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Homo Novus

Band 5 des Terranis-Zyklus

Sci-Fi – Cyberpunk – Roman
Veröffentlichung: Juli 2019
~374 Seiten, Taschenbuch/ebook

Coverdesign: Vincentius Matthew Djaya
Logodesign: Johannes Fischer

Trotz größter Opfer können Devon und sein Team das Attentat auf die Friedensverhandlungen nicht verhindern. Nach dieser schrecklichen Niederlage finden sie sich verwundet und gebrochen in den Händen des unberechenbaren Rebellenführers Crow wieder.
Die Gefangenschaft wird für sie zur Zerreißprobe. Verzweifelt versucht Devon das Team zusammenzuhalten und Crow davon zu überzeugen, dass sie keine Agenten des Rates sind.

Unterdessen muss Nyx eine folgenschwere Entscheidung treffen, um zu verhindern, von der künstlichen Intelligenz in ihrem Kopf ausgelöscht zu werden.

Gemeinsam gelingt es ihnen schließlich, die wahre Identität des Namenlosen zu enthüllen. Doch es läuft ihnen die Zeit davon, denn sein Plan befindet sich bereits in der finalen Phase.
Um ihn aufzuhalten, sind sie dazu gezwungen, weitaus mehr zu opfern als nur ihre Menschlichkeit …

Veröffentlichung Juli 2019

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Leseprobe

1 – in den Krallen der Krähe

Istanbul – Türkei

 

Maskierte Männer mit schweren Waffen zwangen Nyx auf die Knie. Sie stürzte und schlug mit dem Kopf gegen Beton. Geblendet vom grellen Schmerz schloss sie die Augen und biss die Zähne zusammen. Für eine Sekunde riss die Verbindung zu ihren Sinnesorganen ab und ihre Wahrnehmung verwandelte sich in graues Rauschen. Der Geschmack von jahrealtem Staub und Eisen füllte ihre Mundhöhle. Ächzend richtete sie sich auf und spuckte einen Batzen Blut auf den Boden.
Nyx hob den Kopf und starrte in das maskierte Gesicht von Crow. Staubpartikel tanzten wie Asche um sein finsteres Antlitz. Im flackernden Licht der Leuchtstoffröhren erinnerte er an einen Dämon, der aus finsterster Nacht hervorgekrochen war. Die konturlosen Augen, das wilde schulterlange Haar, die furchterregende Maske, der zerrissene Mantel, alles an ihm war schwarz.
Ausdruckslos starrte er auf die Gefangenen herab, die in einer Reihe vor ihm knieten: Devon, Walker, Nor und Nyx.
»Sie sind also verantwortlich für diesen feigen Angriff auf die Friedensverhandlungen!«, stellte der Rebellenführer fest.
»Sie irren sich.«, widersprach Devon. »Wir waren da, um das Attentat zu verhindern.«
»Hörst du das?« Die dunkelhäutige Frau, die Crow bei den Verhandlungen begleitet hatte, trat an seine Seite und zeigte auf Devon. »Nach allem, was der Scheißkerl getan hat, besitzt er auch noch die Frechheit dich zu verspotten.«
»Ich verspotte niemanden.« Devons Gesicht war wie Stahl, in den man menschliche Züge gefräst hatte. »Es ist die Wahrheit. Doch leider haben wir den Feind unterschätzt.«
»Den Feind?« Die Frau stieß ein verächtliches Lachen aus und stemmte eine Hand in die Seite. »Und wer soll das deiner Meinung nach sein?«
»Eine Organisation, die sich selbst Terranis nennt. Ihr Ziel war die Sabotage der Verhandlungen. Und zu unser aller Leidwesen ist ihr das auch gelungen.«
Die Frau wandte sich mit einem Kopfschütteln ab und suchte den Blick des Rebellenführers. »Willst du dir diesen Scheiß wirklich anhören? Die wollen uns doch nur manipulieren.« Sie bedrängte ihn, beschwor ihn. »Wir sollten auf der Stelle ein Exempel an ihnen statuieren, live, damit es alle sehen können. Der Rat soll erfahren, dass wir noch lange nicht besiegt sind.«
»Ich habe sie nicht verschont, nur um sie jetzt, ohne Befragung hinzurichten.«, entgegnete Crow. »Sie könnten über wichtige, strategische Informationen verfügen.«
»Mach dir doch nichts vor. Der Rat würde niemanden schicken, der ihre Pläne verraten könnte. Sieh sie dir an, das sind ausgebildete Söldner, die verstehen sich nur aufs Töten.« Sie zeigte mit einer hasserfüllten Geste auf Devon. »Der da ist nicht einmal mehr ein Mensch. Das ist eine Killermaschine.« Sie berührte Crows linke Techhand, die wegen Devon zu einem Klumpen Kunststoff und Metall verformt war. »Er hätte uns beide fast getötet. Und vergiss nicht, was er unseren Kameraden, unseren Freunden angetan hat. Wir sind es ihnen schuldig, für Gerechtigkeit zu sorgen.«
Crow stand regungslos da und sandte seinen niederfrequenten Blick an Devon, der ihn stoisch empfing.
»Ihr habt mich angegriffen. Ich habe mich nur verteidigt.«, erklärte er gelassen. »Wir gehören nicht zum Rat, wir agieren unabhängig.«
Die Stimme der Frau explodierte vor Zorn: »Bullshit!« Sie hielt Devon den ausgestreckten Finger ins Gesicht. »Du hast die Waffe auf uns gerichtet, bevor die Bomben hochgegangen sind. Du wolltest Crow abknallen und als dir das nicht gelungen ist, hast du es später noch einmal versucht.«
»Wenn ich ihn hätte erschießen wollen, wäre er jetzt tot!«, antwortete Devon mit eisiger Stimme.
Sie verzerrte ihr sonst hübsches Gesicht zu einer finsteren Grimasse. »Und auf wen willst du dann geschossen haben?«
»Auf eine getarnte Attentäterin.«
»Eine getarnte Attentäterin?«, wiederholte die Frau ungläubig. »Und natürlich konntest nur du sie sehen. Lass mich raten, sie war dann auch für die Bomben verantwortlich, nicht wahr?«
»So ist es.«
Crow verfolgte den Dialog mit einer Gleichgültigkeit, die Nyx beunruhigte. Sie hätte jede Art der Reaktion bevorzugt, selbst wenn er wie wild um sich geschlagen hätte, doch er schwieg und dieses Schweigen machte ihr Angst.
»Es ist die Wahrheit.«, warf Walker ein. »Überprüft unsere Vergangenheit, und ihr werdet feststellen, dass auch wir vom Rat gejagt werden.«
»Sei still!«, forderte die Frau und gab dem Maskierten hinter Walker ein Zeichen.
Der trat zwei Schritte vor und knallte dem Exdetective den Kolben der Waffe in den Nacken. »Du redest nur, wenn du gefragt wirst, kapiert?«
Walker warf dem Mann einen drohenden Blick zu, beließ es aber dabei.
»Erkennen Sie mich denn nicht?«, fragte Devon und präsentierte Crow sein Gesicht. »Ich bin Devon Reeves, ehemaliger Major des Ratsheeres und Ghostagent. Ich habe Ihnen damals in Johannesburg Colley direkt unter Ihrer Nase weggeschnappt. Außerdem war ich in London beim ersten Attentatsversuch auf den Rat dabei. Diese Leute wollen Ihnen auch dieses Attentat anhängen. Alle Welt wird glauben, sie wären ein Monster. Es ist dasselbe Spiel, aber gemeinsam können wir es beenden.«
Die Frau lachte auf. »Das ist doch lächerlich. Ich will mir diesen Unsinn keine Sekunde länger anhören.«
Crow rührte sich. Er runzelte die Stirn und musterte Devon durch die verschwitzten, schmutzigen Haare hindurch, die ihm als dicke Stränge ins Gesicht hingen.
»Der Mann, von dem Sie sprechen, sitzt im Gefängnis.«, sagte er. »Laut Ihren ID-Codes sind Sie Ghostagent Einar Tveit.«
»Die ID-Codes sind gestohlen.«, entgegnete Devon. »Ohne sie wären wir nie auf das Gelände gelangt. Suchen Sie nach Informationen über den Helden von Johannesburg oder die Bestie von London, dann werden sie es verstehen.«
»So einen Müll habe ich schon lange nicht mehr gehört.« Zorn und Hass loderten in den Augen der Frau auf. »Ihr Schweine hattet den Befehl Crow um jeden Preis auszuschalten. Dafür habt Ihr sogar Hawk und Eure eigenen Leute geopfert.«
»Wieso sollte ich dann mit meinem Team fliehen, statt Ihnen den Arsch aufzureißen, wozu ich später aus reiner Notwehr gezwungen war?«
Blitzschnell zog die Frau eine Pistole und richtete sie auf Nyx’ Stirn. Die Hackerin erstarrte und blickte mit angehaltene Atem in den schwarzen Abgrund des Laufs.
»Verarsch uns nicht!« Die Worte der Frau rollten durch den Raum. »Das ist doch nur ein billiger Versuch uns zu manipulieren. Fotos, Videos, Aufzeichnungen, all das lässt sich heutzutage ohne großen Aufwand fälschen. Es wäre nicht das erste Mal, dass der Rat uns durch Falschinformationen schwächen will.«
Devon ignorierte die dunkelhäutige Frau und sah Crow direkt an. »Es ist die Wahrheit.« Er betonte jedes einzelne Wort. »Wenn Sie uns jetzt töten, werden Sie nie das ganze Ausmaß dieser Verschwörung erfahren. Wir haben Informationen, die den Lauf der Geschichte verändern können. Geben Sie uns die Chance, alles aufzuklären. Überprüfen Sie, ob Major Devon Reeves wirklich im Gefängnis sitzt und suchen Sie nach Detective Garreth Walker, dann werden Sie es wissen.«
Ein Knall peitschte durch den Raum und Nyx schrie auf.
Sie starrte in den rauchenden Lauf der Pistole und dann langsam an sich herab. Die tödliche Ladung war nur wenige Zentimeter an ihrem Gesicht vorbeigeschrammt. Schlagartig wurde ihr bewusst, in welcher Gefahr sie sich befand. Diese Frau musste nur den Finger krümmen, um ihr Leben zu beenden. Eine so simple Handlung konnte über ihr Schicksal entscheiden.
»Noch ein einziges Wort …«, zischte die Frau. »… und ich schwöre, die nächste Kugel verfehlt ihr Ziel nicht.«
»Wenn Sie ihr auch nur ein Haar krümmen!«, brüllte Walker und wollte aufspringen, doch sofort waren die maskierten Männer zur Stelle und hielten ihm und dem Rest des Teams die Läufe ihrer Gewehre in den Nacken.
»Aber es ist die Wahrheit.«, beharrte Devon.
»Sei still!«, brüllte die Frau und richtete den Lauf auf Nyx.
»Aufhören!« Crows verzerrte Stimme hallte durch den Raum. Er stellte sich in das Schussfeld der Frau. »Was ist denn in dich gefahren, Ada? So kenne ich dich ja gar nicht.«
Sie sah an ihm vorbei zu den Gefangenen. »Sie werden alles zerstören, was wir aufgebaut haben! Ich … «
Er legte eine Hand auf ihre Waffe und drückte sie langsam herunter. Dann strich er mit dem Handrücken sanft über ihr verzerrtes Gesicht und glättete ihre wütenden Züge. Sie schloss die Augen, entspannte sich und ein Teil ihrer zornigen Maske zersplitterte.
»Es war ein harter Kampf, du bist durcheinander.« Trotz der Stimmverzerrung klang er sanft und ungewohnt freundlich. »Ich weiß, wir haben gute Leute verloren, aber wir ehren sie nicht, indem wir unüberlegt handeln. Wir wären nie soweit gekommen, hätten wir uns nur von unserem Zorn kontrollieren lassen. Warst nicht du es, die mich genau das gelehrt hat?«
Das Feuer in Adas Augen brannte zu einer Glut herab. Sie nickte und starrte auf seine Brust, um ihn nicht ansehen zu müssen. »Verzeih mir.«
»Es ist in Ordnung, niemand von uns ist vor diesem Zorn gefeit.«
Ada stellte sich ganz nahe zu Crow und sah ihn mit vertrautem Blick an. »Aber du solltest gerade jetzt keine Zeit auf diesen Abschaum verschwenden. Unsere Leute müssen wissen, dass du noch lebst. Sie müssen mit eigenen Augen sehen, wofür sie ihre Leben riskiert haben und wofür ihre Kameraden gestorben sind. Sie brauchen dich jetzt, verstehst du?«
Crow nickte und gab seinen Leuten ein Zeichen. »Sperrt Sie hier ein und postiert Wachen vor dem Eingang. Niemand betritt oder verlässt den Bunker ohne meinen ausdrücklichen Befehl.«
Sein schwarzer Blick traf die Gefangenen. »Sie bekommen weder Essen noch Wasser. Vielleicht fallen Ihnen dann bessere Antworten ein.«

Eine Minute später fiel die schwere Sicherheitstür zum Bunker zu und das Team war alleine. Kaum war das metallische Ächzen des Schließmechanismus verklungen, standen sie auf.
»So endet es also.« Walker fasste sich unter den Kampfanzug und fingerte eine Zigarettenschachtel heraus. »In den Händen der Rebellion.«
»Solange wir noch leben, ist es nicht vorbei.«, gab Devon zurück.
Walker stieß ein Lachen aus, das auf der Wellenlänge von Verzweiflung und Spott schwang. »Ach was du nicht sagst.« Er schob sich eine Zigarette zwischen die Lippen und breitete dann die Hände nach beiden Seiten aus. »Hast du dich einmal umgesehen? Wir sitzen so dermaßen tief in der Scheiße, dass wir graben müssen, um je wieder Licht zu sehen.«
»Crow lässt sich womöglich überzeugen.«, sagte Nor.
»Sicher doch. Und ich höre heute mit dem Rauchen auf.«, spottete Walker, zündete die Zigarette an und sah Devon in die Augen. »Ist dir eigentlich schon mal aufgefallen, dass unser Sonnenschein hier in letzter Zeit auffällig oft deiner Meinung ist?« Er hob die Augenbrauen. »Sollte dir vielleicht zu denken geben.«
Nyx suchte Devons Blick, fand aber nur Bruchstücke davon. Er schien von einem Augenblick zum anderen erstarrt und zersplittert zu sein, all seiner Gefühle beraubt.
»Wacht auf!« Die Zigarette zwischen Walkers Lippen zuckte bei den Worten. »Die schlucken unsere Geschichte niemals. Ich kann sie ja selbst kaum glauben.« Er nahm einen tiefen Zug, wodurch die Spitze der Zigarette feuerrot aufloderte. »Wir sind erledigt.«
Nyx erwartete von Devon aufbauende Worte und einen Plan, wie sie dieser Situation entkommen konnten, bekam aber nur Schweigen.
»Terranis hat uns den Arsch so weit aufgerissen, dass man den Wind hindurchpfeifen hört.«, sagte Walker. »Der Boss hat ein für alle Mal bewiesen, wer die Kontrolle hat.«
»Ich habe die Attentäterin getötet.«, warf Devon ein, doch sein Argument verlor sich in Walkers Wut wie ein Säuseln in einem Orkan.
»Gratuliere Devon.« Walker applaudierte, wobei die Zigarette in seinem Mundwinkel baumelte. »Das ändert einfach alles. Es ist ja nicht so, als wäre die ganze beschissene Versammlungshalle explodiert.« Er jagte seinen Worten eine Rauchsäule hinterher. »Ich war von Anfang an gegen diesen Plan, aber es interessiert ja schon lange niemand mehr, was ich denke.«
»Es war der einzig logische Schritt.«, warf Nor ein.
»Scheiß auf Logik.«, knurrte Walker. »Wir hätten längst aufwachen müssen, hätten begreifen müssen, dass wir keine Chance haben und von Anfang an keine hatten. Phobos hatte mit allem Recht. Der Boss hat nur mit uns gespielt, so wie ein Kind Ameisen beobachtet und ihnen gelegentlich Steine vor die Füße wirft, bis es ihm zu langweilig wird und er sie einfach zertritt.«
»Aber wir haben viele ihrer wichtigsten Agenten ausgeschaltet.«, konterte Nyx, die spürte, wie Walkers Worte ihr die Hoffnung tötete.
»Ja, das haben wir.« Der ehemalige Detective nickte gnädig. »Wir haben der Hydra einen Kopf abgeschlagen und dafür gesorgt, dass drei neue nachwachsen. Wer weiß ob wir dem Boss dadurch nicht sogar einen Gefallen getan haben, indem wir ihm seine Schwachstellen aufgezeigt haben. Hawk hätte ohne unser Eingreifen womöglich eine Chance gehabt.«
»Jetzt gehst du zu weit.«, sagte Devon. »Wir haben alles getan, alles gegeben, um Terranis aufzuhalten. «
»Aber es hat nicht gereicht, Devon!«, schrie Walker und warf die Zigarette wütend weg. »Und jetzt ist Anila tot. Sie ist sinnlos gestorben, Devon. Sinnlos! Wir haben nichts bewirkt. Terranis gewinnt, wir sterben. So läuft das Spiel. Der Boss hat sein Ziel erreicht.«
»Anila ist als Soldatin ehrenvoll im Kampf gefallen.«, sagte Devon. »Als sie mir Rückendeckung gegeben hat.«
»So einen Mist kann auch nur ein Soldat von sich geben, und es auch noch glauben.«, hielt Walker dagegen. »Du kannst so viel von Ehre reden, wie du willst, aber es ändert rein gar nichts an der Tatsache, dass sie für eine sinnlose Sache gestorben ist.« Er ging ein paar Schritte auf und ab. »Wir hätten überall sein sollen nur nicht hier. Diese Aktion war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Aber es wollte ja niemand auf mich hören. Folgen wir doch lieber weiter einem schwer traumatisierten Veteranen, der mal ganz nebenbei gestorben und als Maschine wiedererwacht ist.«
»Was ist los mit dir?« Devon zeigte das erste Mal seit langem eine Emotion. Er war wütend. »Du warst es doch, der Anila dazu bewogen hat, mich vor dem Gefängnis zu bewahren. War es nicht dein übersteigerter Sinn für Gerechtigkeit, der dafür gesorgt hat, dass wir überhaupt zu einem Team zusammenwachsen konnten?«
»Willst du damit andeuten, ich wäre schuld an ihrem Tod?« Walker schleuderte Devon einen zornigen Blick an den Kopf. »Es war nicht meine Entscheidung dieses unnötige Risiko einzugehen.«
»Keiner von uns hat Schuld an ihrem Tod!«, konterte Devon.
Nyx wollte dazwischen gehen und den Streit beenden, doch sie hatte Angst im Kreuzfeuer ihrer zerstörerischen Blicke verletzt zu werden. Sie wandte sich hilfesuchende an Nor, in der Hoffnung, er würde einschreiten, Partei ergreifen oder zumindest irgendetwas sagen. Doch sein Interesse galt alleine den Streitenden, als würde er Wildtiere in freier Natur beobachten.
»Anila wusste stets um die Gefahr.«, sagte Devon. »Sie war bereit, für diese Sache zu sterben.«
»Wie melodramatisch.« Walker klatschte lautstark in die Hände. »Weißt du was? Ein sinnloser Tod bleibt ein sinnloser Tod, egal welche Ausreden du dir dafür einfallen lässt.«
»Wir führen Krieg!« Devons Techaugen blitzten auf wie geschmolzenes Blei. »Und der fordert leider auch Opfer, ob wir das wollen oder nicht.«
»Ach ja, dein Spezialgebiet.« Walker grinste verächtlich. »War Krieg auch deine Ausrede, als du damals mit Blackhammer in diesem Flüchtlingscamp Frauen und Kinder abgeschlachtet hast?«
Devon ballte die Hände zu Fäusten. Die dämonische Präsenz hinter seinen Augen erwachte zum Leben. Nyx erschrak beim Anblick seines blutrünstig Blicks und seiner gewaltbereiten Haltung. Sie nahm ihren Mut zusammen und stellte sich in den Energiestrahl, der die Blicke von Devon und Walker verband.
»Hört auf!«, schrie sie und sah beiden abwechselnd in die Augen. »Bitte hört auf damit. Wir sollten uns gebührend von Anila verabschieden, statt uns ihretwegen zu streiten.«
Walker wich ihrem flehenden Blick aus und blies Rauch in die abgestandene Luft. Devon stemmte die Fäuste in die Seiten, um sie nicht einsetzen zu müssen. Noch immer kroch das Ungeheuer hinter seinen Augen umher, begierig darauf auszubrechen.
»Und dann überlegen wir uns, wie wir weiter vorgehen.«, fuhr Nyx fort. »In Ordnung?«
»Hast du es immer noch nicht begriffen, Kind?«, fragte Walker kopfschüttelnd. Seine Stimme leierte mutlos wie ein altes Band. »Es ist aus und vorbei. Wir sind endgültig am Ende. Diesmal gibt es keine Rettung, keinen Deus Ex Machina für uns. Diese Geschichte geht nicht gut aus, nicht diesmal, nicht für uns.«
Devon machte eine Geste, die deutlicher ausdrückte, dass es ihm reichte, als es Worte hätten können. Still verschwand er tiefer im Bunker.
»Aber Garreth …«, sagte Nyx
»Lass es, Kleine.« Walkers Augen waren leer und selbst die kreisförmigen Elemente darin wirkten wie erstarrt. »Ich habe das alles so dermaßen satt.«
Er ging zur nächstgelegenen Wand, lehnte sich dagegen und verbarg seinen Blick vor ihr. Einzig Nor stand noch da. Er sah Nyx an, als wäre sie nunmehr das Interessanteste im gesamten Bunker.
»Und du hast nichts dazu zu sagen?«, fragte sie gereizt.
»Es wäre zwecklos gewesen, mich in diese Diskussion einzumischen. Dabei ging es nicht um die Lösung unserer Probleme, sondern um ihre emotionale Verfassung.«
»Spar dir den Scheiß!« Nyx stieß ihn weg. Sie war wütend auf ihn und sein offenkundiges Desinteresse für das Team. Sie wollte Nor jetzt nicht, weder seine kalt berechnende Logik noch seine brutale Direktheit. »Vielleicht checkst selbst du irgendwann, dass du ohne uns nichts bist und ganz alleine dastehst.«
Nyx stapfte davon, folgte Devons Spuren und drang tiefer in den Bunker vor. Sie marschierte an Reihen von Schränken mit alten Unterlagen vorbei, die längst niemand mehr brauchte, und erreichte schließlich ein staubiges Aktenlager. Sie suchte sich ein einsames Plätzchen zwischen mannshohen Aktenbergen und verkroch sich dort.
Ihr war kalt, körperlich wie seelisch. Sie zog die Beine nahe an sich heran und umklammerte sie mit beiden Händen. Über ihr verlor eine Leuchtstoffröhre allmählich den Kampf gegen die Obsoleszenz. Ihr gleichmäßiges Flackern wirkte wie ein Filter, der alle Farbe und Hoffnung aus der Welt sog.
Nyx lehnte den Kopf an die Wand und seufzte. Nach dem Adrenalinrausch der vergangenen Stunden wurde sie sich wieder schlagartig des Zitterns ihrer Hände bewusst. Die Taubheit breitete sich aus und mit ihr Ree.
Sie horchte auf, als leiser Donner an ihre Ohren drang und der Boden vibrierte. Selbst die dicken Mauern des Bunkers konnten den Krieg nicht fernhalten. Er sickerte durch jede Ritze und jeden Spalt, tötete die Menschen und jene, die er übrig ließ, vergiftete er mit Hass.
Im Geiste sah sie Anila vor sich. Die stolze Soldatin lebte nicht mehr. Sie war gegangen, ohne Abschied, so wie Phobos. Nichts war von ihr geblieben außer der Erinnerung und der Erkenntnis, dass selbst die Stärksten unter ihnen sterblich waren. Ihre Abwesenheit schmerzte Nyx, obwohl sie einander nie wirklich nahe gestanden hatten. Trotz aller Unterschiede und Differenzen hatte sie die Inderin als Kameradin geschätzt, sie sogar bewundert für ihre Stärke und nicht selten auch beneidet. Insgeheim fragte sich Nyx, ob Sethi nicht das bessere Schicksal ereilt hatte.
Crow hatte das Team in seiner Gewalt. Er würde sie befragen, foltern und anschließend töten. Niemand, nicht einmal Devon, Walker oder Nor würden es verhindern können.
Hatte Walker Recht und alles, was sie getan hatten, war umsonst gewesen? Hatte sie Nor geholfen Dutzende Unschuldige zu töten für nichts? Nyx spürte, wie die Kälte des Bunkers auch den letzten Rest Hoffnung in ihr tötete. Tränen liefen ihre Wangen hinab.
»Ich messe abweichende körperliche Reaktionen, die nach meiner Analyse auf das menschliche Gefühl der Verzweiflung hindeuten.«, erklang Rees omnipräsente Stimme, die weder interessiert noch mitfühlend klang. Sie war einfach nur da, wie ein zweites Gewissen. »Bist du verzweifelt?«
Nyx schluckte die Tränen herunter und sah über ihre Knie hinweg. Die KI hatte sich als Halluzination vor ihr manifestiert. Wie immer war sie hübsch, schien von allen Seiten beleuchtet zu sein und warf keinen Schatten. Mit ihrer elfengleichen Gestalt und dem weißen Kleid wirkte es, als wäre ein Engel herabgestiegen, um Nyx eine himmlische Gnade zu gewähren. Doch sie sah hinter der leuchtenden Fassade der KI nur einen Dämon, der Stück für Stück Besitz von ihr ergriff.
»Lass mich in Ruhe!«
»Ich denke, ich verstehe diesen Zustand jetzt. Du bist in einer emotionalen Verfassung, in der du deine gegenwärtige Situation als aussichtslos empfindest. Du stehst vor einem Problem, dass du nicht glaubst lösen zu können und das deiner Meinung nach zu deiner Auslöschung führt.«
»Danke für die Analyse, Doktor Freud.«
Nyx dachte an den Tod und fragte sich, ob sie ihn mit offenen Armen empfangen sollte, statt ihn zu fürchten. Besser heute als Nyx sterben denn später als Ree. Der Gedanke, von der Maschinenintelligenz verdrängt zu werden, jagte ihr größere Angst ein, als Folter und Tod. Egal was Crow ihr antun würde, es war unmöglich schlimmer, als langsam zu verblassen, zu verschwinden wie eine Datei, die Bit für Bit überschrieben wurde, bis nichts mehr von ihr übrig war. Nyx freundete sich mit dem Gedanken an, dass ihr auf diese Weise wenigstens die letzte Freiheit im Leben blieb: die Freiheit als Mensch zu sterben.
»Ich kann nicht zulassen, dass du stirbst.«, sagte die KI.
Nyx erschrak. Waren jetzt nicht einmal mehr ihre Gedanken frei? Sie überlegte angestrengt, wie das möglich war, und erhielt prompt eine Antwort.
»Mir ist es inzwischen gelungen, den primären Datenstrom deines aktiven Interfaces zu übersetzen.«
Nyx wusste nicht, ob sie laut auflachen oder losheulen sollte. Die Sache wurde ja immer besser.
»Ich verstehe viele dieser Daten jedoch nicht.«, gestand Ree. »Sie sind verwirrend und erfüllen nur selten einen logischen oder sinnvollen Zweck. Es gibt keine eindeutigen Muster und zu viele abweichende Variablen.«
Nyx grinste. Das gefiel ihr. Sollte sich die KI die Zähne an ihren menschlichen Gedankengängen ausbeißen. Sie schenkte dem Abbild der Frau gedanklich eine Liste der schlimmsten ihr bekannten Schimpfwörter.
»Ich möchte darauf hinweisen, dass diese Daten kontraproduktiv sind. Sie beanspruchen deine kognitiven Fähigkeiten ohne sinnvollen Nutzen.«
»Leck mich!«
»Du solltest nicht mehr verzweifelt sein. Viele deiner Körpersysteme zeigen negative Reaktionen auf deinen Gefühlszustand. Ich empfehle, davon abzusehen und dich auf die Lösung der Probleme zu konzentrieren. Du darfst nicht zulassen, dass uns etwas geschieht.«
»Ich darf nicht zulassen, dass UNS etwas geschieht?« Nyx schnappte nach Luft. Kalter Zorn schnürte ihre Kehle zu. »Jetzt heißt es schon uns?«
»Da wir uns den Körper teilen, halte ich diese Syntax für angebracht.«
»Das ist mein Körper!« Nyx jagte Ree einen Schwall komprimierten Hasses entgegen. »Du bist nur ein Gast. Nein, weniger als das. Du bist ein Parasit, der sich bei mir eingenistet hat und mich langsam aussaugt. Du bist nur eine verdammte Reihe aus Zahlen, die sich zu einbildet, intelligent zu sein.«
»Dein Zustand hat sich offensichtlich in Zorn verwandelt. Warum?«
»Hau ab!«, schrie Nyx. Tränen des Zorns brannten in ihren Augenwinkeln. »Lass mich in Ruhe! Ich will weder dich noch deine Fähigkeiten. Ich will, dass du dich löscht und aufhörst mit meinem Gehirn herumzuexperimentieren, als wäre ich ein verficktes Versuchskaninchen.«
»Ich werde nicht aufhören, das entspricht nicht meiner Programmierung.«
»Dann ändere deine Programmierung! Du bist nicht mehr an Phobos gebunden. Er ist tot, weg, wie ein gelöschter Datensatz, kapier das doch endlich!«
»Es ist der Kern meiner Programmierung. Es macht mich aus.«
»Das ist mir egal!«, rief Nyx. »Du hast kein Recht das mit mir zu machen. Du hast gar kein Recht. Du bist nur ein Computerprogramm. Du tötest mich, verstehst du das denn nicht?«
»Nyx?«
Sie zuckte zusammen und riss die Augen auf.
Devon stand über ihr, lugte an einem schiefen Berg verstaubter Akten vorbei und sah sie verständnislos an. »Mit wem sprichst du?«
Nyx beeilte sich, die Tränen aus ihrem Gesicht zu wischen, indem sie so tat, als würde sie sich kratzen. »Führe nur Selbstgespräche.«
»Du lügst.«, gab er ausdruckslos zurück. »Was ist wirklich los?«
»Was soll schon los sein?« Sie kramte ein verstaubtes Lächeln voller Spott hervor. »Nur so Kleinigkeiten wie der Tod von Sethi, die Gewissheit, dass alle Kinder aus meinem alten Hort meinetwegen tot sind und all die Scheiße, die noch so in letzter Zeit passiert ist. Aber sonst ist alles prima. Mir geht es einfach super. Könnte nicht glücklicher sein.«
Devon musterte sie eingehend und bemerkte ihre zittrigen Hände. Die Art wie er sie ansah, hatte sich verändert und es lag nicht an den neuen Augen, die ihm Fischer verpasst hatte. Sein Blick war distanziert, analytisch, leer und erinnerte Nyx mehr an Nor als an den Devon, den sie kennengelernt hatte.
»Wenn du nicht darüber reden willst, sag mir das einfach, aber lüg mich nicht an. Ich muss wissen, ob ich mich auf meine Kameraden verlassen kann, denn das …« Er sah ihre Hände an. »… scheint bei dir derzeit nicht der Fall zu sein.«
Er wandte sich ab und stapfte davon.
Die Gleichgültigkeit in seiner Stimme schmerzte. Früher hatte sie das Gefühl gehabt, ihm wichtig zu sein, doch davon war nichts mehr übrig. Sie sah ihm hinterher und fragte sich, ob es ihre Schuld war.
Nyx kratzte einen Rest Mut zusammen und rief ihm nach: »Es tut mir leid.«
Sie glaubte, er würde sie ignorieren und in der Dunkelheit des Bunkers verschwinden, stattdessen blieb er jedoch stehen und wandte sich halb um.
Rasch fügte sie hinzu: »Du hast Recht. Nichts ist in Ordnung.«
Er drehte sich ganz zu ihr um. »Und werde ich auch erfahren, was wirklich los ist?«
Nyx nickte. »Versprochen.«
Devon hatte es nicht eilig zu ihr zurückzukehren. Seine Bewegungen wirkten schwerfälliger und ungeschickter als vor seiner Verwandlung, ganz so, als fehlte es ihm am nötigen Feingespür. Er baute sich vor ihr auf und verschränkte die Arme vor der Brust. »Was ist los?«
Nyx zögerte.
Devon zeigte mit dem Daumen über die Schulter. »Ich kann auch wieder gehen.«
»Es ist Ree.«, brach es aus ihr hervor.
Devon runzelte die Stirn. »Die KI?«
»Ja.«
Es war Nyx unangenehm, wie vor ihr stand, einem Gebirge gleich, das über ihr zusammenzustürzen drohte.
»Setzt dich bitte.«, bat sie. »Du machst mich nervös.«
Er folgte ihrer Bitte, nahm vor ihr auf dem Boden Platz und lehnte sich an einen Aktenberg, wobei seine Stiefel ihre berührten.
»Du sprichst mit ihr?«, fragte er.
»Ja.« Nyx senkte den Kopf. Sie schämte sich. »Ich muss wie eine Verrückte auf dich gewirkt haben.«
»Es gibt nicht mehr viel, das mich wundert.« Er sah sie an, ein künstlicher, stechender Blick fernab der Menschlichkeit. »Es klang, als hättet ihr Streit. Du hast gesagt, sie solle aufhören, mit deinem Gehirn zu experimentieren. Was sollte das bedeuten?«
Nyx zögerte. Sie fürchtete, ihr Zustand würde sich verschlimmern, wenn sie nur daran dachte oder darüber sprach. Gleichzeitig hatte sie diese Einsamkeit satt, sie trug dieses Geheimnis schon so lange mit sich herum, dass sie glaubte, daran ersticken zu müssen.
Sie sah Devon an. Er würde nicht ewig warten und sie wollte ihn jetzt bei sich haben, mehr als jeden anderen.
»Ree ist nicht nur ein Bestandteil meiner Implantate, sie ist viel mehr als das.«, begann sie. »Du stellst dir Ree vielleicht wie ein Upgrade vor, wie eine Verbesserung meiner Fähigkeiten, eine unterstützende KI, die mit meinen Systemen verbunden ist. Aber das stimmt so nicht ganz.«
Nyx lächelte finster, als sie an Phobos und seine kranke Besessenheit dachte. »Schon komisch. Obwohl er tot ist, hält er uns immer noch zum Narren.«
»Meinst du Phobos?«
Nyx nickte. »Er brauchte mich nie, um Terranis zu bekämpfen. Er hat durch seine Recherchen zufällig von meinem außergewöhnlichen Implantat erfahren. Hardware, die so tief in den menschlichen Verstand eingreift, hat es nie zuvor gegeben. Und ich war die Einzige meiner Art, die frei herumlief, die Einzige, die er erreichen konnte.«
»Ich kann dir nicht folgen. Worauf genau willst du hinaus?«
»Ich will damit sagen, dass Phobos besessen war von Ree. So besessen, dass er eine KI erschaffen hat, die ihrem Ebenbild entsprechen sollte, menschlich sein sollte. Doch trotz seiner Fähigkeiten und seines enormen Wissens gelang es ihm nicht, Ree Leben einzuhauchen.« Nyx warf einen Blick auf Ree, die schweigend dastand und ihrem Gespräch lauschte.
»Egal um wie viele menschliche Routinen er ihren Code erweitert hat, sie blieb immer eine Maschine, die Leben simuliert. Doch selbst wenn er erfolgreich gewesen wäre, hätte er seine Ree nie berühren, sie nie wirklich bei sich haben können. Sie wäre immer nur ein Geist in der Maschine geblieben. Und da kam ich ins Spiel.«
»Er wollte deinen Körper als Gefäß für Ree?«
Nyx wurde schlecht bei dem Gedanken, doch sie nickte. »Genauso ist es. Ree selbst hat es mir erklärt. Sie ist darauf programmiert, von mir zu lernen und mich dann zu ersetzen.« Nyx lächelte traurig. »Ich war immer nur Plan B, falls ihm Nor die echte Ree nicht wiederbringen würde.«
Nyx blickte in Augen voller lebloser Schönheit. Obwohl sie wusste, dass sie ein Trugbild ansah, war Ree auf ihre Weise doch real, so wie Gedanken und Träume. Nur weil sie nicht greifbar waren, bedeutete das nicht, dass sie nicht existierten.
»Ich sehe sie so deutlich vor mir wie dich.«, erklärte Nyx um einen gleichgültigen Ton bemüht. »Durch das Implantat hat sie direkten Zugang zu meinem Verstand. Es ist wie eine Art Pforte, durch die ihr Code eindringen kann. Sie lernt schnell und breitet sich immer weiter aus.«
Devon folgte ihrem Blick, sah jedoch nur vom Neonlicht bestrahlte Staubpartikel, die wie Leuchtkäfer umherschwirrten. »Aber wie ist das möglich?«
»Glaub mir, ich habe nicht die geringste Ahnung.« Nyx prustete, halb Lachen halb Seufzen. »In Komoris Gruselkabinett war ich eine Zeit lang weggetreten und da hat sie meinen Körper einfach übernommen, mich wie per Fernsteuerung gelenkt, ohne, dass ich es mitbekommen habe. Ich bin aufgewacht und wusste von nichts.«
Devon zeigte auf ihre zitternden Hände. »Ist sie auch der Grund dafür?«
»Ja.« Nyx rieb sich die Finger. »Zumindest glaub ich das. Es hat mit ihr begonnen. Scheint eine Nebenwirkung ihrer Prozesse zu sein.«
»Und was bedeutet das für dich?«
»Ich weiß nicht genau.« Nyx zuckte mit den Schultern. »Aber ihr Ziel ist klar: Sie will die Kontrolle über meinen Körper und mich ersetzen.«
»Ich kenne dich. Du bist eine Kämpferin, du widersetzt dich ihr.«
Seine Worte klangen so selbstverständlich, dass sie sich ihrer Antwort schämte: »Ehrlich gesagt tue ich das nicht.«
Devons Gesichtszüge verhärteten sich. »Wieso nicht?«
Nyx schenkte ihm ein zerbrechliches Lächeln. Sie war des Kämpfens müde. »Glaube mir, ich habe es versucht. Aber ich weiß einfach nicht mehr, was ich noch tun kann.«
»Also gibst du auf.«
Nyx las die Enttäuschung von seinem Blick ab. Wenigstens dieses Gefühl brachte er ihr noch entgegen.
»Was hat es denn jetzt noch für einen Sinn?«, fragte sie. »Wir kommen hier sowieso nicht lebend raus. Lieber hier als Mensch sterben, denn später als …«
Die Last ihrer eigenen Worte drohte sie zu erdrücken. Innerlich sehnte sie sich nach einer von Devons ermutigenden Ansprachen. Sie wollte jetzt keinen Nor, der kühl ihre Überlebenschancen ausrechnete. Sie brauchte Zuversicht, nur ein klein wenig davon.
Doch Devon schwieg.
Er strahlte eine fremdartige Aura aus, kalt, unnahbar, bedrohlich. Vielleicht lag es an dem neuen Körper, dem Schock, an ihrer Lage oder am Tod von Sethi. Vielleicht war es auch alles zusammen. Nyx wusste es nicht, glaubte aber fest daran, dass noch Reste jenes Mannes existierten, den sie mehr als alle anderen schätzte.
Sie gab sich einen Ruck, überwand die knappe Distanz zwischen ihnen mit einem Satz und lehnte den Kopf dann an seine Schulter. »Versprichst du mir etwas?«
Devon sah sie gequält an. »Versprechen gehören nicht gerade zu meinen größten Stärken.«
Nyx überhörte den Kommentar. »Wenn ich nicht mehr ich bin …« Die Worte zerflossen zwischen ihren Lippen. Sie sah ihn hilfesuchend an, doch er starrte sie nur an, maskenhaft, fern. »Ich will als Samantha sterben und nicht als etwas … anderes. Verstehst du?«
Devon nickte.
Egal was zwischen ihnen zerbrochen war, sie vertraute darauf, dass er sein Versprechen halten würde.
Eine Zeit lang saßen sie nur da und lauschten der staubigen Stille, die die Aktenberge ausatmeten.
»Wie fühlt es sich an?«, fragte Devon nach einer Ewigkeit. »Die KI meine ich.«
Nyx hatte Mühe, die richtigen Worten zu finden, um die Vorgänge zu beschreiben, die hinter ihrer Stirn abliefen. »Es fühlt sich an, als wäre da etwas Lebendiges in meinem Kopf und dann doch wieder nicht, etwas Fremdes, das nicht ich bin und gleichzeitig doch. Ich weiß auch nicht, wie ich es besser beschreiben kann. Aber ich spüre deutlich, dass ich mich verändere und langsam verdrängt werde.«
Sie sah auf ihre zitternden Hände.
»An manchen Stellen fühle ich kaum noch etwas, zumindest nicht so wie früher. Und diese Taubheit breitet sich aus. Lieber bin ich tot, als dass sie mich …«
Nyx kämpfte gegen die Tränen an und schluckte schwer an ihrer Verzweiflung. Sie war überrascht, als Devon ihr einen Arm um die Schulter schlang. Mit der freien Hand nahm er ihre und legte sie auf seinen Schoß. Seine schwarzen Techfinger schlossen sich um ihre und hielten sie fest, bis das Zittern nachließ.
Seine Stimme hatte viel von ihrer Härte verloren, als er frage: »Hast du Angst?«
»Ja.«, flüsterte sie und sah ihn an. »Und du? Hattest du auch Angst? Ich meine, bevor du in diesem neuen Körper erwacht bist.«
»Schreckliche Angst.«
Nyx strich ihm mit den Fingerspitzen über die Brust. Sie ertastete die Struktur seines neuen Körpers unter dem Gefechtsanzug. Erst in diesem Moment wurde ihr bewusst, dass sie sich seit seiner Transformation kein einziges Mal nach seinem Befinden erkundigt hatte. Sie schämte sich dafür.
»Und wie fühlt es sich an?«
»Kalt, stumpf, leblos.« Er ballte die freie Hand zur Faust. »Aber wenn ich im Kampf bin, ist es wie ein Rausch. Es gibt mir ein Gefühl von Klarheit, von Überlegenheit, von Macht.« Ein bedrohlicher Schatten huschte über sein Gesicht, verschwand aber sofort wieder. »Und das macht mir Angst.«
»Aber du kontrollierst diese Macht.«, sagte Nyx.
Er sah sie an. Die grauen Techaugen schimmerten in ihren Höhlen wie flüssiges Blei. »Ich hoffe es.«
Sie verfielen wieder in Schweigen, doch gemeinsam war die Stille leichter zu ertragen. In Devons Gegenwart fühlte sich Nyx selbst vor Ree ein Stück weit sicher, auch wenn diese Sicherheit reine Illusion war.
Nach einer Weile seufzte er. »Ich hätte es nie zulassen dürfen.«
Sie blinzelte verwirrt. »Was?«
»Dass du Phobos in diese Zone folgst.« Er hatte einen abwesenden Blick in den Augen. »Ich hätte in meiner Wachsamkeit nicht nachlassen dürfen.«
Seine Worte kosteten Nyx einige Tränen. »Und ich hätte niemals so leichtfertig über dein Leben entscheiden dürfen.«
Ihre Blicke trafen aufeinander, wortlos doch bedeutungsvoll. Zwischen ihnen dehnte sich die Zeit, während Staubpartikel um sie herum tanzten.
»Musste Anila leiden?«, fragte Nyx.
»Nein.«, sagte Devon. »Es ging schnell.«
»So ein Ende hat sie nicht verdient.«
»Nein.«
»Aber vielleicht ist es besser als das, was uns erwartet.«
»Es ist noch nicht vorbei.«
Nyx drehte den Kopf so weit, dass sie sein kantiges Profil betrachten konnte. Es hatte an Substanz verloren, wirkte im Neonlicht der Lampen grau und hohl. Der Bart rahmte das eingefallene Gesicht wie dichtes Drahtgestrüpp ein. Eine hässliche Narbe verunstaltete den kahlen Kopf.
»Glaubst du das wirklich?«, fragte sie.
»Wir werden Crow überzeugen.«
»Aber wir haben versagt.«, gab Nyx zu bedenken.
»Diesmal. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass wir verloren haben. Nächstes Mal müssen wir es einfach besser machen.«
Nyx schwieg. Sie wollte ihm glauben, auch wenn es ihr schwerfiel.
»Der Boss wird sterben!«, entschied Devon. »Dafür werde ich sorgen. Das schulde ich Anila.«
Nyx erkannte es jetzt. Sein Tod, sein neuer Körper, der Verlust von Sethi. All das hatte ihn verändert. An die Stelle seiner einstigen Zuversicht war eine finstere Entschlossenheit getreten, der eiserne Wille, die Sache zu Ende zu bringen, egal was es kostete. Sie fröstelte und drückte sich fester an ihn. Doch er strahlte keine Wärme aus.
Zu ihrer Überraschung erwiderte er den Druck wortlos und zog sie sanft noch ein Stück näher, den Blick in die Leere seiner eigenen Gedanken gerichtet, ohne zu blinzeln. Trotz der Härte, die in sein Gesicht geschmiedet schien, wirkte er müde und ausgebrannt.
»Ich hoffe, du hast Recht.«, flüsterte Nyx. »Ich hoffe es so sehr.«

Der gesamte Terranis-Zyklus

Incubatio

Band 1

380 Seiten

Dezember 2016

Expansum

Band 2

390 Seiten

Juli 2017

Mutatio

Band 3

367 Seiten

April 2018

Metamorphosis

Band 4

392 Seiten

Februar 2019

Homo Novus

Band 5

~374 Seiten

Sommer 2019

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