegen die Außenkameras des Helms. Sethi stand inzwischen vor ihm und klammerte sich ebenfalls an die Stange. Von der Decke lösten sich vier Notausstiegsysteme, die wie Gewehre ohne Läufe aussahen.
Devon zuckte zusammen, als panzerbrechende Munition hinter ihm faustgroße Löcher in die Außenhülle stanzte.
»Raus, sofort!«, gellte die Stimme des Piloten.
Unter ihnen öffnete sich der Bauch des Gleiters und es flutete noch mehr Sand in das Innere. Devon konnte vage die Straßen von Johannesburg erkennen. Sie flogen also bereits ziemlich tief.
»Absprung!«, rief er und ließ sich eine Sekunde nach Sethi fallen.
Devon glaubte, sein Körper würde zerrissen, als er sprang. Irgendwo über ihm donnerte der feindliche Gleiter hinweg. Dann hörte er nur noch das Rauschen und Knistern der Urgewalten, die die Außenmikrofone seines Helms übertrugen. Er spürte die Leichtigkeit des Falls und seinen eigenen Herzschlag, der das Adrenalin durch seine Venen trieb. Devon konzentrierte sich auf die Anzeigen vor seinen Augen, die ihm die Distanz zum Boden anzeigten. Der Sturz dauerte nur wenige Sekunden, ehe er das Notlandesystem nach unten richtete und den Abzug betätigte. Rasend schnell kam die Straße näher und er schloss in Erwartung des tödlichen Aufpralls instinktiv seine Augen.

Lower Chicago – USA

 

Nyx machte es sich auf ihrem schmalen Bett mit den schmutzigen Laken bequem, die Zonebox an ihrer Seite. Ein Kabel führte von der Buchse hinter ihrem rechten Ohr zur Box und verband sie so mit dem Gerät.
Sie atmete noch einmal die abgestandene Luft ihrer Wohnung ein, ehe sie mit einem präzisen Gedanken das zuvor codierte Programm startete und die Box über ihr Neuroimplantat aktivierte. Ein leichtes Ziehen ging durch ihre Nervenenden, als das Gerät ihr Gehirn auf den kommenden Dive vorbereitete.
Wenige Sekunden später verblasste die Welt um Nyx herum. Die Box schälte ihren Verstand aus dem ruhenden Körper und beförderte ihn in einen materielosen Zwischenraum, in dem sie ohne körperliche Empfindungen war. Für einen Moment schien nur der reine Extrakt ihres Geists zu existieren, losgelöst von allen Wahrnehmungen und den physischen Grenzen der Stofflichkeit. Dieses unbeschreibliche Gefühl hielt jedoch nur kurz an, dann leitete die Box den Dive in die Zone ein.
Der Übergang war wie immer von einem heftigen Ansturm frischer Sinneseindrücke begleitet. Aber schon nach ein paar Sekunden waren die unangenehmen Nebenwirkungen verflogen und Nyx öffnete die Augen. Die Umgebung hatte sich komplett verändert.
Der vertraute Anblick ihrer Wohnung war einem menschenleeren Parkplatz gewichen, auf dem unterschiedliche Fahrzeuge aus allen Epochen der Menschheitsgeschichte parkten. Eine Sammlung der schönsten und exklusivsten Exemplare, von denen viele nur noch in den digitalen Framebibliotheken zu finden waren.
Doch nicht nur die Umgebung hatte sich verändert. Als Nyx den Blick ihren eigenen Körper entlang wandern ließ, war auch er nicht mehr derselbe. Ein scharlachrotes Kleid spannte sich über dem wohlproportionierten Körper und betonte dabei vor allem Brüste und Hüften. Die langen Beine endeten in roten High Heels, die Nyx noch ein Stück größer wirken ließen. Im harten Licht der Laternen schimmerte das Kleid, als würde es aus tausend Schuppen bestehen.
Nyx war jetzt Teil der Zone, einer perfekten, digitalen Simulation. Die Box an der Seite ihres realen Körpers gaukelte ihrem Verstand vor, in der realen Welt zu sein, während ihr Körper leblos auf dem Bett verblieb. Als Übersetzer diente das Schalenimplantat, das ihr Gehirn wie eine zusätzliche Haut umspannte.
Stunden zuvor hatte Nyx diesen Körper aus vielen ausgewählt und ihren Bedürfnissen angepasst.
Langsam folgte sie mit ihren Händen den Kurven ihres digitalen Avatars, um ein Gefühl für die fremde Körperlichkeit zu bekommen. Obwohl sie eine erfahrene Zonerin war, stellte diese jähe körperliche Veränderung immer wieder eine Herausforderung für ihre Sinne und Gefühle dar.
Ein lauwarmer Wind strich über den menschenleeren Parkplatz. Nyx war allein. Die Sonne war schon lange untergegangen und an diesem Ort auch noch nie aufgegangen. Eine Reihe von Straßenlaternen im Stil des neunzehnten Jahrhunderts tauchte die Umgebung in harte Schatten.
Nyx griff in die schwarze Handtasche und nahm eine Puderdose heraus, die sie aufklappte. Sie blickte in die leuchtend blauen Augen einer Fremden. Nichts an der Frau, die sie im Spiegelbild sah, war real. Nichts an ihr hatte Ähnlichkeit mit der wahren Nyx.
Dezentes Make-up betonte das makellose Gesicht. Der leuchtend rote Lippenstift machte die prallen Lippen zu einem attraktiven Blickfang. Wallendes schwarzes Haar rahmte das Gesicht ein. Die meisten Männer fanden diesen Typ Frau äußerst attraktiv, weshalb Nyx den Avatar gewählt und mit zufälligen Algorithmen gefüttert hatte, um ein unverwechselbares Erscheinungsbild zu erschaffen. Ihr selbst waren der Körper, das Gesicht und die Stimme vollkommen egal. Sie empfand keinerlei Neid oder Begeisterung während sie sich selbst einem letzten Check unterzog. Dieser Körper war Mittel zum Zweck wie ein Werkzeug oder eine Waffe, nichts weiter als eine temporäre Hülle in den Weiten des Frame.
Eine Weile zwang sie sich, in die fremden Augen zu sehen. Das übliche Gefühl der Panik wollte nach ihr greifen, doch sie war erfahren genug, dagegen anzukämpfen. Ihr Verstand versuchte die Tatsache zu verarbeiten, dass nicht das erwartete Bild im Spiegel erschien, sondern ein fremdes. Drohend schienen die hellblauen Augen den langen Blick von Nyx zu erwidern, bis sich ihr Herzschlag beruhigt hatte.
Als Nyx mit sich zufrieden war, wandte sie sich dem gewaltigen Herrenhaus zu, das das einzige begehbare Gebäude der Zone war. Der Rest war nur hübsches Beiwerk, das sich schließlich in unsichtbaren Mauern verlief, die gleichzeitig als Ränder der Zone dienten.
Nyx kannte diese Zone gut und nutzte sie gelegentlich für sichere Geschäfte. Der Server stand in einem Land, das es mit Gesetzen nicht allzu genau nahm, und war daher perfekt für geheime Treffen geeignet.
Als sich Nyx dem Eingang näherte, öffneten sich die beiden hölzernen Türflügel wie von Geisterhand.

Johannesburg – Südafrika

 

Devon benötigte einen Moment, ehe sein Verstand akzeptiert hatte, dass er noch am Leben war. Er lag in einer Masse aus Polymerschaum, die ihn wie eine Matratze aufgefangen hatte und sich bereits wieder auflöste. Devon warf das Notlandesystem weg und nahm das Gewehr vom Rücken.
Die Bildwandler seines optischen Implantats versuchten vergeblich, die schemenhafte Umgebung deutlicher zu zeichnen, indem sie die Kontrastwerte laufend anpassten. Doch der dichte Sandsturm verhinderte eine gute Sicht. Die Außenmikrofone übertrugen nur das Brüllen des Sturms und das schneidende Geräusch der aggressiven Sandkörner. Erst als sich die automatischen Filter aktivierten, dämpfte sich die Geräuschkulisse etwas.
Devon hatte sich noch kein Bild von der Situation machen können, als in der Nähe ein Donnerknall den Lärm des Sturms durchbrach und das Ende ihres Gleiters anzeigte.
»Nein.«, entkam es ihm.
Unbarmherzig malten die Implantate den Tod seiner drei Kameraden als blinkende Symbole in sein Sichtfeld. So nahm er kaum wahr, dass Sethi auftauchte.
»Alles in Ordnung, Major?«, fragte sie, das Gewehr im Anschlag.
»Ja.«
»Hier ist die Hölle los.«, stellte sie emotionslos fest.
Devon sah sich um. Die wenigen Meter Sichtfeld bestätigten ihre Einschätzung. Überall rannten vermummte Gestalten herum, stürmten Gebäude oder erschlugen Zivilisten, die keine Fluchtmöglichkeiten mehr hatten.
Devon und Sethi gingen hinter einem abgestellten Wagen mit zerbrochenen Scheiben in Deckung, damit sie nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zogen. Auch wenn sich die Bildwandler in seinen Augenprothesen alle Mühe gaben, die Umgebung erkennbarer darzustellen, war der Sandsturm doch ein großes Hindernis. Devon konnte nur wenige Meter weit sehen, bevor alles hinter einem goldgelben Vorhang verschwand. Schreie durchschnittem immer wieder das gefilterte Tosen des Sturms, doch Devon konnte sie niemandem zuordnen. Es war ein heilloses Durcheinander.
»Was jetzt, Major?«, fragte Sethi.
Devon hörte die Worte der indischen Soldatin wie durch einen Schleier. Morales und Sayar waren tot. Die Besatzung des Transportgleiters war tot. Der Pilot war tot. Nur Sethi und er waren noch übrig. Die Mission war gescheitert und sie befanden sich alleine inmitten eines Kriegsschauplatzes. Ein alter Drang zu fliehen und sich zu verstecken lähmte ihn für einen kurzen Moment.
»Major?«, fragte die Soldatin, als eine Antwort ausblieb.
Devon riss sich vom Bild seiner gefallenen Kameraden los und zwang sich, wieder klar zu denken. Er drängte seine Emotionen mit militärischer Gründlichkeit zurück und wurde wieder zu einem erfahrenen Soldaten und Anführer. Sie waren nach wie vor am Leben und das sollte auch so bleiben.
»Versuchen Sie, die Zentrale zu erreichen.«, befahl Devon und zielte auf eine Gruppe Aufständischer, die auf einen fliehenden Zivilisten einprügelten.
Einen Moment war er geneigt, sie alle zu erschießen, doch dann nahm er den Finger vom Abzug.
»Kein Kontakt, Major.«, sagte Sethi.
Damit hatte Devon bereits gerechnet.
»Störsender?«
»Mehrere Störquellen. Schwer zu orten.«
»Behalten Sie die Umgebung im Auge, ich brauche eine Minute.«
Sethi befolgte den Befehl wie immer ohne ihn zu hinterfragen und ohne sich zu beschweren. Nur wenn sie eine Mission durch einen Befehl in Gefahr glaubte, verschaffte sie sich üblicherweise Gehör.
Devon wusste, dass die Mission gescheitert war, aber eventuell konnten sie ihre Kameraden bei der Verteidigung des Ariabuildings unterstützen und die Zentrale von dort aus kontaktieren. Er studierte den Stadtplan, den seine Implantate ihm in das Sichtfeld projizierten. Sie waren unweit des Zielgebäudes heruntergekommen, nur ein paar Straßen entfernt.
Devon zeichnete einen Weg auf die Karte und markierte anschließend ein Gebäude in der unmittelbaren Nähe des Ariabuildings. Er übermittelte dem Neuroimplantat von Sethi den Plan mit der eingezeichneten Route.
»Wir werden diesen Weg nehmen und möglichst unauffällig zum Zielgebäude vorrücken. Vom gekennzeichneten Gebäude aus beobachten wir die Situation und klären die weitere Vorgehensweise.«
»Ja, Major.«

Der Sandsturm entpuppte sich als Verbündeter. Im Schutz der schlechten Sicht konnten sie größeren Ansammlungen von Aufständischen ausweichen, die plündernd und brandschatzend durch das Zentrum der Stadt zogen.
Als sie das markierte Gebäude erreicht hatten, schalteten sie mit militärischer Präzision einen Trupp von fünf schwer bewaffneten Rebellen aus. Gemeinsam brachten sie die Toten in ein kleines Café mit zersplitterten Scheiben. Der Sturm wehte Sand hinein und bedeckte alles mit einer feinen Goldschicht.
Nachdem sie alle Toten versteckt hatten, wandte sich Devon an Sethi. »Wir müssen davon ausgehen, dass unsere Truppen vollständig aufgerieben worden sind. Wir stehen alleine da.«
»Ich stimme Ihnen zu. Es gibt keine Anzeichen von Gegenwehr.«
Devon spürte eisige Finger über seinen Rücken huschen, als er die kühle Analyse der indischen Soldatin hörte.
»Ihre Einschätzung, Lieutenant!«, befahl Devon.
»Auch wenn sich die Missionsparameter geändert haben, unser Auftrag ist nach wie vor derselbe.«
»Auch wenn die Chancen gleich Null sind?«, fragte Devon, um ihre Reaktion zu beurteilen. Eine Situation wie diese konnte auch die Moral von Elitesoldaten brechen und er musste sich auf seine Kameradin verlassen können, ehe er seine Befehle gab.
Sie antwortete mit überraschend ruhiger Stimme. »Meiner Einschätzung nach werden die Rebellen der Vorsitzenden vorerst nichts anhaben, da sie zu wichtig ist. Es ist unsere Pflicht, alles in unserer Macht Stehende zu unternehmen, um sie zu befreien oder zumindest die Zentrale zu kontaktieren. Für derartige Situationen wurden wir ausgebildet.«
Trotz des Helms fühlte Devon ihren Blick auf sich ruhen. Er fragte sich, was im Kopf dieser Frau vor sich ging. War sie nur äußerst beherrscht oder wirklich so eiskalt?
»Major?«, fragte sie, während sich in seinem Kopf eine Idee formte.
»Lieutenant, welche Kleidergröße haben Sie?«, fragte er.
»Wie bitte?« Das erste Mal schwang Überraschung in ihrer Stimme mit.
Devon zerrte an einem Toten. »Ich habe da eine Idee.«

Ausgerüstet mit Waffen und Kleidern toter Rebellen steuerten Sethi und Devon auf das Ariabuilding zu, über dem immer noch der Sandsturm brüllend tobte.
Vor dem modernen Gebäude hatte sich eine weite Gartenanlage befunden, die durch die Kämpfe komplett zerstört worden war. Jetzt parkten dort kreuz und quer umgebaute Militärfahrzeuge. Ausgebrannte Panzer und Mechs zeugten vom Ende der Ratstruppen. Rund um das Gebäude warteten Rebellen auf neue Befehle. Der Sandsturm schien für sie kaum mehr als eine Wetterkapriole zu sein.
Das Zentrum der Stadt und zugleich Sitz der wenigen Reichen und Schönen war gefallen. Das Ratsheer war geschlagen. In Johannesburg regierten jetzt die Rebellen.
Nach dieser Nacht würde nichts mehr sein wie vorher und niemand konnte daran etwas ändern. Unzählige Leben waren verloren. Nur zwei verkleidete Soldaten bewegten sich langsam auf den Eingang des Ariabuildings zu, in der Hoffnung eine aussichtslose Mission zu Ende zu bringen.
Devon spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte und zwang sich zur Ruhe. Das intensive Training und die vielen Kampfeinsätze hatten ihn im Umgang mit schwierigen Situationen geschult. Die Angst sickerte in kleinen Dosen in sein Bewusstsein, gerade genug, um seine Sinne zu schärfen. Ungehindert passierten Devon und Sethi namenlose Gesichter, hinter Masken und Schutzbrillen geschützt. Mit ihren Verkleidungen waren sie jetzt selbst Rebellen, unauffällig unter ihresgleichen. Hier gab es nirgends ID-Scanner, Detektoren oder Sensoren. Die Menschen waren nur ausgestattet mit Verzweiflung und Kampfesmut. Frauen und Männer, die nichts mehr zu verlieren hatten. Und dennoch waren sie extrem gut bewaffnet. Zu gut für Devons Geschmack.
Unauffällig aber zielstrebig näherten sie sich dem Zielgebäude, bis sie endlich den Eingangsbereich ausmachen konnten. Zu ihrer Erleichterung gingen immer wieder Aufständische ein und aus, Kontrollen schien es keine zu geben.
Devon hob den Kopf und spähte zur Spitze des Gebäudes, die im Goldgelb des Sturms nicht auszumachen war. Für einen Moment glaubte er, etwas Dunkles in der wabernden Masse zu erkennen, einen Gleiter vielleicht.
Ohne Probleme erreichten Sie die Treppen zum Ariabuilding. Rebellen waren gerade dabei, Leichen von getöteten Ratssoldaten wegzubringen. Sie schleiften die Toten wie Müllsäcke hinter sich her und warfen sie dann auf einen ständig wachsenden Haufen. Der Anblick erfüllte Devon mit Zorn. Er musste den Impuls unterdrücken, die Waffe zu ziehen und jeden einzelnen zu erschießen, der sich in der Nähe aufhielt. Doch es war zu spät, er konnte nichts mehr für seine gefallenen Kameraden tun. Der kalt berechnende Verstand des Majors überdeckte den menschlichen Kern seines Bewusstseins und ließ ihn weitergehen. Trotzdem fragte er sich, ob Sethi ähnliche Gefühle verspürte. Er schüttelte den Gedanken ab. Vermutlich überlegte sie nur, wie sie ihre Mission trotz der gegebenen Situation erfolgreich abschließen konnten.
Endlich betraten sie das Ariabuilding. Der Eingangsbereich war verwüstet, die Wände durchlöchert und in Blut getränkt. Devon und Sethi mussten ausweichen, als zwei Männer einen Leichnam nach draußen trugen. Unter den Rebellen schien gute Laune zu herrschen, immerhin hatten sie die Schlacht gewonnen, ihre Ziele erreicht. Für sie war es ein großer Sieg in einem umkämpften, zerrütteten Land, das allmählich von Sand, Ausbeutung und Korruption verschluckt wurde.
Devon deutete zur Aufzugsanlage. Als Techoffizierin konnte es für Sethi kein Problem sein, einen Lift zu kapern. Sie gelangten ohne Schwierigkeiten zu den Fahrstühlen, von denen es sechs gab, und warteten darauf, dass einer herunterkam. Plötzlich tauchte ein Aufständischer neben ihnen auf und redete in seiner Heimatsprache auf sie ein. Sofort aktivierte sich das Übersetzungsmodul in Devons Neuroimplantat und machte seine Worte verständlich.
»Das war vielleicht ein Kampf. Wart ihr bei dem Sturm dabei?«
Der dunkelhäutige Mann sah sie erwartungsvoll an. Ein vom Restadrenalin der Schlacht gezeichnetes Grinsen hing ihm im Gesicht. Devon wandte sich ihm kurz zu und nickte.
»Habt ihr Crow schon gesehen?«, fragte der Rebell. »Er soll sich angeblich im Gebäude aufhalten.«
Devon schüttelte den Kopf.
»Hey, zu welcher Gruppe gehört ihr?«
Devon beobachtete mit steigender Nervosität den Countdown der Stockwerksanzeige, als der Fahrstuhl langsam herunter kam. Als er und Sethi nach einer Weile immer noch nicht antworteten, erlosch das Grinsen des Rebellen. Der Aufzug war noch vier Stockwerke entfernt, als sich sein Gesichtsausdruck in Misstrauen verwandelte.

 

Zone: Das Pain

 

Ein bulliger Mann im schwarzen Anzug erwartete Nyx im Eingangsbereich des Herrenhauses.
»Willkommen im Pain, Madame.«, begrüßte er sie höflich.
»Ich wünsche einen wunderschönen Abend.«, sagte sie und zauberte ein verführerisches Lächeln auf ihre virtuellen Lippen.
Der Türsteher warf einen Blick auf das gläserne Datapad in seiner Hand, auf dem sich ein farbiger Informationsfluss bewegte. Geduldig wartete Nyx die Überprüfung ab.
»Sie sind sauber, viel Vergnügen im Pain.«
»Vielen Dank.«, sagte Nyx und betrat den riesigen Hauptsaal des alten Herrenhauses.
Der rückwärtige Teil bestand aus einer großen, halbkreisförmigen Bühne, auf der sich mehrere menschliche Leiber im ekstatischen Takt der Lust bewegten. Davor saßen unzählige Gäste und verfolgten das Schauspiel.
Aus den Augenwinkeln sah Nyx, wie sich zwei Männer auf der Bühne brutal an einer Frau vergingen. Zu zweit drangen sie mit aller Härte in sie ein, als wäre sie nur ein Stück Fleisch, das sie bearbeiteten. Ihre Schreie waren eine grelle Melange aus Schmerz und Lust. Nyx überflog den bunten Reigen aus Zuschauern, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Von fein gekleideten Avataren über halb nackte Barbaren bis zu engelsgleichen Erscheinungen war alles vertreten. Niemand störte sich am Stil des anderen. In einer Zone war alles erlaubt, was den Regeln des Hosts entsprach, der den Auftritt online gestellt hatte. Und dieser hier war besonders auf Authentizität bedacht, weswegen nur menschliche Avatare erlaubt waren.
Nyx verfolgte leidenschaftslos, wie Blut auf der Bühne floss. Während sich die schwere Hintergrundmusik mit den schmerzgeschwängerten Lustschreien zu einer eigenen Symphonie verband, sorgten einige Gäste untereinander ganz offen für ihre sexuelle Erleichterung.
Schmerz, Lust, Leid und Befriedigung gingen im Pain Hand in Hand. Alle Empfindungen waren auf normale Werte eingestellt. Für die Menschen hinter den virtuellen Avataren war es ein reales Empfinden wie in der wirklichen Welt, nur ohne die Einschränkungen ihrer eigenen Körper.
Als Nyx keine besonderen Auffälligkeiten entdeckte, setzte sie sich an die Bar. Im Hintergrund feierten die Gäste die Zurschaustellung von Gewalt und Sex an. Der Geruch von verschwitzten Leibern und Körperflüssigkeiten vermengte sich mit den Aromen unterschiedlicher Spirituosen. Die dunkle Einrichtung und das gedämpfte Licht gaben dem Pain zusätzlich eine bedrohliche Atmosphäre, obwohl niemand wirklich in Gefahr war.
»Was darf es denn sein?«, fragte der Barmann, dessen Avatar nach dem passenden Klischee geschaffen worden war.
Im Pain waren sogar einfache Rollen wie die des Barmanns durch Menschen besetzt, die sonst oftmals von KI’s übernommen wurden, künstlichen Programmen mit programmierter Intelligenz.
»Den Drink des Hauses.«, sagte Nyx und blickte auf ihre Uhr. In fünf Minuten sollte ihre Kontaktperson eintreffen.
Nyx nahm den Drink dankend entgegen und nippte gedankenverloren am Glas. Wie immer war der Geschmack scharf, richtiggehend schmerzhaft. Die Zeit verstrich langsam, während Gäste kamen und gingen. Ihre Kontaktperson war nicht unter ihnen und Nyx wurde mit jeder Minute nervöser. Sie leerte das fast schwarze Getränk und lenkte sich mit der blutigen Vorstellung auf der Bühne ab, die einen neuen Höhepunkt erreicht hatte. Während ein nackter Mann mit Ketten gefesselt und geknebelt auf dem Rücken lag, leckte eine üppig ausgestattete Frau seinen Penis, als ob sie ein lebensspendendes Elixier aus ihm saugen wollte. Eine zweite Frau schnitt unterdessen mit einem Messer feine Muster in die Haut des Gequälten. Der Schmerz ließ ihn zusammenzucken.
»Hey, schöne Frau, nehmen wir uns ein Zimmer?«
Nyx wandte sich von der Bühnenshow ab und erblickte eine dunkelhäutige Schönheit, deren Lippen zu einem erwartungsvollen Lächeln geformt waren.
»Tut mir leid, ich erwarte jemanden.«, sagte Nyx.
Wenn sie enttäuscht war, ließ sie es sich nicht anmerken.
»Schade, wenn du es dir anders überlegst, mein Name ist Narai.«, sagte sie. »Ich bin noch eine Weile hier.«
»Alles klar.«, sagte Nyx und drehte das leere Glas zwischen ihren Fingern.
Die Frau verschwand mit sparsamen Bewegungen.
Wieder blickte Nyx auf die goldene Armbanduhr auf ihrem Handgelenk. Die Kontaktperson sollte jeden Moment auftauchen. Die Sekunden verstrichen quälend langsam, während sie an ihren rot bemalten Fingernägeln kaute. Als sie die unangenehme Angewohnheit bemerkte, nahm sie ruckartig die Hand von den Lippen und ergriff wieder das filigrane Glas.
Immer wieder sah sie in Richtung Eingang. Sie wusste zwar nicht, wie der Mann aussah, den sie hier treffen sollte, aber er würde sie finden.
Drei Minuten nach der vereinbarten Zeit verwandelte sich ihre Nervosität in wütende Verunsicherung. Sie überlegte bereits zu verschwinden, zwang sich dann aber zu etwas mehr Geduld.
Schließlich trat ein weiterer Gast ein. Nyx musterte den Neuankömmling aufmerksam. Der unscheinbare Mann war in schlichter Bekleidung erschienen. Er trug Jeans, ein weißes Hemd und darüber eine braune Jacke. Sie erkannte sofort, dass es sein erster Besuch im Pain war, denn er sondierte die Lage mit sichtlicher Nervosität.
Schon bald spürte sie seinen forschenden Blick auf sich und hielt ihnen mit einem sanften Lächeln stand. Nachdem der Türsteher seine Überprüfung beendet hatte, begab sich der Mann ohne Umwege zu Nyx und setzte sich auf den Hocker neben ihr.
»Der Code ist furchtbar schlecht geschrieben.«, sagte er und verbarg sein Gesicht vor ihren Augen.
»Aber er ist sehr effektiv.«, antwortete Nyx zufrieden.
Als der Barmann den Neuankömmling nach einem Drink fragte, zuckte er zusammen.
»Zweimal Pain bitte.«, sagte Nyx an seiner Stelle und nahm ihm damit die Entscheidung ab.
»Gerne.«, antwortete der Barmann und mixte die Drinks.
Nyx konzentrierte sich wieder auf den Mann, der noch immer mit seiner Anspannung kämpfte. Als er Schmerzensschreie hinter sich hörte, wandte er sich blitzschnell um und starrte ungläubig zu dem Schauspiel auf der Bühne.
»Ist wohl nichts für Sie, wie?«, fragte Nyx und rührte mit dem Schirmchen in ihrem Glas.
»Gott, nein.«, sagte der Kontaktmann, ohne die Augen von der Bühne zu nehmen.
»Loyd!«, sagte sie und riss den Mann von dem Anblick los.
»Entschuldigen Sie.«
»Das Pain führt keinerlei Logs oder sonstige Aufzeichnungen.«, versprach Nyx. »Die Server arbeiten mit einer 1028 Bit KSX Verschlüsselung und befinden sich mehr oder weniger im rechtsfreien Raum. Absolute Anonymität garantiert.«
»Sehr beruhigend.«, spottete Loyd und musterte Nyx ungeniert. »Sie sind also Aileen.«
Ihren Namen dehnte er absichtlich. Nyx nickte.
»Ich nehme an, das ist weder Ihr realer Name noch ihr reales Aussehen.«
»Sie nehmen richtig an, Lyod.«, sagte Nyx und lächelte wissend. »Und Sie haben sich wohl für den unauffälligsten Avatar entschieden, den Sie finden konnten.«
»Ja. Ich dachte …«, begann Loyd, wurde aber gleich von Nyx unterbrochen.
»Und fallen damit hier am deutlichsten auf.«
Mit einem Schlag wirkte der Mann noch aufgekratzter als zuvor.
»Hier sind Sie sicher, entspannen Sie sich.«
»Ich soll mich entspannen?«, fragte Loyd und grinste schief. »Sie haben mein Leben auf Eis gelegt und mich an diesen … Ort gezwungen. Was blieb mir denn anderes übrig, als zu kommen?«
»Es war der einzige Weg, Sie hierher zu bekommen.«, erwiderte Nyx mit marmorner Miene.
Im Blick von Loyd lag einen Augenblick lang Feindseligkeit, doch dann beugte er sich seufzend über sein Glas.
»Was wollen Sie?«, fragte er.
»Das wissen Sie ganz genau!«, sagte Nyx ungerührt und fixierte ihn mit ihrem Blick.
Loyd strich über den Dreitagesbart seines Avatars, als würde es ihm beim Nachdenken helfen. Nyx erkannte eine reale Angewohnheit sofort, wenn sie sie sah. Man konnte zwar seinen Körper zurücklassen, nicht aber seine Marotten.
»Muss ich Sie daran erinnern, was passiert, wenn Sie mir diese Informationen verweigern?«, fragte Nyx und ihr Ton war hart. »Dann wird Ihr Leben nicht nur auf Eis liegen, sondern in Scherben.«
Loyd schluckte schwer und machte ein finsteres Gesicht. Doch Nyx fügte ihrer Drohung noch ein paar weitere Details hinzu.
»Wenn ich mit Ihnen fertig bin, werden Kristen und die Mädchen sich wünschen, Sie nie gekannt zu haben. Ich werde Ihnen jeden Credit wegnehmen und ihr Leben komplett crashen. Am Ende wird sich niemand mehr an einen Loyd Carr erinnern wollen.«
Loyd hob abwehrend die Hände.
»Nein, nein, warten Sie!«
»Schon besser.«, sagte Nyx. »Und jetzt reden Sie endlich!«
Der Mann strich sich seufzend über das Gesicht. Nyx entging nicht, dass seine Hände zitterten.
»Scheiße.«, entkam es ihm. Dann nahm er einen Schluck vom Drink des Hauses. Sein Gesicht verzerrte sich, als ob er Batteriesäure getrunken hätte, was dem Geschmack auch recht nahe kam. Dann sah er Nyx mit einem veränderten Ausdruck in den Augen an.
»Sie wissen nicht, mit wem Sie es zu tun haben.«, begann Loyd und seine Stimme hatte etwas Unheilvolles. »Diese Leute sind gefährlich und wir reden hier nicht von einer beliebigen Verbrecherbande oder der Mafia. Wer auch immer die sind, die haben sowohl die Mittel als auch die Macht, jeden verschwinden zu lassen. Allein, dass ich hier sitze und darüber nachdenke, mit Ihnen über Hort 33 zu sprechen, bringt mich bereits in große Gefahr.«
»Lassen Sie diese Ausflüchte, ich bin nicht hier, um mir Gruselgeschichten anzuhören.«, sagte sie. »Was wissen Sie über Hort 33? Ich will jedes noch so kleine Detail!«
»Na gut, wie Sie wollen.«, sagte Loyd und machte einen unglücklichen Eindruck. »Aber Sie wissen bereits, dass ich dort nur die Anlage gereinigt habe.«
»Reden Sie endlich!«, fauchte ihn Nyx mit heller Glut in den Augen an.
»Schon gut, schon gut.«, sagte Loyd und machte eine beschwichtigende Geste. »Hort 33 war ein Komplex, der nach außen hin als einfacher Firmensitz getarnt war. Doch im Inneren war er viel mehr als das. Es war eine riesige Anlage, in der Kinder gehalten wurden.«
»Was wissen Sie über diese Kinder?«, fragte Nyx.
»So gut wie gar nichts.«, erklärte Loyd. »Wir trafen nur sehr selten auf sie und wenn doch, dann nur für einen Augenblick. Während wir unsere Arbeit machten, waren sie stets woanders. Auf jeden Fall waren sie jung. Nur einmal sind eine Kollegin und ich auf ein Mädchen getroffen, das sich in einem Lüftungsschacht versteckt hatte.«
Eine alte Erinnerung löste sich und schoss Nyx durch den Kopf, doch sie reagierte nicht darauf.
»Sie machte einen kranken Eindruck.«, fuhr Loyd fort. »Ihr Gesicht war fast grau und eingefallen. Um ihren Kopf trug sie einen dicken Verband, Haare schien sie keine zu haben. Sie war verzweifelt und flehte uns an, ihr zu helfen.«
»Was Sie nicht getan haben.«, antwortete Nyx vorwurfsvoll.
»Christy wollte, aber ich erinnerte sie daran, dass uns das nichts anging.«, wehrte Loyd ab. »Wir hätten ohnehin nichts für sie tun können. Wir gehörten nur zum Reinigungspersonal.«
»Was ist aus den Kindern geworden?«, wollte Nyx wissen und ihr Groll gegen den Mann wuchs rasch.
»Ich habe keine Ahnung.«, gestand Loyd. »Man hat uns ja nichts gesagt. Es muss aber irgend einen Vorfall gegeben haben, denn vor einigen Jahren machten Sie Hort 33 unerwartet dicht.«
Wieder legte sich eine Erinnerung in Nyx frei. Doch ehe sie sich gänzlich öffnen konnte, schüttelte Nyx sie wieder ab.
»Von einem Tag auf den anderen wurde der Hort geschlossen.«, fuhr Loyd fort. »Wir bekamen eine großzügige Abfindung und hörten nie wieder etwas von unseren Arbeitgebern.«
»Wo haben sie die Kinder hingebracht?«, fragte Nyx.
Loyd sah ihr in die Augen und runzelte die Stirn.
»Das weiß ich doch nicht.«, sagte er. »Ich habe doch bereits gesagt, dass wir nichts mehr von unseren Arbeitgebern gehört haben. Wir waren nur eine kleine Gruppe von Reinigungskräften.«
»Wie war der Name Ihres Arbeitgebers?«
»Moore Electrics.«
»Hatten Sie sonst zu irgendwelchen Leuten im Hort Kontakt?«
Loyd schüttelte den Kopf.
»Das hat alles unser Boss geregelt. Der hat sich um die Verträge und die Beschaffung von Jobs gekümmert. Wir haben nur die Arbeit gemacht.«
»Irgendwelche Namen?«, fragte Nyx.
Loyd seufzte und machte ein müdes Gesicht.
»Nein. Man hat uns vor Jobantritt nahe gelegt, zur Vermeidung rechtlicher Konsequenzen die Klappe zu halten, mit niemandem zu sprechen und uns in nichts einzumischen. Wir mussten eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben. Aber da die Bezahlung gut war, hielten wir ohnehin gerne die Klappe.«
Nyx wurde immer wütender. Sie hatte viel riskiert für dieses Treffen und nun stellte sich heraus, dass Loyd kaum Informationen besaß.
»Wissen Sie eigentlich irgend etwas?«, fuhr Nyx den Mann an.
»Nur, dass diese Leute gefährlich sind.«, entgegnete Loyd.
»Und wie kommen Sie zu dieser Annahme?«
Loyd schloss die Augen für einen Moment. Als er sie wieder öffnete, wirkte sein Blick bleischwer.
»Als Christy und ich auf das Mädchen getroffen sind, habe ich das sofort gemeldet.«
Nyx biss die Zähne so fest aufeinander, dass es schmerzte, als sie das hörte. Am liebsten hätte sie dem Mann auf der Stelle die digitale Nase gebrochen, aber sie hielt sich zurück.
»Und?«
»Man brachte uns in ein Büro, bedankte sich höflich und gab uns dann den Wink, den Vorfall besser schnell zu vergessen.«
»Sie haben Ihnen gedroht.«
»Mehr oder weniger.«, sagte Loyd »Sie kamen mit der Verschwiegenheitserklärung und rechtlichen Schritten. Das ganze Blabla.«
»Das war alles?«
Der Gesichtsausdruck von Loyd veränderte sich jäh. Trotz des Avatars konnte er die starken Emotionen nicht verbergen, die sich plötzlich in seinen Zügen widerspiegelten.
»Nein.«, sagte er kopfschüttelnd. »Christy ließ nicht locker. Sie war eine gute Seele, was ihr am Ende zum Verhängnis wurde.«
»Was ist geschehen?«
»Sie wollte mich davon überzeugen, dass wir etwas unternehmen oder etwas sagen müssten.«, erzählte Loyd. »Das Mädchen ließ sie nicht mehr los. Ich sagte ihr, sie solle es vergessen, schließlich ging es uns nichts an.«
»Feigling.«, entkam es Nyx.
»Dann wäre es mir so ergangen wie Christy!«, antwortete Loyd im selben Ton. Einen Moment lang bohrten sich ihre Blicke ineinander, bevor Loyd die Schultern senkte.
»Sie muss zur Polizei gegangen sein.«, mutmaßte er. »Ich weiß nicht genau, was wirklich geschehen ist. Aber plötzlich gab es keine Christy mehr.«
»Wie meinen Sie das?«
»Sie ist einfach verschwunden.«
»Verschwunden?«, fragte Nyx ungläubig. »Ist sie tot?«
»Nein, verschwunden.«, gab Loyd zurück. »Als ob es sie nie gegeben hätte. Eines Tages bekam ich einfach eine neue Partnerin zugewiesen. Als ich nach Christy fragte, teilte man mir mit, dass man keine Christy kenne. Ich hielt es zuerst für einen Scherz, doch niemand lachte. Alle taten so, als hätte es nie eine Christy gegeben.«
»Das kann doch nicht sein.«, sagte Nyx.
»Dachte ich mir auch. Aber wie heute üblich waren wir ein Haufen Leiharbeiter, die für diesen Job zusammengewürfelt wurden. Vorher kannten wir uns gegenseitig nicht. Meistens hatten wir ohnehin nur Kontakt zum Boss und jenen Kollegen, mit denen wir direkt zusammen arbeiteten. Christy und ich waren eines dieser Teams und so kamen wir uns über die Monate näher.« Als ihm klar wurde, was er gerade gesagt hatte, korrigierte er sich. »Nicht was Sie vielleicht denken. Wir wurden einfach nur gute Freunde.«
Loyd machte eine kurze Pause und wirkte danach sehr betroffen.
»Aber dann gab es sie plötzlich nicht mehr.«, seufzte er. »Ich versuchte sie über ihr Phone zu erreichen, doch die Phone-ID existierte nicht. Also versuchte ich es bei ihr zu Hause, doch die Wohnung stand angeblich seit Monaten zum Verkauf. Als ich die Nachbarn nach ihr fragte, schüttelten sie alle nur den Kopf und sagten, dass sie nichts von einer Christy wüssten. Aber ich fühlte die allgegenwärtige Angst.«
Selbst durch das digitale Abbild von Loyd konnte sie die Maske der Furcht deutlich erkennen. Er schien die Wahrheit zu sagen. Außerdem zweifelte Nyx nicht daran, dass diese Leute dazu fähig waren.
»Ich glaubte zu dem Zeitpunkt, ich würde verrückt werden, aber ich gab nicht auf und suchte weiter.«, fuhr Loyd fort. »Doch sie schien für die Welt nicht länger zu existieren. Sogar ihre Personal-ID gab es nicht mehr.«
In Nyx baute sich plötzlich ein bedrohliches Gefühl auf. Ihre Augen wanderten an Loyd vorbei und suchten unauffällig die Umgebung ab. Ihm schien diese Tatsache zu entgehen, denn er sprach einfach weiter.
»Ein paar Tage später fand ich mich in einem Raum wieder, wo mir ein Mann freundlich erklärte, worauf ich mich einstellen müsste, falls ich nicht endlich Ruhe gäbe. Dann zeigte er mir, was er alles über mich und meine Familie wusste.«
Loyd wandte sich kopfschüttelnd ab, ehe er wieder aufsah.
»Wer auch immer diese Leute sind, sie wussten alles über mich.«, sagte er. »Selbst Dinge, die sie eigentlich nicht wissen konnten. Mein Leben war für sie wie ein Buch, aus dem sie jedes noch so kleine Detail ablesen konnten. Es war beängstigend. In diesem Moment verstand ich, dass die Sache viel zu groß für mich war und ich gab die Suche auf.«
Doch Nyx hörte nicht länger zu, denn sie spürte, wie sich eine Sicherheitsschaltung in ihrem Neuroimplantat meldete. Jemand versuchte ihre Box zu hacken.

Der gesamte Terranis-Zyklus

Incubatio

Band 1

380 Seiten

Dezember 2016

Expansum

Band 2

390 Seiten

Juli 2017

Mutatio

Band 3

367 Seiten

April 2018

Metamorphosis

Band 4

392 Seiten

Februar 2019

Homo Novus

Band 5

~374 Seiten

Sommer 2019

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