Expansum

Band 2 des Terranis-Zyklus

Sci-Fi – Cyberpunk – Roman
Veröffentlichung: 01.07.2017
390 Seiten, Taschenbuch/ebook
KDP-ISBN: 978-1521598030

Coverdesign: Vincentius Matthew Djaya
Logodesign: Johannes Fischer

Eine kaltblütige Intrige brandmarkt Devon in den Augen der Weltöffentlichkeit als erbarmungslosen Mörder einer Gruppe harmloser Zivilisten. Er wird im Hochsicherheitsgefängnis des Sanctums weggesperrt und verliert immer mehr die Hoffnung – allein Detective Walker glaubt an seine Unschuld und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln: Er macht sich auf den Weg nach City One zu einem früheren Mitglied des aufgelösten Ghostteams, da ihm sein Instinkt sagt, dass Devon nur in seinem engsten Umfeld verraten worden sein konnte.

Unterdessen hat sich Nyx von ihrem Kräftemessen mit der überlegenen künstlichen Intelligenz Ree erholt und tritt ihrem geheimnisvollen Schöpfer Phobos in einer selbsterschaffenen Zone gegenüber. Er hat endlich ein paar Antworten auf ihre bohrenden Fragen zu Hort 33, warnt sie aber zugleich eindringlich vor den Hintermännern. Als sie seine Warnung auf die leichte Schulter nimmt, findet Nyx sich bald in einer ausweglosen Situation wieder, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint …

Leseprobe

1 – Meister des Krieges

Zelle 4 im Sanctum – City One

 

Drei Tage waren vergangen, seit man Major Devon Reeves in einer verlassenen Fabrik bei London festgenommen hatte. Er wurde beschuldigt, acht unschuldige Menschen, darunter vier Kinder, durch rücksichtsloses Verhalten im Einsatz getötet zu haben. Jemand hatte sich so große Mühe gegeben, seinen Ruf unter Unmengen von Blut, Innereien und Knochen zu begraben, dass er schon jetzt im Sterben lag.
Er war nun also Gefangener des Rates. Viel schwerer wog allerdings, dass er gleichzeitig Gefangener seiner eigenen Gedanken war. Er lag auf dem schmalen Bett einer karg ausgestatteten Zelle im Sanctum und starrte an die Decke. Kaltes Licht aus Leuchtstoffröhren füllte das moderne Verlies gleichmäßig aus und verscheuchte auch den letzten befreundeten Schatten. An diesem Ort besaß die Welt keinerlei Kontrast. Nur die pure Essenz seines Daseins blieb übrig. Alles, selbst seine Gedanken, war auf einen einheitlichen Grauton heruntergeregelt. Sogar die Töne schienen im synthetischen Licht verloren zu gehen, dass Devon den eigenen Atem mit belastender Deutlichkeit vernahm, als würde ihm ein Fremder ständig ins Gesicht atmen. Licht und Tonlosigkeit saugten jede Bedeutung und jegliches Zeitempfinden aus der Welt.
Devon verschränkte seine Arme hinter dem Kopf, während seine Augenimplantate wie deaktiviert auf die Decke gerichtet waren. Drei Tage war es her, dass er in die Falle der Unbekannten getappt war und seine Situation hatte sich seither nicht zum Besseren gewendet. Komplett von der Außenwelt abgeschnitten blieben ihm nur seine Gedanken und die Bilder der toten Zivilisten, für deren Ableben man ihn verantwortlich machte. Bei den Untersuchungen hatte sich herausgestellt, dass die beiden Familien in der Fabrik mit seiner Einsatzwaffe getötet worden waren. Die Projektile, die man aus den Leichen entfernt hatte, waren zweifellos aus seiner Waffe abgefeuert worden. Der eigentliche Schock war aber erst entstanden, als man Devon die extrahierten Aufzeichnungen seiner Implantate vorgeführt hatte. Zu Beginn hatte alles wie in seinem Gedächtnis ausgesehen. Er hatte die Umgebung der Fabrik beobachtet, war dann zur Seitentür gerannt und hatte schließlich das Gebäude gestürmt. Was er allerdings danach zu sehen bekommen hatte, war mit der ungebremsten Wucht einer Detonation mit seinen eigenen Erinnerungen kollidiert, dass Devon für lange Zeit erstarrt war.
Die Videoaufzeichnung zeigte aus seiner Egoperspektive, wie er das Feuer auf die bewaffneten Rebellen eröffnete. Nur lebten die Zivilisten zu diesem Zeitpunkt noch. Er sah sich selbst dabei zu, wie er ohne Rücksicht auf ihr Leben kämpfte. In dem Video schrie er auch keine Warnungen, sondern schlachtete die Angreifer sofort ab als würde es ihm Freude bereiten. Die beiden Familien gingen an seiner verabscheuungswürdigen Rücksichtslosigkeit zu Grunde. Devon wusste nicht, wie die Verantwortlichen hinter dieser Verschwörung es geschafft hatten, die Daten seiner Implantate so umfassend zu manipulieren, aber sie waren der zweite und noch wirksamere Beweis für seine Schreckenstat.
Danach hatte man ihn immer und immer wieder verhört. In endlosen, zermürbenden Befragungen hatte man ihm ein Geständnis abringen wollen. Doch Devon war bei seiner Geschichte geblieben, hatte mit der Ausdauer eines Veteranen die Wahrheit erzählt und von einer Verschwörung gesprochen. Er würde sich nicht für ein Verbrechen verantworten, das er nicht begangen hatte. Die Beharrlichkeit der polizeilichen Verhörexperten hatte sich an seiner Willenskraft die Zähne ausgebissen. Aber alle seine Worte und Beteuerungen waren unter der Beweislast wie Streichhölzer zusammengebrochen.
Niemand glaubte ihm.
Die Versuche des Rates und von Cardoso, die Sache zu vertuschen, scheiterten letztlich an einer Informationslücke. Devon wusste nicht, ob die Polizei selbst die Videos an die Medien durchsickern hatte lassen oder ob auch hier die Verantwortlichen hinter der Verschwörung ihre Finger im Spiel gehabt hatten. Er tippte auf die Verschwörer, aber es machte ohnehin keinen Unterschied. Tatsache war, dass alle Welt seine angebliche Bluttat mit eigenen Augen sehen konnte. Und was die leichtgläubigen Menschen in den Weiten des Frames sahen, galt ihnen als Wahrheit. Das war allerdings nur der erste Schritt in der erschreckend effektiven Kampagne, den frisch gebackenen Helden des Rats zu vernichten. Die ganze Situation hätte sich womöglich gerade noch bereinigen lassen, wäre der finale Schlag für sein Image nicht von einer anderen Seite gekommen.
Blackhammer.
Die Journalisten hatten sich wie ein Schwarm Fliegen auf die Vergangenheit des Schlächters gestürzt. Am Ende war es aber eine unbekannte, junge Journalistin, die die Welt mit einer Offenbarung schockierte, die Devon endgültig das Genick brach. Sie grub eine Geschichte aus den schwarzen Untiefen seiner Vergangenheit aus, von der er bereits geglaubt hatte, sie endlich losgeworden zu sein. Auf schmerzvolle Weise hatte er erkennen müssen, dass die Vergangenheit einen immer einholte, egal wie schnell man vor ihr davonrannte oder wie hart man daran arbeitete, sie zu begraben.
Während sich das erbarmungslose Weiß der Deckenbeleuchtung in seine Cyberaugen brannte, fand er sich plötzlich in Afrika in einem Truppentransporter an der Seite seiner Kameraden von Blackhammer wieder. Zwölf Söldner saßen sich in zwei Reihen mit je sechs Sitzen gegenüber, in denen sie festgeschnallt auf die Landung des massiven Transportgleiters warteten. Die Stimmung war angespannt aber optimistisch, alle erwarteten eine erfolgreiche Jagd, ein schnelles Abenteuer und einen Einsatzbonus für das eigene Konto. Es wurde gescherzt, gelacht und der eine oder andere markige Spruch abgelassen, um die Anspannung zu vertreiben. Zwei Kameraden unmittelbar neben Devon debattierten darüber, welche Waffe besser für den Wüsteneinsatz geeignet war. Spezifikationen und Erfahrungsberichte flossen in die Diskussion mit ein, bis das Gespräch in einen handfesten Streit überging.
Devon überprüfte gerade zum letzten Mal sein Sturmgewehr.
»Beschissener Sand.«, fluchte einer seiner Kameraden vor ihm und kratzte sich ausgiebig am Gesäß. »Verfängt sich in jeder Ritze.«
»Bei deinem haarigen Arsch kein Wunder.«, scherzte ein anderer.
Alle lachten, nur Devon war in die Inspektion seiner Waffe vertieft.
Private Wicker, die kräftige Frau mit den aggressiven Gesichtszügen an seiner Seite, stieß ihn mit dem Ellbogen an.
»Hey, Sarge.«, sagte sie und grinste herausfordernd. In ihren Augen funkelte die Mordlust und der ständige Wille, sich zu messen. »Angst, dass Sie nicht genügend Abschüsse zusammen bekommen?«
Auf ihrem schwarzen Helm waren mit weißer Farbe die Tötungen wie Kerben eingezeichnet.
»Habe nur keine Lust, unbewaffnet dazustehen.«, gab Devon zurück.
Die Frau holte ein Kampfmesser hervor und betrachtete es, als wäre es eine besondere Reliquie. Ein schräges Grinsen hing ihr im Gesicht.
»Schiss?«, fragte sie. »Dann bekommen die Bastarde eben die Klinge zu spüren.«
Devon antwortete nur mit einem distanzierten Lächeln.
»Wicker hat sicher auch ein Messer in ihrer Muschi versteckt.«, grinste Private Sotelo gegenüber.
Er fixierte die Frau, bis sein Blick jäh abschweifte und anzüglich ihre Einsatzmontur entlang streifte. Sie ließ die Musterung souverän über sich ergehen und reagierte dann mit betontem Desinteresse: »Was ich in meiner Muschi verstecke, wirst du nie erfahren, Frog.«
Private Sotelo war der kleinste Mann in der ganzen Einheit und hatte gleichzeitig das größte Mundwerk, was ihm den Spitznamen Frog eingebracht hatte. Wieder einmal bewies er, dass er ihn nicht zu Unrecht trug. Er präsentierte seine Zunge und bewegte sie zwischen seinen Zähnen.
»Du weißt, ich hab eine flinke Zunge, würde dir bestimmt Spaß machen.«, sagte er augenzwinkernd.
Der kräftigere Pisani lehnte sich zu Sotelo, ohne Wicker aus den Augen zu lassen.
»Hab gehört, Wicker wird immer feucht, wenn sie Maschinengewehrfeuer hört.«
Die beiden Männer warfen der Söldnerin dreckige Blicke zu, die sie mit einem mitleidigen Lächeln parierte.
»Ich mag es eben romantisch.«, entgegnete sie lässig. »Liegt wohl daran, dass Maschinengewehrfeuer hier das einzig Männliche ist.«
»Pah.«, grunzte Pisani. »Du weißt doch gar nicht, was du verpasst.«
»Einen vorlauten Gnom und einen hirnlosen Muskelhaufen?«, fragte sie und stieß dabei ein raues Lachen aus. »Was genau soll ich da verpassen?«
»Hey Wicker, wie wäre es mit einem Deal.«, schlug Sotelo vor. »Derjenige von uns, der heute die meisten Abschüsse macht, darf dir später ein wenig zur Hand gehen.«
»Ach wie schade.«, gab sie traurig zurück. »Wird heute also wieder eine Solopartie.«
»Passt besser auf.«, warf Devon ein. »Private Wicker hat Reißzähne zwischen den Beinen. Sie würde euch schneller kastrieren, als ihr nach euren Mamas schreien könnt.«
»Hört euch das an, der Sarge spricht wohl aus Erfahrung.«, grinste Pisani.
»Der Sarge ist ja auch schon erwachsen.«, sagte Wicker und tauschte einen raschen Blick mit Devon. »Aber keine Sorge, Jungs, wenn euch erst einmal Haare da unten gewachsen sind, werdet ihr das auch verstehen.«
Sotelo und Pisani gaben resigniert auf und seufzten.
»Der Sarge überlässt nichts dem Zufall, wie?«, sagte Sotelo.
»Da haben Sie verdammt Recht, Private.«, antwortete Devon.
Ein Rumpeln ging durch den Gleiter, was aber niemanden weiter störte. Sie waren schon inmitten von feindlichem Abwehrfeuer mehr abgestürzt als gelandet und hatten es überstanden. Für die hartgesottene Truppe von Blackhammer war es nicht der erste Einsatz, aber für viele würde es der letzte sein. Mit seinen achtundzwanzig Jahren war Devon bereits ein Veteran und hatte zehn Jahre Einsatzerfahrung vorzuweisen.
»Dieses verfluchte Land ist die reinste Hölle.«, grunzte der kräftige Pisani und wischte sich den Schweiß von der Stirn, obwohl die Klimaanlage auf Hochtouren lief. »Es ist, als hätte sich der Teufel zum Scheißen hingekniet und dabei Afrika ausgeschissen.«
»Ja, Captain, warum kämpfen wir immer auf diesem gottverlassenen Kontinent?«, fragte ein anderer.
»Weil es Ihr Job ist, Private.«, gab der alte Captain zurück. Er hatte ein künstliches Auge, das so aussah, als würde er eine Augenklappe tragen. Zusammen mit einer großflächigen Narbe im Gesicht wirkte er wie ein moderner Pirat.
»Erwartet uns wenigstens ein bisschen Action?«, fragte Sotelo.
»Sie kennen die Mission, Private Frog.«, kam die Antwort mit harter Stimme. »Wir werden ein Gebiet von rebellischen Besetzern säubern. Mehr müssen Sie nicht wissen.«
Wie immer hatten sie nur das Nötigste an Information bekommen, um den Einsatz durchführen zu können. Niemand stellte Fragen nach dem Warum oder dem Wie, die Befehle waren eindeutig. Söldner von Blackhammer zu sein bedeutete, strikt den Missionsparametern zu folgen und diese möglichst nicht zu hinterfragen.
Die Lichter innerhalb des Gleiters schalteten plötzlich auf Rot. Alle sahen gleichzeitig auf. Es war das Zeichen, dass sie in Kürze landen würden.
»Macht euch bereit.«, brüllte der Captain.
Gespräche verstummten jäh und auch das letzte Lachen verklang. Die Leichtigkeit der vergangenen Stunden wich der Konzentration vor dem Einsatz. Waffen wurden entsichert, Helme geschlossen und Ausrüstungsteile überprüft. Die Halterungen der Sitze lösten sich. Nacheinander standen die Söldner auf und bildeten zwei Reihen.
»Männer und die, die es noch werden wollen, ihr wisst, was uns erwartet.«, befahl der Captain und sah jeden einzelnen seines Trupps an. »Wenn heute niemand draufgeht, gibt es eine Prämie für alle, also lasst euch nicht abknallen!«
Der Transporter setzte mit einem harten Ruck auf und das hintere Tor schwang auf. Sie stürmten nach draußen in die Hitze und gingen in Position. Ein zweiter Transportgleiter spie einen weiteren Trupp Söldner aus. Zusammen waren sie fünfundzwanzig Mann. Späher wurden vorgeschickt, um die Lage zu sondieren. Erst als sie grünes Licht gegeben hatten, marschierten die beiden Trupps unter der Führung zweier Lieutenants und des Captains voran. Gemeinsam stapften sie durch den glühenden Sand. Devon konnte die Hitze durch die Stiefel hindurch spüren. Er glaubte auf einem Grill herumzulaufen. In der Ferne waberte die Luft, als würde die Welt vor seinen Augen schmelzen.
Die Gruppen überwanden eine Düne, hinter der ein kleines Tal lag. Es mochte einmal eine Oase gewesen sein, von der die Wüste aber nicht viel übrig gelassen hatte. Vertrocknete Pflanzen und Palmen saugten die letzten Tropfen aus einem schmalen Flussbett. Alles glühte in unterschiedlichen Rot- und Brauntönen.
Devon interessierte sich nur für die Bewohner der ehemaligen Oase. Er war nicht der Einzige, der überrascht war, als sie sich vor einem weitläufigen Lager wiederfanden. Devon machte eine schnelle Bestandsaufnahme und schätzte die Einwohnerzahl auf etwa zweihundert Personen.
»Bleibt wachsam.«, sagte der Captain. »Tangos können sich hier verstecken.«
Sie marschierten voran, alle Sinne auf das Äußerste geschärft. Jeder erwartete einen plötzlichen Angriff. Doch je weiter sie sich dem Lager näherten, desto stärker zweifelte Devon an einer Gegenwehr. Rund um die Reste des Flussbetts hatte sich eine Miniatursiedlung aus löchrigen Zelten und provisorisch zusammengebauten Hütten gebildet, die der lebensfeindlichen Wüstenlandschaft trotzte. Das schmutzige Wasser war die Lebensader der Einwohner und hielt die Wüste beharrlich auf Abstand. Nichts deutete auf die Anwesenheit von rebellischen Besetzern hin. Als auch der Captain das eingesehen hatte, gab er den Befehl zum Senken der Waffen. In loser Formation aber immer noch wachsam marschierte der fünfundzwanzigköpfige Trupp von Blackhammer durch das Lager, gefolgt von den müden Blicken der Ansässigen. Devon sah das Leid der Menschen an ausgezehrten Kinderleibern und verzweifelten Eltern, die ihrem Nachwuchs beim Hungern zusehen mussten. Fliegen umkreisten die kleinen Körper, als wüssten sie, dass es bald Nahrung für sie geben würde. Ein furchtbarer Gestank hing über dem Flüchtlingslager und verstopfte die Nebenhöhlen. Die Luft atmete sich wie Gift.
Noch nie in seinem Leben hatte Devon so viel Armut und so viel Leid an einen Ort verdichtetet gesehen. Falls es einen Gott gab, war selbst ihm dieses Plätzchen Erde zu elend und zu heiß. Devon kannte den Tod schnell, laut und kräftig, doch hier hatte er ein vollkommen fremdes Gesicht. Er ähnelte einer Seuche, langsam, grausam und alles andere als spektakulär. Devon verstand nicht, was sie hier taten, was der Auftrag war und er war nicht der Einzige, dem es so ging.
»Hey Captain, was wollen wir hier eigentlich?«, fragte eine der Frauen in ihrem Trupp.
Captain Woods, ein stoischer Mann, der Gefühle nur als abstraktes Konzept zu kennen schien, zog eine noch düstere Grimasse als sonst. Die Ratlosigkeit zog tiefe Gräben in sein alterndes Gesicht.
»Das frage ich mich auch.«, brummte er mehr zu sich selbst als zu seinen Soldaten.
Er setzte sich zusammen mit den Lieutenants der zwei Trupps ein Stück weit ab und kontaktierte die Blackhammer-Zentrale. Devon sah ihnen nach, konnte aber nicht verstehen, was sie sprachen. Sein siebenter Sinn teilte ihm mit, dass hier etwas faul war. Ein Gefühl, das immer wieder in Einsätzen ansprang wie eine verborgene Zusatzfunktion. Er hatte gelernt, auf dieses Gefühl zu hören, als wüsste sein Körper zuweilen mehr als sein Verstand.
»Hey, Sarge.«, sagte Sotelo und trat an Devon heran. »Glauben Sie, wir sind irgendwo falsch abgebogen oder so?«
»Ich habe keine Ahnung.«, antwortete er und verfolgte, wie sich die ranghöheren Offiziere aufgeregt miteinander unterhielten.
»Das ist vielleicht ein Drecksloch.«, verkündete Private Pisani und stapfte mit zornigen Schritten an ihnen vorbei. Er rümpfte die Nase und machte einen angewiderten Eindruck.
Die Flüchtlinge beäugten die anwesenden Söldner zwar kritisch, waren aber allem Anschein nach absolut harmlos. Sie sahen auch nicht aus, als würden sie sich mit ihren ausgezehrten Körpern großartig verteidigen können. Die meisten von ihnen waren in Lumpen gehüllt, manche Kinder rannten sogar nackt herum.
Devon spürte die um sich greifende Ungeduld seiner Kameraden. Ihm ging es nicht anders. Sie alle hatten einen Kampf erwartet und jetzt schwitzten sie bloß unter der brennend heißen Sonne.
»Kacke Mann, mir läuft die eigene Suppe schon in den Arsch!«, fluchte jemand neben Devon, doch er hörte nicht hin. Er beobachtete, wie sich der Captain und die zwei Lieutenants mit den Bewohnern des Lagers unterhielten.
Er fragte sich, was das zu bedeuten hatte. Wenn er es richtig interpretierte, suchten sie nach einem Verantwortlichen.
»Die Sache stinkt.«, sagte Sotelo. »Und ich meine nicht den Gestank hier.«
»Als hätte einem jemand direkt ins Gesicht geschissen.«, fügte Private Wicker hinzu. »Abartig.«
Sie hatte den Helm abgenommen, wodurch ihre himmelblauen Haare zum Vorschein kamen, die sie quer über den Kopf gekämmt hatte. Die Frisur begann auf der linken Seite knapp über dem Ohr und endete auf der rechten Seite in Höhe des Halses. Der Rest war komplett geschoren.
»Private, wer hat Ihnen die Erlaubnis erteilt, den Helm abzunehmen?«, fragte Devon.
Sie fuhr sich durch das Haar, den Helm unter der linken Achsel tragend und blitzte ihn spöttisch an.
»Ach kommen Sie, Sarge.«, stöhnte sie. »Es ist verschissen heiß hier. Wird schon niemand auf mich schießen.«
»Aufsetzen!«, befahl Devon, der kein Interesse daran hatte, von seinem Lieutenant oder gar dem Captain persönlich eine Standpauke zu bekommen, nur weil jemand in seinem Team glaubte, sich wie ein Idiot verhalten zu müssen. Ein Rang war schnell aberkannt und Devon hatte auch nicht vor, auf den damit verbundenen höheren Sold zu verzichten.
Wicker verdrehte die Augen und setzte den Helm wieder auf.
»Ist ja schon gut.«
Devon bemerkte erst nach einer Weile, dass unmittelbar neben ihm ein kleines Mädchen stand und ihn mit großen Augen anstarrte. Aus ihrer Perspektive musste er wie ein Riese wirken. Die Kleine trug ein vergilbtes Kleid mit ausgebleichtem Blumenmuster. Auch wenn ihr dunkelhäutiges Gesicht vom Hunger gezeichnet war, war ihr Blick aufgeweckt. Angst hatte sie offensichtlich keine vor ihm. Devon erwiderte ihren interessierten Blick für eine Weile, ohne etwas zu sagen.
»Hey Sarge, Sie haben wohl eine neue Freundin gefunden.«, lachte Wicker ein paar Meter hinter ihm. »Noch ein bisschen jung, meinen Sie nicht?«
Devon sah in die dunklen Augen, die noch so viel zu sehen hofften und erinnerte sich für einen kurzen Augenblick an seine Schwester. Wie ein brennend heißes Stück Eisen ließ er die Erinnerung fallen, bevor sie ihn emotional verbrennen konnte. Der Moment zog sich in die Länge, da er nichts mit dem Kind anzufangen wusste. Sollte er sie einfach verscheuchen? Plötzlich kam ihre Mutter wild gestikulierend gelaufen, schnappte sich das Mädchen, warf Devon einen wütenden Blick zu und verschwand, als hätte er sie unsittlich berührt. Er war froh, von dem kleinen Plagegeist befreit worden zu sein.
Zugleich kehrten der Captain und die Lieutenants zu ihren Trupps zurück.
»Wie sieht es aus, Captain?«, fragte Sotelo.
»Wenn Sie Ihr vorlautes Maul nicht ständig offen hätten, Private Frog, könnten die Erwachsenen auch einmal etwas sagen.«, knurrte der Captain. »Männer …«
Er sprach seine Truppen prinzipiell mit Männer an, egal ob Frauen seinem Kommando unterstanden oder nicht. Für ihn waren sie alle Männer, egal welche Geschlechtsteile sie in ihren Hosen herumtrugen. Es gab keine Sonderbehandlung, jeder musste seinen Job erledigen.
»Overlord hat uns den Befehl gegeben, dieses Lager zu räumen.«, erklärte er. Seine Worte wurden über Funk an jeden einzelnen Soldaten übermittelt. »Die Leute sind hier auf Firmengrund und müssen entfernt werden. Wir haben versucht, uns mit ihnen zu einigen, aber sie weigern sich zu gehen. Das bedeutet, wir werden ihnen ein bisschen Angst einjagen und sie von hier vertreiben. Kein Einsatz von Schusswaffen bis ich es ausdrücklich befehle, ich wiederhole, kein Einsatz von Schusswaffen bis ich es ausdrücklich befehle.«
Sotelo warf Devon einen vielsagenden Seitenblick zu. Die Lieutenants teilten sich auf ihre Trupps auf und gaben weitere Befehle. Eine einzelne, schwarze Reihe aus Blackhammer-Söldnern wurde gebildet, die sich grob an der Breite des Lagers orientierte. Gemeinsam marschierten sie los. Wer von den Besetzern nicht freiwillig ging, wurde gestoßen oder geschlagen. Vereinzelte Sturköpfe zerrten sie aus den Hütten und Zelten. So trieben sie die Bewohner dieser sterbenden Oase vor sich her und zerstörten dabei ihre kläglichen Unterkünfte.
»Für diese Scheiße kriegen wir zu wenig Geld.«, sagte Sotelo und machte neben Devon ein unglückliches Gesicht.
Devon wusste, dass er trotz seines losen Mundwerks ein guter Mann war. Er hatte Frau und Kind in Spanien, um die er sich liebevoll kümmerte, wenn er von den Einsätzen nach Hause kam. Doch Blackhammer vertrat die Interessen eines Kunden und wenn sich diese Leute zu Unrecht auf diesem Stück Land aufhielten, mussten sie entfernt werden.
Pisani sprach aus, was Devon dachte.
»Hätten nicht auf Firmengrund campen dürfen.«
Sotelo, der gegen den kräftigen, mit Implantatarmen verbesserten, Pisani wie ein Zwerg wirkte, schüttelte nur den Kopf.
»Hier ist doch nur Sand und ich sehe nirgends ein Firmenlogo.«
»Du redest zu viel, Sotelo.«, mischte sich nun auch Wicker ein. Sie marschierte auf der anderen Seite von Sotelo.
»Haltet alle die Klappe und macht euren Job!«, befahl Devon. »Wir haben eine Mission zu erfüllen, ob sie euch gefällt oder nicht. Dafür bekommt ihr euer Geld.«
Sie trieben immer mehr Bewohner vor sich her, ohne einen einzelnen Schuss abzugeben. Doch irgendwann kam der Moment, da der Marsch von Blackhammer ins Stocken geriet. Wo sie zuvor nur vereinzelte, sture Flüchtlinge gewaltsam zum Weitergehen bewegen hatten müssen, wehrten sich nun mehr und mehr dagegen, wie Tiere fortgejagt zu werden. Devon hatte plötzlich das Gefühl, durch eine zähflüssige Masse aus Gestank und menschlichen Leibern zu waten. Schon bald mussten sie jedem einzelnen Bewohner mit Gewalt beikommen, was ihr Vorankommen deutlich erschwerte.
Die Söldner von Blackhammer schrien ihre Warnungen über das Lager hinweg, zerstampften Zelte und demolierten Hütten, doch je mehr Druck sie ausübten, desto stärker wurde die Gegenwehr. Devon verstand das nicht. Diese Menschen mussten doch einsehen, dass sie gegen die bewaffneten Einheiten von Blackhammer keine Chance hatten. Wieso also sich wehren, wieso sich schlagen lassen? Niemals hätte er mit einer solchen Hartnäckigkeit gerechnet.
Private Wicker trat gerade einen am Boden seines Zelts sitzenden alten Mann mit Füßen und wollte ihn dadurch zum Gehen bewegen. Seine Haut wirkte verdorrt und trocken, als hätte die Sonne jegliche Elastizität aus ihr herausgebrannt.
»Beweg dich!«, schrie sie ihn an.
Er steckte die Tritte ein wie ein morsches Blatt, das im Wind hin und her schaukelte. Er starrte einfach an ihr vorbei, als würde ihn die Sache nicht im mindesten interessieren. Wicker trat ihn einige Male wie einen Straßenhund, imponierte dem Alten damit aber nicht.
»Ich knall dich ab, wenn du deinen Arsch nicht auf der Stelle bewegst, alter Mann.«
Wicker richtete den Lauf ihres Sturmgewehrs auf den Kopf des Mannes. Devon hatte ihr Gesicht noch nie so angespannt gesehen. Unbeeindruckt von ihrer Drohung setzte er seinen stillen Widerstand fort, die Augen starr geradeaus gerichtet.
»Bring dem alten Knacker endlich Manieren bei!«, zischte Pisani ein Stück weiter vorne und trat gerade eines der Zelte in seine Einzelteile.
In diesem Moment riss der Geduldsfaden der jungen Soldatin. Sie drehte die Waffe herum und schlug mit dem Kolben mehrmals auf den Alten ein.
»Ich hab dir gesagt, du sollst dich bewegen!«, fluchte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen.
Mehrfach ließ sie den Gewehrkolben auf den Kopf des Mannes niederfahren. Dieser hob nur die Hände, um sein Gesicht zu schützen. Kein einziger Schmerzensschrei entkam seiner trockenen Kehle. Sein stiller Widerstand stoppte den Vormarsch von Blackhammer endgültig. Als ob er den anderen Menschen zeigen würde, dass es mehr Möglichkeiten gab als nur zu fliehen, blieben alle Flüchtlinge stehen. Immer mehr Einwohner sahen, was geschah und mit den Schlägen schien etwas in ihnen entfacht zu werden. Anstatt sich weiter wie Vieh davontreiben zu lassen, wandten sie sich gegen ihre Peiniger, die Gesichter zu wütenden Fratzen verzerrt.
»Private Wicker.«, rief Devon, dem die veränderte Situation nicht entgangen war. Doch sie war wie im Rausch und schlug immer weiter auf den alten Mann ein.
Etwas flog durch die Luft. Wicker wurde im Gesicht getroffen. Der scharfkantige Stein zog eine blutige Spur über ihre linke Wange. Erschrocken hielt sie in ihren Schlägen inne und berührte die Wunde. Schreie gellten durch das halb eingerissene Lager. Die Stimmen von über hundert verzweifelten Frauen, Männern und Kindern brachten die Luft zum Vibrieren. Dann brach das Chaos über die Söldner von Blackhammer herein. Immer mehr Flüchtlinge bewarfen sie mit Gegenständen. Von überall in der geordneten Reihe von Blackhammer kamen Meldungen über die aggressive Reaktion der Bewohner.
»Treibt sie zurück.«, schrie der Captain und schoss mit seinem Gewehr in die Luft.
Er hatte gehofft, die wütende Meute damit aufzuschrecken, was ihm auch für einen kurzen Augenblick gelang. Doch jemand in der Reihen von Blackhammer hatte den Schuss als Erlaubnis für den Waffengebrauch fehlinterpretiert. Eine Salve traf eine Gruppe Einwohner und tötete zwei von ihnen auf der Stelle, weitere wurden verletzt.
»Nicht schießen!«, brüllte der Captain entsetzt, doch es war zu spät.
Angefeuert von dem heimtückischen Angriff auf ihr Leben wurden die Flüchtlinge zu einer rasenden Horde Wilder. Mit der Entschlossenheit von Menschen, deren persönliches Leid eine Grenze überschritten hatte, gingen sie auf den Trupp von Blackhammer los. Was sie zwischen die Finger bekamen, nutzten sie als Waffe gegen die Invasoren. Devon musste zwei Männer, die ihn mit Stöcken attackierten, abwehren, indem er sein Gewehr als Schlagwaffe einsetzte. Er erkannte in ihren Augen den alten Instinkt von in die Ecke gedrängten Tieren, die keine andere Wahl mehr hatten als zu kämpfen.
Ein paar der Einwohner konnte Devon durch sein Training und seine Kraft zurückschlagen, doch es griffen ständig mehr an. Weit in der Unterzahl wurde es schnell kritisch für die Söldner von Blackhammer. Immer wieder schoss jemand. Der Funk war ein Gewirr aufgeregter Stimmen, die um Feuerbefehl baten, dazwischen das Brüllen des Captains, der zum geordneten Rückzug aufforderte. Devon wurde von mehreren Flüchtlingen bedrängt, die sich ohne Rücksicht auf ihr Leben auf ihn warfen. In ihren zornig geweiteten Augen erkannte er unbändigen Überlebenswillen. Er bekam einige Treffer am Kopf ab, wehrte sich aber verbissen und teilte wüste Schläge aus.
»Sie haben Private Lakes erwischt.«, schrie jemand im Funk.
Von mehreren Seiten kamen Hilfeschreie. Devon sah, wie der kleine Sotelo von einer Gruppe Männer bedrängt wurde. Er konnte ihm nicht helfen, da er selbst alle Hände voll zu tun hatte.
»Feuer! Erschießt sie!«, schrie plötzlich jemand in den Köpfen der Blackhammer-Söldner. »Erschießt sie alle!«
Es war die Stimme eines Lieutenants, der die Nerven verloren hatte. Da seine Worte in den Empfangsgeräten lauter erklangen und die beschwichtigende Stimme des Captains im Rattern der Gewehrsalven unterging, empfanden sie die bedrängten Soldaten als eindeutigen Befehl. Der schwarz gekleidete Trupp schnitt mit seinen Waffen eine Schneise durch die Reihen der Flüchtlinge. Schmerzensschreie erfüllten die aufgeheizte, stickige Luft. Der Captain hatte die Kontrolle verloren. Auch die letzten zögernden Söldner eröffneten jetzt das Feuer, um sich zu befreien.
Derselbe Mechanismus, der die Flüchtlinge zu ihrem selbstmörderischen Angriff verleitet hatte, ergriff nun auch von Devon Besitz. Die Menschlichkeit, sein ganzes Denken und sein Gewissen zogen sich an einen weit entfernten Ort zurück, degradiert zu stillen Beobachtern. Er wirbelte die Waffe herum, mit der er gerade noch Schläge ausgeteilt hatte und schoss dem ersten Bewohner zwischen die Augen. Der Treffer warf seinen Kopf zurück, ehe er wie eine leere Hülle zur Seite kippte. Den nächsten Angreifer stieß er zu Boden und jagte ihm eine Salve hinterher. Als er endlich wieder ein wenig Raum hatte, schwang er das Sturmgewehr herum und feuerte ziellos in die Reihen der Hoffnungslosen.
Die Geschehnisse der darauffolgenden Minuten gingen in einem Durcheinander aus Lärm und Empfindungen unter. Wie im Blutrausch mähten die Söldner jeden lebenden Flüchtling nieder. Frauen, Kinder, alte Männer, sie alle vergingen im Feuer der Waffen, selbst als der Widerstand längst gebrochen und die restlichen Einwohner auf der Flucht waren. Niemand wurde verschont. Wie automatische Zielcomputer nahmen sich die Söldner einen nach dem anderen vor.
Sieben Kameraden von Devon und mehr als zweihundert Zivilisten starben bei diesem ungleichen Kampf. Als die letzte Stimme über dem Lager verhallt war, setzte eine unerträgliche Stille ein. Eine Stille so dicht und schmerzhaft, dass sie einen Mann in den Wahnsinn treiben konnte. Selbst der Wind schwieg ob des entsetzlichen Gemetzels.
Langsam lichtete sich der blutrote Nebel des Krieges, der die Sicht und das Denken von Devon eingeengt hatte. Seine Augen sahen das Unbeschreibliche, doch sein Verstand vermochte es im ersten Augenblick nicht zu begreifen. Die Erkenntnis sickerte erst allmählich in seinen Verstand wie Blut in den sandigen Boden. In diesem Moment, als die Gewehrsalven verklungen waren, kehrten Gewissen und Menschlichkeit zurück, um über ihn zu richten. Devon spürte, wie die Waffe langsam aus seinen Händen glitt und auf den blutüberströmten Boden fiel. Sein Körper zitterte, als er das unvorstellbare Gemetzel vor sich sah. Selbst der kümmerliche Rest des Flusses hatte sich blutrot gefärbt. Prüfend stolperte sein Blick über die Leichenberge hinweg, auf der Suche nach Lebenszeichen, doch er fand nur Tod. Er sah ihn in leeren Kinderaugen, in den verzerrten Haltungen der Frauen und in den blutigen Leibern der Männer.
Neben Devon schoss sich Sotelo mit seiner eigenen Pistole ins Gesicht. Devon registrierte es am äußersten Rand seiner Wahrnehmung. Die Schüsse zweier weiterer Kameraden, die den Anblick ihrer Tat nicht ertrugen, hallten über das ausradierte Lager, ohne dass ihnen jemand Beachtung geschenkt hätte. Jemand schluchzte in der Nähe. Devon sah ein totes Mädchen vor sich auf dem Boden liegen, darüber den leblosen Leib eines Mannes, der versucht hatte, es mit seinem Körper zu schützen. Doch Kugeln interessierten sich nicht für Schuld oder Unschuld, sie unterschieden nicht zwischen Kindern und Erwachsenen. Genau so wenig wie sie alle an diesem Tag unterschieden hatten.

 

City One – Atlantik

 

Detective Garreth Walker saß im hintersten Teil der Bar und blies perfekt geformte Rauchringe in die Luft. Über der Theke hingen drei Bildschirme, auf denen ein Fußballspiel lief. Der Nachmittag war erst angebrochen und entsprechend wenig war noch los. Ein paar vereinzelte Gäste verirrten sich in die Bar, tranken und gingen wieder. Nur eine Gruppe von vier Männern verfolgte das Match auf den Monitoren.
Walker war erst vor ein paar Stunden in City One eingetroffen und hatte sich diese Bar am Fuße der Stahl- und Konststoffgebirge für das Treffen ausgesucht. Hierher kamen hauptsächlich Arbeiter, die im gewaltigen Bauch der schwimmenden Stadt ihren Pflichten nachgingen, schließlich konnte nicht jede Aufgabe von Bots übernommen werden. Sie waren diejenigen, die im Untergrund dafür sorgten, dass das Juwel City One funktionierte, während sich andere in den strahlenden Türmen und unter dem Blick der Sonne räkelten.
Unauffällig beobachtete Walker die Gruppe Männer am Tisch nebenan. Sie trugen Arbeiterkleidung und waren kräftig gebaut. Zwei von ihnen hatten massige Implantatarme für schwere Arbeiten. Sie waren ganz in das Spiel vertieft, unterhielten sich und fieberten lautstark mit, wenn es spannend wurde. Sie sahen aus, als wären sie gerade von einer langen Schicht gekommen, mit zerknitterten Gesichtern und schrundigen Händen. Wortlos schüttelte Walker den Kopf. In all den Jahrtausenden hatte sich nichts geändert. Die Welt hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, die weniger Privilegierten als Fundament auszugießen, dass die Oberschicht bequem auf ihnen schreiten konnte. Hatten sich Herrscher, Despoten und Adelige früher in ihren Burgen, Festungen, Palästen und Türmen über ihre Untertanen erhoben, waren es jetzt Firmenbosse, Politiker und Lobbyisten, die über den einfachen Bewohnern thronten. Walker hatte nichts anderes erwartet. Die perfekten Postkartenansichten von City One waren nichts weiter als Teil einer ausgeklügelten Marketingkampagne. Der Rat verkaufte eine Idee von Gerechtigkeit, die der Realität nicht standhielt, nicht einmal in ihrem eigenen, schwimmenden Refugium.
Zu lange hatte Walker in einer Welt voller Korruption und Verbrechen gelebt, als dass er noch auf solche Versprechungen hereingefallen wäre. Zu lange hatte er auf der Seite der kleinen Leute gekämpft und einmal zu oft verloren. Gleichheit existierte nicht, auch wenn sie von vielen unablässig propagiert wurde. Sie war eine Illusion.
Walker verscheuchte die Gedanken, als sich die Tür zur Bar öffnete und seine Verabredung eintrat. Er drückte die Zigarette aus und beobachtete, wie sich Lieutenant Anila Sethi mit einer Mischung aus militärischer Steifheit und weiblicher Eleganz auf den Tisch zubewegte. Es war das erste Mal, dass er sie in ziviler Kleidung sah. Ihr schlanker, durchtrainierter Körper zeichnete sich unter der engen Jeans und dem Shirt ab, über dem sie eine sportliche Jacke trug. Ihre Schönheit war unbestreitbar, aber abweisend, kalt und unnahbar. Wie üblich war ihr Gesicht eine fein gearbeitete Maske, undurchdringlich und unverrückbar. Heute wollte Walker sie ihr vom Kopf reißen.
Mit einem Gedankenbefehl an sein Neuroimplantat aktivierte er das Sozialmodul, das ebenso illegal und weltweit verboten war wie ein Großteil seiner Hardware. Sofort schoben sich neue Anzeigen und Werte in sein Sichtfeld. Das Modul ermöglichte eine Analyse des Gesprächspartners. Zusammen mit seinen anderen Implantaten und blitzschnellen Prozessoren gestattete es ihm, sein Gegenüber besser zu durchschauen. Körpersprache, Gesichtsausdruck und Stimmlage wurden aufgezeichnet und zu einem Gesamtbild verarbeitet. Auch unwillkürliche Körperreaktionen wie die Erweiterung der Pupillen, ein beschleunigter Herzschlag und das Erröten des Gesichts wurden vom System binnen Millisekunden erfasst und ausgewertet. Zusammen mit typischen sprachlichen Reaktionen ergab sich so ein komplettes psychologisches Profil und vor allem eine Echtzeit-Analyse, die Walker nutzen konnte, um Verhöre nach seinem Wunsch zu beeinflussen.
»Lieutenant, es freut mich, dass Sie gekommen sind.«, sagte er mit professioneller Freundlichkeit und lächelte dezent. »Nehmen Sie doch bitte Platz.«
»Detective.«, gab sie knapp zurück und setzte sich ihm gegenüber auf die Bank. »Sie sagten, Sie hätten neue Informationen zu dem Attentat auf den Rat?«
In ihrer Stimme war eine so offenkundige Distanziertheit als wären sie sich nie zuvor begegnet. Walker hatte richtigerweise erwartet, dass es kein freundschaftliches Gespräch werden würde.
»Was, gar kein Smalltalk heute?«, fragte er spöttisch.
»Für ein bisschen Smalltalk sind Sie bestimmt nicht den weiten Weg nach City One gekommen.«, erwiderte sie ungerührt. »Sagen Sie, was Sie zu sagen haben, andernfalls werde ich wieder gehen.«
Walker machte ein unschuldiges Gesicht und wog den Kopf leicht hin und her.
»Was das betrifft, habe ich möglicherweise ein wenig übertrieben.«
Sein Blick hätte sich beinahe an ihren scharfen Gesichtszügen geschnitten.
»Wieso haben Sie mich dann hierher bestellt?«, fragte sie ungeduldig.
»Ich habe gehört, dass Sie gerade unfreiwillig Urlaub machen.«, sagte Walker, was Sethis Pupillen aufblitzen ließ. Die Anzeigen vor seinen Augen sprangen an und bewiesen ihm, dass er einen wunden Punkt getroffen hatte. Ansonsten ließ sie sich aber nichts anmerken.
»Woher wissen Sie das?«
»Ich bin ein Cop. Geheimnisse in Erfahrung zu bringen ist mein Job.«
»Dann müssten Sie auch wissen, dass ich meine derzeitige Situation ihnen und Major Reeves zu verdanken habe.«, sagte sie scharf.
»Aus diesem Grund habe ich Sie hierher gebeten.«, erwiderte Walker. »Ich würde mich gerne mit Ihnen über die aktuelle Situation unterhalten.«
»Was gibt es da zu unterhalten?«, fragte sie gereizt. »Sie und der Major haben Scheiße gebaut, die jetzt auf mich zurückfällt. Und wofür das Ganze? Die Spuren sind kalt, Sie haben Ihren Fall verloren, der Major sitzt hinter Gittern und ich werde womöglich degradiert. Ich war von Anfang an gegen diese Geheimniskrämerei. Cardoso denkt sogar darüber nach, mich wegen Subordination anzuklagen. Wie ich das sehe, ist die Situation doch recht eindeutig.«
Walker begegnete ihrem missbilligenden Blick mit einem locker sitzenden Lächeln.
»Ist sie das?«, fragte er und wurde übergangslos ernst. »Für mich wären da noch einige Punkte offen. Zum Beispiel die Tatsache, dass Sie die Informationen über das Attentat auf den Rat an die Medien weitergegeben und damit die gesamte Mission gefährdet haben.«
Die direkte Attacke verfehlte ihre gewünschte Wirkung nicht. Ihre starre Miene wurde für einen Augenblick erschüttert. Das Sozialmodul arbeitete auf Hochtouren.
»Was reden Sie da?«, fragte sie verwirrt.
Die Anzeigen von Walker reagierten, für eine eindeutige Aussage war es aber noch zu früh. Das Programm benötigte Zeit, um zu lernen. Walker musste sie zum Weiterreden bewegen.
»Sie wissen ganz genau, was ich meine.«, fuhr er fort. »Der Major hat mich kurz vor seinem Soloeinsatz vor Ihnen gewarnt. Mit Ihrem egoistischen Verhalten haben Sie Menschen in Gefahr gebracht. War es das wert?«
Der Blick von Sethi entflammte sich. Sie sprang vom Tisch auf. Die Reaktion ließ die Anzeigen vor Walkers Augen regelrecht explodieren.
»Ich bin nicht hergekommen, um mir schwachsinnige Anschuldigungen anzuhören! Sie haben mich getäuscht! Schieben Sie sich Ihr Verhör sonst wohin!«, brüllte sie und warf ihm einen warnenden Blick zu, der ihn auf Distanz halten sollte. »Das Gespräch ist beendet.«
Sie machte sich zum Gehen bereit, doch Walker blieb ruhig sitzen, einen Arm um die Lehne der Bank gelegt.
»Ich verstehe.«, sagte er laut genug, dass sie es hören konnte. »All die Jahre über wollten Sie nichts anderes als ein Ghost zu werden und dann entscheidet sich der Rat für den Major anstatt für Sie, obwohl er den Posten gar nicht wollte. Muss Sie verdammt wütend gemacht haben.«
Sethi hielt inne. Ihre gesamte Haltung versteifte sich. Sie wollte etwas entgegnen, verzichtete aber darauf und marschierte auf den Ausgang zu. Für Walker waren das eindeutige Zeichen ihrer Schuld. Es blieb nur noch die Frage zu klären, wie weit diese Schuld tatsächlich ging.
»Also haben Sie die gesamte Mission verraten in der Hoffnung, der Job würde Ihnen in den Schoß fallen.«, rief er ihr hinterher. »Dumm nur, dass der Plan nicht aufgegangen ist.«
Sethi hatte den Ausgang fast erreicht, machte aber Halt. Sie wandte sich mit einer so raschen Bewegung um, dass es beinahe übermenschlich wirkte. Von ihrer Maske war nichts übrig geblieben, sie war geschmolzen und als zornige Grimasse ausgehärtet.
»Ich habe es nicht nötig, mir so eine Scheiße anzuhören.«
»Nein, das haben Sie wohl nicht.«, gab Walker zurück und lächelte herausfordernd. »Sie haben sich schließlich selbst ins Knie geschossen mit Ihrer Verzweiflungstat. Immerhin haben Sie dafür Ihre ganze Karriere aufs Spiel gesetzt. Mutig. Aber eines verspreche ich Ihnen: Wenn Sie jetzt gehen, werden die Beweise den Weg in die richtigen Hände finden und dann dürfte eine Degradierung das geringste Ihrer Probleme sein.«
»Ich höre mir diesen Schwachsinn nicht länger an.«, ätzte sie und marschierte wütend aus der Bar.
Walker war überrascht, dass sie nicht auf die Drohung angesprungen war und folgte ihr nach draußen. Der Barkeeper, der sie die ganze Zeit über beobachtet hatte, wollte ihm noch etwas nachrufen, doch da ließ Walker mit einem geübten Handgriff seine Polizeimarke über die Handkante gleiten, gerade genug um den Mann hinter dem Tresen verstummen zu lassen.

Der gesamte Terranis-Zyklus

Incubatio

Band 1

380 Seiten

Dezember 2016

Expansum

Band 2

390 Seiten

Juli 2017

Mutatio

Band 3

367 Seiten

April 2018

Metamorphosis

Band 4

392 Seiten

Februar 2019

Homo Novus

Band 5

~374 Seiten

Sommer 2019

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